Die eingeschränkte Reiselust der Liga

Werder Bremen bezieht sein Trainingslager in Rojales Alicante

Wintertrainingslager

Die eingeschränkte Reiselust der Liga

Von Frank Hellmann

Eine extrem kurze Winterpause ist der Grund dafür, dass sich fast jeder zweite Bundesligist in heimischen Gefilden vorbereitet. Die Hälfte der Erstligisten fliegt nach Spanien. Und die Bayern wie immer nach Katar. Doch solch Fernweh ist die Ausnahme.

Auf den ersten Blick hat der SV Werder keine schlechte Wahl getroffen. Ein gepflegter Rasenplatz in hügeligem Gelände, ein schmuckes Anwesen mit weitläufigem Golfplatz: In einem Golf & Spa Resort nahe der spanischen Ortschaft Algorfa, rund 40 Kilometer südlich von Alicante, bereitet sich der Bundesligist auf die Rückrunde vor.

Die Bremer geben ein gutes Beispiel, wie gespalten die Liga ist, ob ein Trainingslager im Januar 2018 wirklich Sinn ergibt. Als Alexander Nouri als Cheftrainer noch das Sagen hatte, war bei den Hanseaten eigentlich keines geplant. Nachfolger Florian Kohfeldt begründete die Rolle rückwärts so: "Wir hatten keine gemeinsame Sommervorbereitung, da halte ich es für unheimlich wichtig, noch einmal wegzukommen."

Das Ambiente soll helfen, die von Kohfeldt gesteckten Ziele fürs neue Jahr ("schnell vom Abstiegskampf verabschieden und im Pokal weiterkommen") zu erreichen, schließlich vermittelt spanische Sonne einen höheren Wohlfühlfaktor als norddeutsches Schmuddelwetter. Kohfeldt gestattete seinen Kickern sogar die individuelle Anreise aus dem Urlaubsort – prompt verpasste Innenverteidiger Lamine Sané seinen Flieger und musste nachreisen.

Früher war Zeit für den DFB-Hallenpokal

Die Zeit drängt für alle Protagonisten, schließlich war die Winterpause im deutschen Oberhaus selten so kurz wie diesmal. Noch vor drei Jahrzehnten dauerte sie zweieinhalb Monate. In den Spielzeiten 1986/87 und 1987/88 warteten Anhänger geduldig geschlagene 76 Tage auf die Fortsetzung des Betriebs, denn über Rasenheizungen verfügten nur die wenigsten Stadien, und ein so beliebter Freiluftsport sollte nicht länger auf Eis- und Schneeböden zur Aufführung kommen. Stattdessen wurde im Rahmenterminkalender für mehr als ein Jahrzehnt sogar ein offizieller DFB-Hallenpokal eingepflegt.

Längst haben Verbände wie FIFA und UEFA den nationalen Ligen mittlerweile die Luft zum Atmen genommen. In diesem Sommer erhöht zudem nicht allein die WM 2018 in Russland den Zeitdruck, sondern die neuen Fernsehverträge erlauben in einer Saison nur noch zwei englische Wochen. Ergo wird bereits das zweite Januar-Wochenende bespielt, zumal der deutsche Profifußball ungern sieht, wie die englische Premier League ihre weltweite Präsenz mit ihrem Alleinstellungsmerkmal über die Feiertage noch weiter ausbaut.

Trainingssteuerung ist schwierig geworden

Die Vereine proben den Spagat. Gerade die Trainingssteuerung ist selbst für erfahrene Fußballlehrer eine diffizile Angelegenheit. Bei ein, zwei Testspielen ist es ferner kaum möglich, neue taktische Grundmuster einzustudieren, geschweige denn Neuzugänge behutsam zu integrieren. "Was haben wir denn für eine Vorbereitung?" fragte Altmeister Jupp Heynckes zähneknirschend im alten Jahr. Für den FC Bayern liegen zwischen dem DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund (20. Dezember 2017) und dem Eröffnungsspiel der Rückrunde bei Bayer Leverkusen (12. Januar 2018) gerade einmal 22 Tage.

"Das war kein Urlaub, das war nur ein Wimpernschlag der Regeneration. Man konnte kurz durchatmen. Ich hoffe, dass wir alle den Akku wieder aufgetankt haben", sagte Heynckes nun kurz vor dem Abflug nach Doha. Die Münchner schlagen ihre Zelte für ein Wintercamp erneut im Wüstenemirat auf - auch wenn klimatisch zwischen Katar und Deutschland ungefähr derselbe Unterschied besteht wie sportlich zwischen dem Branchenprimus und dem Rest der Liga.

Spanien bietet viele Pluspunkte

Naldo im Trainingslager

War mit Schalke schon 2017 vor Ort: Naldo im Trainingslager in Benidorm

Von dem weilt jetzt die Hälfte auf der iberischen Halbinsel. Die Reiseziele reichen von Sotogrande (SC Freiburg), Jerez de la Frontera (Hamburger SV) bis Marbella (Borussia Dortmund und VfL Wolfsburg) an der Costa del Sol, von La Manga (VfB Stuttgart), Alicante (Eintracht Frankfurt) bis nach Benidorm (FC Schalke 04) an der Costa Blanca. Die Kanareninsel Teneriffa hat der FC Augsburg angesteuert. Solche Domizile können mit guter Infrastruktur, mildem Klima und kurzen Flugzeiten punkten.

Keine Rolle spielt aus sicherheitspolitischen Fragen die türkische Riviera, an der sich in Hochzeiten gefühlt fast der gesamte deutsche Fußball von der ersten bis zur dritten Liga die Klinke in die Hand gab. Wie sehr der Rückrundenbeginn die Überlegung für ein Trainingslager beeinflusst, ist an der zweiten Liga zu besichtigen, die am 23./ 24. Januar mitten in der vierten Kalenderwoche den Restart-Knopf drückt: Nur zwei Klubs bleiben zuhause, 14 Vertreter jetten bald ebenfalls nach Spanien.

Leverkusen wäre gerne nach Orlando geflogen

Ferne Ziele, wie sie Bayer Leverkusen bis ins vergangene Jahr auch aus Vermarktungsgründen mit Orlando im US-Bundesstaat Florida ansteuerte, kommen nicht mehr infrage, weil damit zwei Tage für An- und Abreise vergeudet würden. Auch die Zeitverschiebung wäre ein K.o.-Kriterium. Mit der Werkself bleiben immerhin acht Erstligisten lieber in vertrauter Umgebung.

Und als Heimschläfer entfällt jeder Anpassungsprozess, zumal nun ja auch hierzulande zweistellige Plusgerade angekündigt sind. Viele Fußballfans unken schon: Der deutsche Winter wird erst sein Gesicht zeigen, wenn der Ball in der Bundesliga wieder rollt. Ein Szenario, das bei den sieben anberaumten Spieltagen im Januar und Februar 2018 nicht unwahrscheinlich wirkt.

Hasenhüttl - "Wir haben hier optimale Voraussetzungen"

Sportschau | 02.01.2018 | 00:18 Min.

Stand: 02.01.2018, 13:01

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