VfB Stuttgart - schwäbischer Weg der Besserung

VfB-Coach Jürgen Kramny (r.) beim Testspiel gegen die Würzburger Kickers

Stuttgart vor dem Rückrunden-Start

VfB Stuttgart - schwäbischer Weg der Besserung

Von Frank Hellmann

Beim VfB Stuttgart hat Jürgen Kramny das Trainingslager in Belek genutzt, um den Bundesligisten stabiler aufzustellen. Damit grenzt sich der Coach klar von seinem Vorgänger ab.

Für Jürgen Kramny waren es die "deutschen Bedingungen". Was der Trainer des VfB Stuttgart damit nach dem Testspiel gegen die Würzburger Kickers (1:2) am Sonntag meinte: die grimmige Kälte, der unebene Platz, die unbequeme Spielweise des Gegners. "Da müssen sich der Körper und der Kopf der Spieler erst einmal umstellen." Unter dem Strich war der 44-Jährige wohl gar nicht so unzufrieden, dass seine Mannschaft beim finalen Charaktertest gegen den Drittligisten eine Niederlage kassierte. Ein Weckruf zur rechten Zeit?

Teamgeist wieder gestärkt

Schon vor der Abreise aus dem Trainingslager in Belek hatte Kramny ja angemahnt, dass jede Überheblichkeit fehl am Platz sei, nur weil es in der türkischen Riviera teilweise schon ganz gut aussah, wie seine Mannschaft agierte. Zu oft verlief eine Vorbereitung bei den Schwaben vermeintlich erfreulich und dann setzte nach den ersten Herausforderungen im Alltag das böse Erwachen ein. Kramny: "Was zählt, ist die Bundesliga und das erste Spiel beim 1. FC Köln. Und wir tun gut daran, nicht nachlässig zu werden." Der gebürtige Ludwigsburger, der zuvor die zweite Mannschaft betreut hatte und am 24. November vergangenen Jahres die Verantwortung für die Profis übernahm, beackert ein breites Aufgabenfeld: Einerseits spielt er den strengen Mahner, damit sich durchaus begabte Akteure wie Daniel Didavi oder Timo Werner nicht zu viele Auszeiten nehmen, andererseits fördert er die gute Laune, weil der Teamgeist für ihn ganz oben auf der Prioritätenliste steht.

Spagat zwischen Spaß und Ernst

Daniel Schwaab, Artem Kravets und Georg Niedermeier (v.l. )

Daniel Schwaab, Artem Kravets und Georg Niedermeier (v.l. )

Und in dieser Hinsicht war die Rückrundenvorbereitung ein Fortschritt, weil die VfB-Spieler ziemlich viel Spaß untereinander gehabt hätten. Sportdirektor Robin Dutt erzählte beispielsweise amüsiert vom "Ballweitwurf in den Mülleimer und irgendwelchen Spielen am Strand", die zur Belustigung beigetragen hätten. Oder die Spieler seien geschlossen nach dem Essen sitzen geblieben, "um sich mal stockkonservativ zu unterhalten". Ohne ständig am Smartphone herumzufingern. Dutt erklärte, er habe irgendwann gemerkt, dass der Spagat zwischen Ernst und Spaß gelingen kann: "Vollgas auf dem Platz geben und Lockerheit im Hotel ausleben." Die Leistungen gegen Antalyaspor (2:1), Bochum (0:0) und Hannover (2:0) in Belek waren ordentlich. In diesen drei Partien nur ein Gegentor kassiert zu haben, war dabei die wichtigste Erkenntnis für den Coach.

Geordnete Defensive

Kramny nennt als Ziel für die zweite Halbserie: "Wir wollen unsere Qualität in der Offensive zeigen, aber die Defensive nicht vernachlässigen." Die Abgrenzung vom Vorgänger, dem diesbezüglich beratungsresistenten Alexander Zorniger, ist beim zunehmend selbstbewusster gewordenen Coach deutlich herauszuhören. Die Devise: Risiko minimieren. Das Motto: "Wir wollen Stabilität aufbauen. Wir werden kein Harakiri-Fußball mehr spielen." Das Team soll durchaus ins Gegenpressing gehen, aber das blinde Anrennen ins Verderben bitte aufhören. Kramny und Dutt wissen, dass der Kader trotz der Langzeitausfälle von Martin Harnik und Daniel Ginczek deutlich mehr spielerische Qualität vereint als beispielsweise bei den Konkurrenten in Hannover oder Bremen. "Aber darauf dürfen wir uns nicht verlassen", warnt Dutt, "wir müssen mit jeder Faser auch Emotionalität, Mentalität und Aktivität zeigen." Es gebe schließlich einen Grund, warum der Verein mit dem roten Brustring wieder unten stehe.

Großkreutz und Kravets im Fokus

Auch für den ehemaligen DFB-Sportdirektor steht ab sofort einiges auf dem Spiel: Nicht mit allen Personalentscheidungen lag Dutt bislang richtig. Nun stehen seine Personalien auf dem Prüfstand: die Verpflichtung von Kevin Großkreutz (Galatasaray) und das Leihgeschäft mit Artem Kravets (Dynamo Kiew). Weltmeister Großkreutz zeigte bislang eher unauffällige Vorstellungen. Der 27-Jährige kam wechselweise rechts hinten in der Viererkette und links am Flügel zum Einsatz. Spannende Frage, ob ihn Kramny ("zwei, drei Positionen sind noch umkämpft") gleich zum Auftakt einsetzt, denn der Ex-Dortmunder war in Istanbul seit Sommer ohne Wettkampfpraxis. Und Kravets? Der ukrainische Nationalspieler, der die EM keinesfalls verpassen will, war in Kiew eingedenk namhafter Konkurrenz im Sturm zuletzt kein Stammspieler, aber der Ukrainer hat allein deshalb gute Chancen auf die Anfangsformation, weil mit Harnik und Ginczek zwei gesetzte Offensivspieler fehlen. Der 26-Jährige, der bereits seit Wochen Deutsch paukte, will sofort durchstarten, zeigte sich aber von der Intensität des Trainings beeindruckt. "Er weiß, wie es funktioniert", glaubt Dutt. Immerhin: Kravets schoss gegen Würzburg den einzigen VfB-Treffer. Und das bei "deutschen Bedingungen".

Stand: 19.01.2016, 08:30

Darstellung: