Wie ein Transfer in der Bundesliga über die Bühne geht

Schalke-Spieler auf der Ersatzbank

Fragen und Antworten

Wie ein Transfer in der Bundesliga über die Bühne geht

Von Jörg Strohschein

Einen Fußballer zu verpflichten, ist eine komplexe Angelegenheit. Am Beispiel des FC Schalke 04 zeigt sportschau.de, wie schwierig es bis zur Unterschrift unter einen Vertrag ist.

Jetzt, wo das Wintertransferfenster geöffnet ist, stellen sich die Verantwortlichen wieder die Frage, wie sie möglichst schnell und günstig an Verstärkungen für ihr Team kommen. Aber: Wie findet der Klub den richtigen Spieler? Wie kommt er an Informationen über mögliche Kandidaten? Was geschieht bis zur Vertragsunterzeichnung. sportschau.de zeigt am Beispiel des FC Schalke 04 auf, welche Prozesse bei einem Transfer ablaufen.

Wie stößt der FC Schalke 04 auf eine mögliche Verstärkung?

Zunächst einmal erstellen das Trainerteam um André Breitenreiter und Manager Horst Heldt in gemeinsamen Gesprächen eine ausführliche Analyse zu den wichtigsten Fragen: Wie soll die Mannschaft künftig taktisch agieren? Auf welcher Position besteht Handlungsbedarf. "Und dann gibt es verschiedene Wege, wie man an geeignete Spieler gelangt", sagt Heldt zu sportschau.de.

Welche Wege sind das?

Der erste Weg ist das hausinterne Scouting, das bei den Schalkern vier Personen umfasst. Diese Experten sind das ganze Jahr weltweit mit der Spielersuche befasst. Die Scouts werden zunächst über die Analyse-Ergebnisse der sportlichen Leitung informiert. Danach wird ihnen ein Profil des gesuchten Spielers an die Hand gegeben. Faktoren wie Alter, Sprache und vor allem die individuellen sportlichen Qualitäten stehen im Vordergrund. "Dabei verfolgen wir Prioritäten. Möglichst sollte der Spieler aus Deutschland kommen. Wenn es hier keinen Spieler mit unserem Anforderungsprofil gibt, weiten wir die Suche auf ganz Europa aus. Sollten wir dann noch immer niemanden gefunden haben, suchen wir auf dem gesamten Globus", sagt Heldt. "Die Suche steht und fällt natürlich mit dem Budget." Damit fallen einige Spieler schon im Vorfeld durch das Raster.

In welcher Form berichten die Scouts von ihrer Suche?

Die Scouts liefern schriftliche Berichte zu ihren Recherchen. Die Spieler werden detailliert in ihren Stärken und Schwächen charakterisiert. Beispiele: Wie gut ist der linke oder der rechte Fuß? Wie verhält sich der Spieler im Zweikampf? Ist das Kopfballspiel ausreichend? Ist der Spieler schnell, hat er eine gute Technik? "Es gibt eine Benotung für jeden Faktor, fast wie in der Schule", sagt Heldt. Könnte dieser Spieler dann ein Kandidat sein, erhält ein weiterer Scout den Auftrag zur Begutachtung. Erst wenn mehrere Scouts überzeugt von dem Kandidaten sind, wandert der Bericht zum Trainerteam, das sich dann mit dem Profi beschäftigt. Sollten die Coaches den Spieler ebenfalls interessant finden, kommt es zu einer ersten Kontaktaufnahme und dann zu einem gemeinsamen Treffen.

Welche Rolle spielen weichere Fakten wie das Sozialverhalten eines Spielers?

"Das spielt bei der Scoutingauswahl erst einmal keine Rolle", sagt Heldt. Erst in den weiteren Schritten werden auch diese Faktoren beleuchtet. Das Sozialverhalten wird dann parallel zu den persönlichen Gesprächen mit Trainerteam und Managern untersucht. Wie ist das Auftreten in der Öffentlichkeit? Wie verhält sich der Spieler in der Gruppe? Die Recherche in den sozialen Medien spielt dabei eine wichtige Rolle, aber vor allem die Eindrücke aus den persönlichen Gesprächen mit dem Spieler sind entscheidend.

Gibt es weitere Überprüfungmechanismen?

Außerdem beobachten die Schalker wenn möglich auch Trainingseinheiten des Spielers. Sie möchten erfahren, welches Engagement er zeigt, aber auch, welche Rolle er in der jeweiligen Gruppe einnimmt. Diese Erkenntnisse haben in der Vergangenheit bereits dazu geführt, dass Spieler trotz der erfüllten sportlichen Voraussetzungen nicht verpflichtet wurden.

Was, wenn der Spieler schon prominent ist?

Horst Heldt

Horst Heldt

"Es gibt immer eine Flut von Vorschlägen von Spielerberatern, die an mich, die Trainer und die Scoutabteilung gerichtet sind. Dann setzt erst einmal der gleiche Prozess wie beim ersten Weg ein", sagt Heldt. Handelt es sich allerdings um einen namhaften und bekannten Spieler, fällt in der Regel der Prozess des ersten Kennenlernens weg. Zudem gibt es eine Reihe von speziellen Datenbanken, in denen die jüngsten Leistungsdaten des Profis abrufbar sind, die die sportliche Leitung dann auch genau analysiert.

In früheren Jahren wurden viele Spieler auf Grundlage von Best-of-Videos verpflichtet. Sind diese Zeiten vorbei?

"Ganz ausschließen kann man so etwas sicher nicht. Mittlerweile sind alle Vereine aber sehr darum bemüht, möglichst viele Informationen in allen Bereichen einzuholen", sagt Heldt. Gerade die fußballspezifischen Datenbanken sind bei der Auswahl eine große Hilfe. Dort sind europa- und auch weltweit einzelne Spieler bis hinunter zu den U17-Teams abrufbar. Es gibt dort neben umfangreichen Leistungsdaten viele Video-Rubriken, mit deren Hilfe zum Beispiel Offensiv- und Defensivszenen oder auch ganze Spiele angesehen werden können. "Es ist alles sehr viel gläserner geworden", sagt Heldt.

Es wird regelmäßig von Details bei Verträgen, die die Verhandlungen verzögern oder gar scheitern lassen, gesprochen. Worum handelt es sich dabei?

Dabei geht es vor allem um das Gehalt und um Fragen der Zusatzleistungen. Bekommt der Spieler eine Ausstiegsklausel und wie hoch soll diese beziffert sein? In manchen Fällen fordert der Profi eine bestimmte Zahl an Freiflügen. Oder der Verein soll ein Haus mietfrei zur Verfügung stellen. Oder es geht um Fragen der längerfristigen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Manche Spieler haben einen Privatvertrag mit einem Ausstatter, der sich von dem des Vereins unterscheidet. "Sind diese vielen Details erst einmal geklärt, muss man sich mit dem Spielerberater noch über das Honorar einigen", erläutert Heldt.

Gibt es eine weitere Hürde, bevor ein Vertragsabschluss zustande kommen kann?

Der obligatorische Medizincheck ist eine höhere Hürde, als vielfach angenommen. Selbst wenn die vollständig ausverhandelten Verträge unterschriftsreif vorliegen, scheitern einige Verpflichtungen an der körperlichen Verfassung. Dieser Umstand wird der Öffentlichkeit nur selten mitgeteilt, mit Rücksichtnahme auf den betroffenen Spieler. Auch dadurch können einige Verträge nicht abgeschlossen werden.

Was gibt den entscheidenden Anstoß zu einer Verpflichtung?

"Am Ende ist das Gefühl nach den persönlichen Gesprächen zwischen der sportlichen Leitung und dem Spieler entscheidend", sagt Heldt.

Stand: 07.01.2016, 08:30

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