Sebastian Rudy - der leise Stratege

Sebastian Rudy im Trikot der Bayern

Überraschung beim FC Bayern

Sebastian Rudy - der leise Stratege

Von Frank Hellmann

Er kam ablösefrei. Und ohne den Status des Superstars. Doch Sebastian Rudy könnte in dieser Saison der wichtigste Neuzugang des FC Bayern sein. Was macht den 27-Jährigen so wertvoll?

Eine Spielführerbinde gibt es mittlerweile in den verschiedensten Farben. Mehr oder weniger auffällig. Das Stückchen Stoff, mit dem der Kapitän der TSG Hoffenheim in der vergangenen Saison auflief, war zumeist knallrot gehalten.

Getragen hat es Sebastian Rudy, was allerdings trotz der Signalfarbe nicht immer alle sofort bemerkten. Hätte man unter den Zuschauern in der Sinsheimer Arena an der A6 nach einem Bundesligaspiel eine Umfrage gestartet, wer diese beherzt spielende Mannschaft als Anführer aufs Feld führte, eine große Zahl hätte nicht gewusst, dass es Rudy war.

Er hat ein Entscheider-Gen

Dabei hatte Julian Nagelsmann die Beförderung ganz bewusst vorgenommen. "Sebastian findet immer mehr sein Entscheider-Gen. Ich denke, dass ihm das auch Kraft gibt", begründete der Jung-Trainer seinen Entschluss, mit dem er letztlich alles richtig machte. Der beim VfB Stuttgart ausgebildete und schon 2010 in den Kraichgau gewechselte Mittelfeld-Techniker übernahm zwar zeit seiner Karriere Verantwortung, aber niemals war er so wertvoll wie unter Nagelsmann.

Inzwischen ist der 27-Jährige beim FC Bayern angestellt, und seine Rückkehr am dritten Spieltag an alte Wirkungsstätte zum Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim (Samstag 18.30 Uhr) war Anlass, ihn an der Säbener Straße am Donnerstag in eine Medienrunde zu setzen.

Andere waren teurer oder namhafter

Sebastian Rudy jubelt nach seinem Tor gegen Schalke

"Ich kann meine Fähigkeiten am besten einsetzen, wenn ich den Ball habe. Der FC Bayern hat vorrangig den Ball", sagte Rudy recht selbstbewusst. Sowohl gegen Bayer Leverkusen als auch bei Werder Bremen stand der Neuzugang in der Anfangself. Für einen, der eher als Beiwerk zum 41-Millionen-Transfer Corentin Tolisso oder zum prominenten Leihspieler James Rodriguez angesehen wurde, schon mal nicht schlecht.

Aber auch in der Nationalmannschaft sind die Zeiten vorbei, dass er als Notnagel auf allen möglichen Positionen  aushelfen musste. Bei der 6:0-Gala gegen Norwegen lenkte der Neu-Bayer in seinem 21. Einsatz gemeinsam mit Toni Kroos aus der Tiefe des Raumes mit instinktsicheren Pässen das Spiel. Auch Bundestrainer Joachim Löw weiß längst: Einer wie Rudy gehört ins Zentrum des Geschehens, weil er mit seinem guten Gespür nicht die effekthascherischen Gesten braucht.

Selbstbewusste Töne

Vergangene Saison sind diese Fähigkeiten auch dem FC Bayern aufgefallen, der ja nicht nur den Innenverteidiger Niklas Süle für einen stattlichen Betrag an die Isar holte, sondern ablösefrei auch noch Rudy verpflichtete. Vielen erschien der höfliche Profi wie eine Zugabe. Bloß, um den Kader aufzufüllen, um in den weniger wichtigen Spielen rotieren zu können.

Doch diese Annahme erwies sich als gewaltiger Irrtum. "Ich würde den Schritt nicht wagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, mich durchzusetzen", betonte der Mittelfeldmann bereits nach seiner Unterzeichnung eines Dreijahresvertrags in München. "Ich denke, dass noch viel mehr in mir steckt."

Wichtiger Faktor beim Confed-Cup

Sebastian Rudy im Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw

Die These unterfütterte der Techniker dann eindrucksvoll beim Confed-Cup, wo die Hoffenheim-Abordnung die vielleicht wichtigsten Teile im improvisierten Personalpuzzle der DFB-Auswahl abstellte.

Löw, der Rudy zuvor auch oft genug rechts hinten aufgestelllt hatte, gab dem 1,79-Meter-Mann reichlich Einsatzzeiten, und das Vertrauen zahlte der Allrounder mit grundsoliden Leistungen zurück. Schnell war die Rede vom am meisten unterschätzten Nationalspieler. Für die WM 2018 muss er sich keine Sorgen machen: Solch polyvalente Profis haben ihren Platz sicher.

Im Sinne der Mannschaft

Was aber wird beim FC Bayern aus ihm, wenn alle Stars zur Verfügung stehen? Arturo Vidal ist als Zerstörer gesetzt. Tolisso war zu teuer, um ihn dauerhaft auf die Bank zu setzen, James gilt als erklärter Wunschspieler von Carlo Ancelotti. Ebenso hegt der italienische Coach große Vorlieben für den virtuosen Thiago auf der Zehner-Position. Und doch braucht es einen, der ans Kollektiv denkt und die defensive Disziplin wahrt.

"Wenn wir elf gleiche Spieler haben, die auffallen und sich in den Vordergrund spielen wollen, ist das nicht gut für die Mannschaft", erklärt Rudy, dem es ausreicht, wenn ihn die Fachwelt schätzt. Dazu gehört definitiv sein früher Trainer Julian Nagelsmann. Für ihn sei ziemlich klar gewesen, dass Rudy "relativ viele Spiele machen wird". Der sei zwar niemand, "der brutal auffällt, aber einer, der eine gute Struktur ins Spiel bringt." Und dafür sogar die Kapitänsbinde tragen darf.

mit dpa | Stand: 08.09.2017, 09:43

Darstellung: