Verschlusssache Fußballtraining

Bayern-Training mit Sichtschutz

Negative Tendenz in der Bundesliga

Verschlusssache Fußballtraining

Von Frank Hellmann

Einfach mal beim Training des Lieblingsvereins vorbeischauen, das geht für die Fans kaum mehr. Immer mehr Klubs schotten sich streng von der Öffentlichkeit ab, wenn die Stars üben. Damit geht auch ein Stück Fußballkultur verloren. Eine Bestandsaufnahme.

Immerhin: Die Hinweise auf der Homepage des FC Bayern zu einem Trainingsbesuch fehlen nicht. Unter den Rubriken "Club" und "Säbener Straße" findet sich eigens ein Feld "Ihr Trainingsbesuch". Und gleich die Bemerkung, dass der FC Bayern "als einer der wenigen europäischen Topklubs seinen Fans regelmäßig die (kostenlose) Gelegenheit bietet, die Spieler beim Training zu beobachten".

Klingt erst einmal nicht abweisend. Doch unter den Terminen ist nur ganz selten ein öffentliches Training eingetragen. Und was haben bloß die grauen Planen zu bedeuten, die den Trainingsplatz hinter dem Bestandsgebäude an der Säbener Straße vor fremden Blicken schützen? Das wirkt dann doch wenig einladend. "Heute kein öffentliches Training" heißt es oft tagelang. Meist nur noch einmal die Woche, häufig beim Üben der Reservisten und Auslaufen der Stammkräfte, öffnet der Branchenführer seine Türen.

Autogramme jagen nicht erwünscht

Geheimtraining ist in München längst Regel statt Ausnahme geworden, nachdem es im Sommer 2011 noch unter der Regie von Jupp Heynckes teils zu chaotischen Szenen gekommen war, als bis zu 4000 Anhänger aufs Gelände pilgerten. Fortan wurden die Fans vermehrt ausgesperrt, zumal schon Louis van Gaal und vor allem Jürgen Klinsmann lieber ungestört üben wollten.

Als Pep Guardiola 2013 übernahm, war es bald endgültig damit vorbei, dass Journalisten jeden Zweikampf, jedes Gerangel aus dem Trainingsbetrieb interpretierten – und oft genug in eine Richtung, die einem um die mediale Deutungshoheit bemühten Fußball-Unternehmen nicht gefiel. Die Installation der grauen Vorhänge soll rund 80.000 Euro gekostet haben. Und die wenigen öffentlichen Einheiten folgen klaren Regeln, wenn die Zuschauer vom Ordnungsdienst auf eine eigene Tribüne beim vereinseigenen Fanshop geleitet werden.

In den Anweisungen des Vereins heißt es: "Die Trainingseinheiten unserer Profis sind keine Showtrainings! Jede Trainingseinheit gilt der konzentrierten Vorbereitung auf kommende Spiele." Durch die 1,40 Meter hohen Werbebanden könnten Kinder nicht hindurchsehen. Und auf der Jagd nach Autogrammen solle man nicht die Stars bei der Ausfahrt aus der Tiefgarage anhalten, sondern den FC Bayern anschreiben.

Dortmund hat den Spionagehügel gekauft

Fans beim Training der Borussia

Der Spionagehügel in Dortmund, den Fans gerne nutzten

Eine ähnliche Distanz hält auch Borussia Dortmund. Bei den Westfalen ist es inzwischen fast unmöglich, dem Trainingsgelände im Stadtteil Brackel die "echte Liebe" zu den Idolen auszuleben. Nur ein- oder zweimal im Monat haben die schwarz-gelben Anhänger die Möglichkeit, ihren Lieblingen bei der Alltagsarbeit zuzusehen. Es sei denn, sie kletterten auf einen kleinen Berg, der nicht zum Trainingsgelände gehörte, von dem aber Fans, Journalisten und Fotografen vieles verfolgen konnten.

Mittlerweile hat sich der BVB das dazugehörige Grundstück gesichert. Für einen Kaufpreis von angeblich mehr als 300.000 Euro, um damit das letzte Schlupfloch zu schließen.  Der "Spionage-Hügel" war vor allem Cheftrainer Thomas Tuchel ein Dorn im Auge, der schon in seiner Zeit beim FSV Mainz 05 am liebsten unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren ließ. Seine damalige Begründung: Er wolle ungestört Kommandos geben, die er nicht am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen müsse.

Selbst der Tabellenletzte macht zwei Tage die Tür zu

Was die Branchenführer FCB und BVB tun, hat sich in der Liga flächendeckend ausgebreitet. Und das Versteckspiel reicht bis in die kleinsten Klubs. Der SV Darmstadt 98 führt zwar den Slogan "Wir Lilien. Aus Tradition anders", aber in dieser Hinsicht verhält sich der Tabellenletzte gar nicht so viel anders. Donnerstag und Freitag  vor einem Samstagspiel sind die Einheiten nicht-öffentlich, wobei Neu-Trainer Torsten Frings gar nicht rigoros sein will: "So viele sind es bei uns ja eh nicht, und wenn es wirklich mal zu viele sein sollten, können wir immer noch zumachen."

In unmittelbarer Nachbarschaft beim FSV Mainz 05 gelten folgende Gepflogenheiten: Cheftrainer Martin Schmidt hat zuletzt meist nur das Training am Dienstagmorgen (10 Uhr) und am Donnerstagnachmittag (15 Uhr) öffentlich zugänglich gemacht. Ansonsten müssen Fans wie Journalisten beim rheinhessischen Bundesligisten draußen bleiben, obwohl es auch am Bruchweg nun wahrlich nicht zu Massenaufläufen kommt.

In Frankfurt wurde kürzlich ein neuer Platz eingezäunt

Eintracht Frankfurt, Training, Sichtschutz

Der neue Sichtschutz auf dem Frankfurter Trainingsgelände

Aber geht es darum? Auch bei Eintracht Frankfurt verlieren sich an Tagen außerhalb der Ferienzeiten nur rund 100 Kiebitze im Stadtwald, die sich früher an eine hüfthohe Absperrung der drei Rasenplätze stellten, um das Training zu verfolgen. Doch unter Niko Kovac sind die einsehbaren Einheiten ein exklusives Gut geworden. "Wir wollen beim Training nicht vom Gegner beobachtet werden", lautete das Argument des Cheftrainers, als er mitten im Abstiegskampf der vergangenen Spielzeit vermehrt die Schotten dicht machte.

In dieser Saison nutzte Kovac mit seinen Kickern so häufig den durch blickdichte grüne Planen geschützten Trainingsplatz auf der Kleinen Kampfbahn an der Wintersporthalle, dass kürzlich die Rasenfläche erneuert werden musste. Dafür wurde flugs ein weiteres Spielfeld vor der Haupttribüne mit Stahlgittern und Sichtschutz umstellt. Das sieht nun wenig einladend aus und dient als weiteres Symbol der Abschottung. Kinder, die von einer Stadionführung kommen, können somit nicht mehr ihren Lieblingen zusehen.

Warnung vor freilaufenden Bullen

Selbst der eigentlich um Volksnähe bemühte SC Freiburg gestattet in der Regel nur noch zwei öffentliche Trainingseinheiten unter der Woche. Der Sportclub fürchtet neugierige Blicke der Konkurrenz. Im Breisgau zog das Sicherheitspersonal nämlich mal einen Spion vom 1. FC Köln aus dem Gebüsch, der hier  bestens bekannt war: Ex-Stürmer Uwe Wassmer. Denn es ist ja  innerhalb der Branche üblich, den Trainingsbetrieb des Gegners zu studieren, um etwa bei  Standardsituationen nicht überrascht zu werden.

Einfacher haben es die Klubs mit eigenen Trainingszentren: Die TSG Hoffenheim muss nur das große Eingangstor in Zuzenhausen zusperren und ungebetene Gäste kommen erst gar nicht aufs Gelände. Auch auf das moderne Zuhause von RB Leipzig am Cottaweg kommt niemand ohne einzelne Einlassberechtigung. Anhängern wird immerhin auf originelle Art verdeutlicht, ausreichend Abstand zu halten. Auf dem elektrisch verschließbaren Stahltor steht: "Vorsicht - freilaufende Bullen!"

Der 1. FC Köln probt den Spagat

Die Gefahr bei einer derartigen Distanzierung liegt auf der Hand: Die Fußballer und die Fans, durch die surrealen Summen für Ablösen und Gehälter ohnehin getrennt, entfremden sich immer weiter. Ein Traditionsverein wie der 1. FC Köln probt deshalb den Spagat. Irgendwann verordnete Trainer Peter Stöger in dieser Frage: "Wir ziehen uns für den Feinschliff zurück. Wir wollen niemanden vor verschlossenen Türen stehen lassen. So wissen alle Bescheid." Grundsätzlich soll der Trainingsbetrieb keine Verschlusssache sein, zumal die baulichen Gegebenheiten am Geißblockheim gar nicht ermöglichen, sich hermetisch abzuriegeln.

Was bei den Rheinländern bei den öffentlichen Trainingseinheiten passiert, ist mitunter bis ins letzte Detail auf der Insider-Plattform www.fussballtraining.de nachzulesen. Über die Einheit vom 2. März 2017 ist hier zu erfahren, dass 18 Feldspieler und zwei Torhüter den Trainingsplatz betraten, ein zehnminütiges Warmup mit Lauf-ABC folgte und dann die Konzentration in den Übungen auf Ballbesitz und Diagonalbälle lag.

Auch der Aufreger des Tages ist hier verschriftlicht: "Nach einem versehentlichen Schlag gegen Dominique Heintz regte sich Anthony Modeste furchtbar auf und ging ohne Entschuldigung weg. Der Stürmer war es auch, der nach einer misslungenen Flanke flüsterte: 'Leck mich am…'" Offenbarungen dieser Art passieren in München eher nicht. Der letzte Trainingsreport des FC Bayern datiert auf dieser Website vom 21. August 2015 - ein öffentliches Training noch unter der Regie des längst bei Manchester City tätigen Pep Guardiola.

Stand: 13.03.2017, 08:28

Bundesliga | Tabelle

Rang Team S P
1. Bayern München 25 62
2. RB Leipzig 25 49
3. Bor. Dortmund 25 46
4. 1899 Hoffenheim 25 45
5. Hertha BSC 25 40
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16. Hamburger SV 25 27
17. FC Ingolstadt 04 25 19
18. SV Darmstadt 98 25 15
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