Stefan Kießling - der Unverstandene

Stefan Kießling

Die Leiden des Bayer-Stürmers

Stefan Kießling - der Unverstandene

Von Jörg Strohschein

Stefan Kießling ist der beste Torschütze der laufenden Saison in der Fußball-Bundesliga. Die Nationalmannschaft scheint für den 29-Jährigen dennoch in weiter Ferne zu sein.

Der Titel zeugt von einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. "Erfolgsrezepte" heißt das Kochbuch, das Stefan Kießling für sich, seine Familie und seine Freunde geschrieben hat. Kochen ist die zweite Passion des Angreifers von Bayer 04 Leverkusen. Mit 15 Jahren musste er sich entscheiden: Entweder eine Karriere mit den Töpfen in der Hand, oder doch lieber Fußball.

Aus Sicht der Leverkusener hat Stefan Kießling die optimale Entscheidung getroffen. Er hat sich am Rhein zu einem unumstrittenen Leistungsträger und Publikumsliebling entwickelt. "Aber Kochen macht mir immer noch Spaß. Es ist anspruchsvoll und entspannend", sagt der 29-Jährige.

All die Sympathie, die ihm in seinem Klub entgegengebracht wird, nützt ihm an anderer Stelle aber offenbar nichts. So wie es aussieht, wird er die Zeit außerhalb der Bundesliga- und Europacupspiele künftig auch weiterhin ausgiebig nutzen können, um sich seinem Hobby umfassend zu widmen. Denn beim Thema Nationalmannschaft passiert nichts.

Türöffner für Bayer 04 Leverkusen

Mit 13 Treffern nach 19 Bundesligapartien ist Stefan Kießling der beste Torschütze der Liga, sechs Torvorlagen runden die bisher erfolgreiche Saison des Angreifers ab. Gleich siebenmal gab Kießling den Türöffener für seine Mannschaft, indem er das 1:0 erzielte. Eim Umstand, für den er in Leverkusen besonders geschätzt wird. "Das macht ihn so wertvoll, vor allem weil er für die Mannschaft arbeitet", sagt Sportdirektor Rudi Völler.

Und doch windet sich Bundestrainer Joachim Löw so gut er kann, wenn er auf den Leverkusener angesprochen wird. Zuletzt hatte er Kießling im Jahr 2010 berufen, bei der WM in Südafrika war er aber nur Reservist. "Stefan Kießling hat eine enorme Qualität vor dem Tor. Wenn ich die Position im Angriff doppelt besetze, sehe ich Miroslav Klose in einer überragenden Form, wenn er gesund ist – und auch Mario Gomez ist noch einen Tick vor Kießling. Aber Stefan Kießling ist für uns eine Alternative – klar", sagte Löw beim Spiel der Werkself in Freiburg. Für das Länderspiel gegen Frankreich hat er ihn aber trotzdem nicht nominiert.

Die neue Leverkusener Taktik liegt Kießling

Bayer-Sportdirektor Rudi Völler

Bayer-Sportdirektor Rudi Völler

Die Partie in Freiburg war die zweite Partie in Folge, die sich der Bundestrainer von Bayer angesehen hat. Und zweimal konnte er einen Leverkusener Angreifer beobachten, der die neue Taktik des Trainerduos Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä mit großem Einsatzwillen umsetzt. Das frühe Attackieren des Gegners, das schnelle Umschaltspiel nach Ballgewinn, der permanente Druck, den die Leverkusener mit ihrem intensiven Laufspiel erzeugen wollen, scheint wie geschaffen für den laufstarken Kießling.

Das variable 4-3-3 System, in dem Kießling in der Grundformation den zentralen Angreifer gibt und über die Flügel von André Schürrle und Gonzalo Castro unterstützt wird, lässt ihm den nötigen Raum, um seine pyhsische Stärke auszuspielen und für seine Mitspieler Platz zu schaffen - aber auch an der richtigen Stelle zu stehen, um selbst zu treffen.

Der öffentliche Druck auf Löw steigt

Bundestrainer Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw

Was Joachim Löw so zurückhaltend in Sachen Berufung machen dürfte, ist die schlacksige, vielleicht zu kämpferische Art Kießlings. Der Bundestrainer ist bekanntermaßen ein Freund des ästhetischen Spiels, der feinen Pässe und der technischen Kabinettstückchen. Kießling war nie ein technisch beschlagener Spieler der Kategorie Özil, Götze oder Reus.

Der Stürmer hat sich in Sachen Passspiel in den vergangenen Jahren allerdings deutlich verbessert. Wo in früheren Jahren der Ball hin und wieder versprang, hat sich nun eine stabile Ballsicherheit ausgebreitet. 72,6 Prozent angekommener Pässe in allen Bundesligapartien dieser Saison beträgt seine Quote bisher. Zunehmend ist er als Wandspieler und damit als Anspielstation im Angriff für Doppelpässe mit den nach innen ziehenden Außenbahnspielern bedeutend.

Der öffentliche Druck auf Joachim Löw steigt jedenfalls angesichts dieser Saisonwerte. Nur Kießling selbst scheint nicht mehr so recht daran zu glauben, noch einmal das Nationaltrikot überstreifen zu dürfen. "Natürlich freue ich mich, wenn der Bundestrainer so etwas sagt", sagte der Angreifer etwas spöttisch. "Dass ich eine Alternative bin, hat er ja letzte Woche auch schon gesagt." Um in die Nationalmannschaft berufen zu werden, dafür hat Stefan Kießling das Erfolgsrezept aber noch nicht gefunden.

Stand: 01.02.2013, 18:16