VfL Wolfsburg – es ist zwei vor zwölf

Die Wolfsburger William (l.) und Victor Osimhen sind fassungslos

Analyse zum Spiel Werder Bremen - VfL Wolfsburg 3:1

VfL Wolfsburg – es ist zwei vor zwölf

Von Frank Hellmann

Der VfL Wolfsburg rutscht nach der verdienten Niederlage in Bremen immer tiefer in den Schlamassel. Trainer Martin Schmidt läutet die Alarmglocken. Die Ursachen für den Absturz sind vielschichtig. Die Analyse.

Die Katakomben unter der Ostkurve des Bremer Weserstadion taugen mitunter vortrefflich, um die Stimmung zu spiegeln. Jedes Geräusch durchdringt die engen Gänge, und die vom Neonlicht bestrahlten Gesichter geben Zeugnis der Gemütslage. Als am Sonntagabend die Profis des VfL Wolfsburg mit hängenden Köpfen in Richtung Kabine stapften und mit ihren Stollenschuhen das typische klackernde Geräusch erzeugten, kam das einem Trauermarsch gleich.

Jeder schien gerade nach der 1:3 (0:2)-Niederlage beim SV Werder mit sich selbst beschäftigt, was überhaupt ein Kardinalproblem in diesem Klub darstellt: Diese Fußball-Mannschaft, deutlich teurer und individuell gewiss nicht schlechter besetzt als der Gegner, ist eine Ansammlung von Einzelspielern, die kein harmonisches Mannschaftsgefüge ergeben. „Wer solche ersten 45 Minuten abliefert, verdient nicht mehr“, kritisierte VfL-Kapitän Paul Verhaegh.

Es ist wieder keine Entwicklung zu erkennen

 "Ein weiteres Spiel, nach dem wir sehr unzufrieden sind. Und das sehr weh tut", konstatierte Trainer Martin Schmidt später auf der Pressekonferenz mit aufgerissenen Augen. Mit einem 1:1 gegen die Grün-Weißen war der Fußballlehrer am fünften Spieltag in der Autostadt angetreten, aber dass der Schweizer derjenige ist, der den richtigen Bauplan mitbrachte, nur weil er in seinem bewegten Berufsleben mal in der DTM als Kfz-Mechaniker arbeitete, ist fünf Monate später nicht zu behaupten.

Wer schraubt bei der Fußball-Tochter des VW-Konzerns eigentlich an was? Und welches Modell soll herauskommen? Mittlerweile gibt Schmidt selbst zu, dass der Kurs nicht stimmt. "Für eine richtige Entwicklung braucht es Siege." Und davon haben die Werkskicker unter seiner Anleitung nur karge drei eingefahren. Nächsten Samstag kommt mutmaßlich keiner dazu: Dann gastiert der FC Bayern in der werkseigenen Arena am Mittellandkanal.

Martin Schmidt - "Die wichtigen Dinge machen wir nicht gut"

Sportschau | 12.02.2018 | 00:41 Min.

Tritte gegen die Blechkiste

"Das Negativerlebnis wollten wir ums Verrecken nicht haben. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwei vor zwölf." Schmidt gestand, dass er nach einer desaströsen ersten Halbzeit, in der zahnlose "Wölfe" nichts außer nutzlosen Ballbesitz aufführten, in der Kabine "rumgebrüllt" habe. Und: "Auch ein paar Blechkisten mussten dran glauben."

Immerhin: Der scheppernde Wutausbruch weckte die fürstlich entlohnte Söldnertruppe zwar aus der Lethargie, aber mehr als der von  Verhaegh im Nachschuss verwandelte Elfmeter sprach nicht heraus (48.).  Dass Werder den besseren Plan, die größere Leidenschaft und letztlich vor allem mehr Zug zum Tor entwickelte und durch Treffer von Ludwig Augustinsson (4.) sowie Florian Kainz (40. und 72.) verdient siegte, negierte niemand. Auch Schmidt nicht. "Wir wollten einen großen Schritt machen. Momentan gibt es keine Schritte – nur welche zurück."

Kollege Kohfeldt hatte den besseren Plan

Florian Kohfeldt hatten den Kollegen mit einem einfachen Plan düpiert: Tief stehen, klug kontern - und immer wieder liefen Maximilian Eggestein und Zlatko Junuzovic von ihren Halbpositionen die VfL-Doppelsechs mit Maximilian Arnold und Joshua Guilavogui an, die immer wieder quer spielen musste. Es fehlte beim VfL Schärfe, Präzision und Kreativität beim Pass in die Spitze. Folge: ein harmloses, ja hilfloses Angriffsspiel.

Auch der Blick auf den Statistikbogen konnte den 50-Jährigen nicht aufhellen. "Wir sind in allen Daten gut dabei, aber in wichtigen Dingen nicht." Tatsächlich kaschierten 13:12 Torschüsse, 8:6 Ecken oder 58 Prozent Ballbesitz inklusive der besseren Passquote (84 Prozent), dass die Bremer in den Basics zielstrebiger agierten. Oder wie Rechtsverteidiger Verhaegh erklärte: "Viele Sachen sind schiefgelaufen: in der Defensive, in der Offensive, am Ball und in den wichtigen Zweikämpfen."

Manager Rebbe wirkt überfordert

Der irritierend blutleeren Darbietung im DFB-Pokal auf Schalke folgte der blasse Auftritt in der Liga an der Weser; und eigentlich wäre das ein guter Anlass, dass auch der Sportdirektor mal sein Profil schärft. Doch der erst bei Borussia Dortmund als Praktikant arbeitende, dann bei Werder in Windeseile zum wichtigsten Assistenten des damaligen Vorstandsvorsitzenden Klaus Allofs aufgestiegene und später nach Wolfsburg übergesiedelte Olaf Rebbe konnte den Eindruck erneut nicht verbergen, überfordert zu sein.

"Wir werden im inneren Zirkel die Dinge durchleuchten. Jeder muss sich kritisch an die eigene Nase fassen, ob er alles für den Erfolg tut." Er wolle bei der Aufklärung und Identifizierung der Probleme Hilfestellung leisten, formulierte der 39-Jährige reichlich kryptisch, "ich sehe das auf die Gruppe und nicht auf Personen bezogen." Fest stehe beim Anblick der Tabelle: "Da wollen wir nicht sein.“ Der Werksklub ist wieder mitten in den Abstiegsschlamassel gerutscht – eine erneute Relegation ist kein völliges Hirngespinst mehr.

Vieles in der Konstruktion wirkt zu beliebig

Doch die Ursachenforschung muss weitergehen, warum der trotz Dieselskandal generös vom Konzern unterstützte Fußball-Bundesligist gemessen am Aufwand so wenig Gegenleistung anbietet. Im Gegensatz zum oft kritisierten Brausekonstrukt von RB Leipzig fehlt beim VfL Wolfsburg seit Jahren ein erkennbarer Plan, der dem immensen Einsatz der (Geld-)Mittel eine Richtung - und damit auch einen Sinn - gibt. Die Konstruktion des Kaders wirkt reichlich unrund. Und die Trainerauswahl irgendwie auch beliebig.

Der erst im Dezember 2016 angetretene Rebbe hat mit Valérien Ismael und Andries Jonker bereits zwei Trainer verschlissen - Schmidt könnte der dritte sein. Oder zieht der mächtige VW-Vorstand Francisco Javier Garcia Sanz als Boss des Kontrollgremiums beim Manager die Reißleine? Dass Quereinsteiger und Berufsanfänger Rebbe immer noch nicht in die Geschäftsführerebene aufgestiegen ist - wo der langjährige Finanzfachmann Wolfgang Hotze gerade eine Kreuzfahrt macht und nur noch auf Teilzeit arbeitet - spricht Bände.

Stand: 12.02.2018, 08:00

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