Phänomen Robert Lewandowski

Robert Lewandowski feiert einen Treffer gegen Wolfsburg

Vor dem Spiel gegen "Lieblingsgegner" Wolfsburg

Phänomen Robert Lewandowski

Von Robin Tillenburg

Am Wochenende trifft Robert Lewandowski mit den Bayern auf den VfL Wolfsburg, gegen den er im Hinspiel fünf Tore in neun Minuten schoss. Der Pole jagt momentan sämtliche Rekorde. Was macht ihn so gut?

Gerd Müllers vermeintlich "ewiger" Torrekord von 40 Toren in einer Bundesligasaison wird es wohl nicht mehr ganz werden für Robert Lewandowski. Ansonsten hat der polnische Mittelstürmer des FC Bayern München, der aktuell auf 22 Saisontreffer kommt, aber in dieser Spielzeit schon etliche Bestmarken eingerissen. Allein vier Rekorde fielen allein im Hinspiel gegen Wolfsburg: Drei Treffer in nur 3:22 Minuten, vier in 5:43 und fünf Tore in 8:59 - das auch noch als Einwechselspieler.

Auf der Jagd nach den Müllers

Würde der 27-Jährige seine aktuelle Quote bis zum Saisonende beibehalten, würde er wohl auf 34 Saisontore kommen - eine Marke, die seit Dieter Müller 1976/77 nicht mehr erreicht worden ist und die auch bisher nur vom "Bomber der Nation", Dieters Namensbruder Gerd, übertroffen worden ist.

Gemeinsam mit Thomas Müller jagt Lewandowski außerdem den Rekord des besten Sturmduos der Bundesliga, den momentan Grafite und Edin Dzeko mit 54 gemeinsamen Saisontoren inne haben. 15 Treffer fehlen Bayerns Top-Angreifern noch in den verbleibenden zwölf Spielen - Tendenz: Auch diese Bestmarke fällt. Was aber ist gerade in dieser Saison das Erfolgsgeheimnis des Angreifers, der bereits 2013/14 für Borussia Dortmund die Torjägerkanone geholt hat - damals übrigens am Ende mit 20 Saisontoren, zwei weniger als aktuell vor dem 23. Spieltag?

Die perfekte Kombination

Robert Lewandowski und Thomas Müller jubeln

Starkes Duo: Lewandowski und Müller

Zunächst einmal muss bei aller Bewunderung für die Leistung Lewandowskis in dieser Aufzählung natürlich die Mannschaft genannt werden, in der er aktuell spielt: Die Bayern dominieren gegen fast jeden Gegner beinahe nach Belieben und in Douglas Costa haben die Münchener den Top-Vorbereiter (14) der Liga in ihrem Kader, dazu kommt Müller, der ebenfalls schon sieben Tore auflegte und selbst so gefährlich ist, dass sich gegnerische Abwehrreihen schlicht und einfach im Zentrum nicht nur auf Lewandowski konzentrieren können.

Lewandowskis größter Konkurrent im Kampf um die Torjägerkanone ist übrigens nicht Müller, sondern der Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang, der es auf 21 Tore bringt, aber auch drei seiner Treffer vom Elfmeterpunkt erzielte. Müller traf sogar fünf Mal per Strafstoß, Lewandowski lediglich ein Mal. Doch wie macht der Pole seine Tore? Läuft er seinen Gegnern davon, wie Aubameyang? Zieht er meist spektakulär volley aus unmöglichen Winkeln ab und fabriziert Traumtore wie Zlatan Ibrahimovic von Paris Saint-Germain? Hat er die absolute Lufthoheit wie Olivier Giroud vom FC Arsenal? Schirmt er den Ball in der "Box" so gut ab, dass keiner an das Spielgerät herankommt und er sich oft nur noch drehen muss wie einst Didier Drogba? Steht er einfach manchmal nur am richtigen Ort wie früher Gerd und heute dessen Namensvetter Thomas Müller? Erarbeitet er sich Tore selbst, indem er die gegenerischen Abwehrspieler unter Druck setzt, wie früher der nimmermüde Ivica Olic? Die Antwort: Ja.

Gesamtpaket

Lewandowski ist schnell. Vor allem auf den ersten Metern. Das fällt nicht immer auf, weil andere noch eine Spur zügiger unterwegs sind, doch Laufduelle gegen Innenverteidiger entscheidet der Münchener Torjäger vor allem ohne Ball meist für sich. Dass seine Schusstechnik so gut ist, dass ihm auch schwierige Direktabnahmen keine großen Probleme bereiten, wissen unter anderem die Wolfsburger, denen er im Hinspiel zwei Volley-Kracher einschenkte, einer schöner als der andere.

Ein Kofballtor gelang ihm gegen den VfL zwar nicht, aber auch im Luftkampf ist er jederzeit anspielbar, schraubt seine 1,85 m meist höher als seine Gegenspieler, traf schon mehrmals per Kopf und holt vor allem den Ball auch technisch sauber aus der Luft und kann ihn dann mit seiner überragenden Athletik auch so abschirmen, dass er - und nur er - entscheidet, was danach mit der Kugel passieren soll. Dass er außerdem manchmal einfach am richtigen Ort steht, oder auch mal nachsetzt und den Druck erhöht, wenn die Abwehr seinen ersten Versuch abblockt - all das weiß man nicht nur in Wolfsburg längst. Dabei ist übrigens fast egal, mit welchem Fuß er zum Abschluss kommt. Lewandowski ist ein Gesamtpaket, das man auch nur als solches betrachten und deswegen eben auch nie ganz ausschalten kann.

Torjäger-Legende Ronaldo adelte Lewandowski jüngst zu einem der besten drei Mittelstürmer der Welt und lehnte sich mit dieser Äußerung nicht allzu weit aus dem Fenster. Längst sind seine Qualitäten bekannt, Real Madrid soll unter anderem fleißig um die Dienste des Polen buhlen. Wechselgerüchte ranken sich um seine Person, doch scheinen diese nicht in allzu naher Zukunft Realität zu werden.

Musterprofi in jeder Hinsicht

Lewandowski war schon in Dortmund gut, keine Frage. Dort entwickelte er sich nach etwas holprigem Start und schon als "Chancentod" abgestempelt schnell zu einem zuverlässigen Torjäger und fand unter Jürgen Klopp die Beständigkeit und das Selbstbewusstsein im Abschluss, das sein großes Potenzial zur Entfaltung brachte.

Unter Pep Guardiola war sein Einstand in München dann zunächst nur mittelmäßig, für die Umstellung seines Spiels auf Guardiolas Anforderungen brauchte er Zeit, leise Kritik regte sich. Die ist allerdings längst verstummt, denn bei den Bayern bekommt die Lebensversicherung der polnischen Nationalmannschaft nun den letzten Schliff: Er bewegt sich mehr ohne den Ball, antizipiert Situationen besser, weil er gelernt hat, nicht immer nur in vorderster Front zu agieren, weil Guardiola ihn auch mal auf dem Flügel einsetzte und er arbeitet vor allem abseits des normalen Trainings extrem an seiner Fitness. Der ohnehin schon sehr athletisch gebaute Stürmer kam im Sommer aus seinem Urlaub und hatte noch einige Kilo zusätzliche Muskelmasse draufgepackt - ohne dabei an Beweglichkeit einzubüßen; und kann nun selbst gegen die kantigsten Innenverteidiger Europas mühelos mithalten. Sein Trainer bezeichnete ihn jüngst als "professionellsten Spieler, den ich kenne".

Robert Lewandowski und seine Frau Anna beim Joggen

Auch im Urlaub kein Schlendrian: Lewandowski und seine Frau Anna

Seine Frau Anna ist Karate-Weltmeisterin, Fitness-Trainerin und Ernährungsexpertin - dass im Hause Lewandowski mal ein bisschen der Schlendrian Einzug hält und es abends dann auch mal eine Tiefkühlpizza mit einem Weißbier auf der Couch als Abendessen gibt, erscheint so wahrscheinlich wie die Vorstellung, Mario Basler hätte streng vegan gelebt.

Kalkül mit offenen Karten

Lewandowskis ganzer Lebenswandel ist auf den Erfolg ausgerichtet. Seine Karriere plant er seit seinem Wechsel von Znic Pruszkow zu Lech Posen im Jahr 2008 konsequent und zielstrebig, spielt dabei aber auch immer mit offenen Karten. Sein Wechsel eine Nummer größer nach Dortmund war karrieretechnisch ein logischer Schritt. Der zu den Bayern auch, auch wenn sie das beim BVB nicht gerne hörten. Aber sie wussten stets von Lewandowskis Zukunftsplänen, weil er aus ihnen eben nie einen Hehl machte und nahmen ihm den Transfer letztlich auch lange nicht so übel wie beispielsweise einem Mario Götze kurz zuvor.

Einen Wechsel nach Katar, China oder die USA kann man sich bei Lewandowski nicht vorstellen. Entweder bleibt er wohl sehr lange bei den Münchenern, oder es wird eben irgendwann doch einmal ein Verein wie Real Madrid. Die Madrilenen sind in Spanien allerdings momentan nicht die Nummer 1, ob er in den Königlichen also eine sportliche Verbesserung sieht ist fraglich - und nur daran orientiert Robert Lewandowski sich. Auf dem Feld, abseits des Feldes, bezüglich seines Arbeitgebers und vor allem im Bezug auf sich selbst.

Stand: 26.02.2016, 09:39

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