Lieberknechts Code für die Eintracht
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Analyse des Zweitliga-Spitzenreiters
Lieberknechts Code für die Eintracht
Von Marcus Bark
Eintracht Braunschweig antwortet auf die erste Saisonniederlage mit einem wackeligen Sieg gegen St. Pauli. Der Trainer fordert nun die Abkehr vom unbedingten Gehorsam.
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Der Braunschweiger Turn- und Sportverein hat einen Buchstaben zuviel in seiner Abkürzung. Es klingt jedenfalls wenig melodisch und ziemlich gehetzt, wenn die Fans singen: "Werdet zu Legenden - kämpfen bis zum Ende - für die Erste Liga - BTSV." Zwei Buchstaben vor dem langgezogenen Vaauuu wären optimal.
Es hört sich trotzdem beeindruckend an, wenn die Zeilen auch auf den Sitzplätzen angestimmt werden. Dazu gibt es rhythmisches Klatschen und bei vielen auch ein Fußtippeln, das nicht zu hören, aber deutlich zu sehen ist. Letzteres sieht ein wenig nach Bangen aus, und so war es auch beim Erfolg gegen St. Pauli, der bedenkenlos in die Kategorie Arbeitssieg einsortiert werden darf.
Keine Aufstiegspflicht
Torsten Lieberknecht zählte nach dem 1:0 die Punkte zusammen und kam auf 37. "Wahnsinn", sagte der Trainer der Eintracht, "und das nach 16 Spieltagen." Er sprach dann auch von den ominösen 40 Punkten, die gemeinhin als sicher klassenerhaltend angesehen werden. Wer elf von 16 Spielen gewonnen und nur eins verloren hat, wer bislang nur neun Tore kassierte und die Tabelle am 1. Advent anführt, der muss damit leben, als Aufstiegskandidat angesehen zu werden. Lieberknecht mag es nicht, dass aus der aktuellen Situation eine Pflicht zum Aufstieg abgeleitet wird. Er nennt die mögliche Rückkehr in die Bundesliga "einen Traum".
Der Trainer träumte am Mittwoch (28.11.12) schon einmal ein bisschen: "Wir wissen, dass auch Hertha BSC und der 1. FC Kaiserslautern noch Punkte abgeben werden." Die beiden Klubs folgen der Eintracht in der Tabelle und waren vor der Saison als Aufstiegskandidaten ausgemacht. Lieberknecht sagt: "Wir sind namentlich wesentlich schlechter besetzt als Lautern und die Hertha, vermutlich auch als 1860."
Taktische Investitionen
Der Beweis ist schwierig zu führen, aber Fakt ist, dass 14 Spieler aus dem Braunschweiger Kader vor zwei Jahren schon mit dem Klub in der 3. Liga spielten. Wie ist es dann, ergänzt durch meistens ablösefreie Neuzugänge möglich, nun an der Spitze zu stehen? "Wir müssen immer super viel investieren, auch taktisch", beantwortete Lieberknecht die Frage. Er ist ein Trainer, der die taktische Vielfalt mag.
Über Codewörter, die er auf das Feld brüllt, wechselt die Mannschaft ihr System. Spielte sie bei der ersten Saisonniederlage in Cottbus in einem 4-1-4-1, war es gegen St. Pauli ein 4-4-2. Gegen die Hamburger fiel auf, dass die Spieler nicht nur innerhalb ihres jeweiligen Mannschaftsteils rotierten, sondern auch zwischen ihnen. Eine gestaltende Rolle, ob nun als defensiver Mittelfeldspieler oder auf der rechten Hälfte der Viererkette (manchmal als Innen- manchmal als Außenverteidiger), nahm Marc Pfitzner ein. Mirko Boland deckte mit fleißiger Laufarbeit das Zentrum ab, auf den Flügeln im Mittelfeld versuchten sich mit bescheidenem Erfolg die eineiigen Zwillinge Raffael und Gianluca Korte. Im Angriff verfügt der BTSV mit dem spielintelligenten Kapitän Dennis Kruppke und dem schnellen und sehr beweglichen Domi Kumbela (Torschütze in der 17. Minute) über Spieler des gehobenen Zweitligaformats.
Erst aufregen, dann streicheln
Durch den frühen Platzverweis für St. Pauli in der 22. Minute verlor das Spiel an taktischem Reiz. Auch spielerisch bot es in der zweiten Halbzeit wenig, was auch dem Zustand des Rasens geschuldet war. Die Braunschweiger spielten bei besten Kontergelegenheiten den Ball hoch statt flach und scharf, da sie (auch) die Tücken des Rasens fürchteten.
Lieberknecht regte sich über die Spielfläche und die technischen Mängel seiner Profis auf, streichelte sie später im Pressecontainer hinter der Baustelle Haupttribüne aber wieder. Dass seine Mannschaft trotz der limitierten Möglichkeiten auf vielen Ebenen die Tabelle anführe, sei "eine Charaktergeschichte". Seit 2008 trainiert der ehemalige Bundesligaprofi nun die Eintracht. Noch immer, so Lieberknecht, hingen ihm die Spieler an den Lippen: "Sie wollen bis zum Exzess durchziehen, was der Trainer vorgibt." Das sei in einer Art für ihn "natürlich schön", aber er wünsche sich nun auch den "nächsten Schritt" zu mehr Selbstständigkeit.
Stand: 29.11.2012, 11:21