Bremen - Unkontrollierte Offensive
Neuer Abschnitt
Die Abwehrprobleme bei Werder sind Teil des Systems
Bremen - Unkontrollierte Offensive
Von Christian Hornung
Bayern steht bei 7. Werder bei 37. Was die Gegentore angeht, knüpfen die Bremer nicht an die Tradition der "kontrollierten Offensive" an. Eine Geschichte über Abwehrstrategen und Missverständnisse.
Neuer Abschnitt
Fast zwei Gegentreffer im Durchschnitt - eine verheerende Zwischenbilanz. Wenn man sich die Historie des immer schon auf herzerfrischenden Angriffsfußballs bedachten Vereins anschaut, dann ist dieses Problem nicht zwangsläufig der Fokussierung auf die Offensive geschuldet. Schon 1964/65 war Bremen ein Bollwerk. Der Sturm belegte mit 54 erzielten Toren nur Platz vier der Liga. Doch die Deckung um Werder-Legende Horst-Dieter Höttges, Helmut Jagielski und Torwart Günter Bernard stand derart sicher, dass der Verein von der Weser mit nur 29 Gegentoren völlig überraschend seine erste Deutsche Meisterschaft feiern konnte.
Beim zweiten Titel in der Saison 1987/88 sah es ähnlich aus. Verfolger Bayern hatte zwar 22 Tore mehr erzielt, auch Stuttgart und Hamburg öfter getroffen. Doch Fußball-Philosoph Otto Rehhagel hatte damals gerade die "kontrollierte Offensive" erfunden - und sie mit nur 22 Gegentoren überragend untermauert. Mit Rune Bratseth hatte Rehhagel damals den für die Balance wichtigen Abwehrchef installiert. Ein Mitglied dieser Meistermannschaft hieß übrigens Thomas Schaaf - der in dieser Saison bislang vergeblich nach der passenden Abwehrformation fahndet.
Bratseth, Beiersdorfer, Borowka
Als Bremen 1993 Meister wurde, hielt immer noch Bratseth, unterstützt von Dietmar Beiersdorfer und Uli Borowka, die Defensive zusammen, Werder stellte mit 30 Gegentoren erneut die beste Abwehr der Liga. Beim nächsten Titel 2004 hatten die Bremer sogar gleich drei herausragende Abwehrsäulen: Valérien Ismael, Mladen Krstajic und Frank Baumann, der zwischen Mittelfeld und Innenverteidigung pendelte. Auch ihre Nachfolger Per Mertesacker und Naldo zählten zur europäischen Güteklasse, so dass Bremen noch lange Zeit Dauergast in der Königsklasse des Fußballs war.
Mielitz fehlt die Courage
Sebastian Mielitz bringt keine Sicherheit, aber allein schuld ist er nicht.
In der aktuellen Spielzeit ist es eher die Holzklasse, weil Werder offenbar die Qualität der Defensivspieler überschätzt hat. Eigengewächs Sebastian Mielitz im Tor zu vertrauen und nicht den lange gehandelten Kevin Trapp (ging dann nach Frankfurt) zu holen, war ein mutiger Versuch, der sich bislang als Fehlentscheidung entpuppt. Mielitz strahlt keine Souveränität aus, und Gegentore wie zuletzt von Hamburgs Son zeigen, dass es ihm offenbar auch an Courage fehlt: Mielitz tauchte so früh ab, dass Son aus spitzem Winkel freie Schussbahn hatte.
Patzer über Patzer
Doch auch seine Vorderleute leisteten sich in der Hinrunde Patzer über Patzer. In die Saison ging Thomas Schaaf mit dem Griechen Sokratis und dem Österreicher Sebastian Prödl, die beide allenfalls Ligadurchschnitt sind. Zwischendurch bekam der aus Düsseldorf verpflichtete Assani Lukimya seine Chance, nutze sie aber nicht. Schaaf ließ wieder Prödl spielen, der aber nun gegen den HSV wieder Lukimya weichen musste. Im Winter reagierte der Verein auf die Abwehrmisere und holte Mateo Pavlovic aus Zagreb. Doch von der Chefrolle ist der 22-Jährige noch sehr weit entfernt. Er wird gegen Hannover vermutlich noch nicht mal im 18er-Kader stehen.
Stand: 30.01.2013, 20:12