Max Kruse - die höchste Trumpfkarte von Werder Bremen

Max Kruse

Vor dem Rückrundenstart

Max Kruse - die höchste Trumpfkarte von Werder Bremen

Von Frank Hellmann

Der Star ist die Mannschaft? In Bremen gilt die gängige Prämisse nur bedingt. Soll es beim SV Werder mit dem Klassenerhalt klappen, braucht es einen fitten Max Kruse. Die Abhängigkeit vom 29-Jährigen ist auch an Zahlen festzumachen.

Wer auf dem Weg ins Weserstadion den Anhängern auf die Trikots schaut, unternimmt fast zwangsläufig eine Zeitreise durch die (Bremer) Fußballgeschichte. Die Älteren tragen die Oberteile aus den 90er Jahren, beflockt mit "Bode" oder "Herzog".

Aus der nächsten Generation haben sich "Ailton" und "Micoud“ gehalten. Und immer allgegenwärtig: "Pizarro". Aus dem aktuellen Aufgebot ist nun immer häufiger zu besichtigen: "Kruse". Der Hoffnungsträger der Neuzeit.

Der wertvollste Bremer Profi

Weil Max Kruse schon zu Anfang seiner Karriere das Werder-Jersey trug und 2016 zurückkehrte, steigen die Sympathiewerte stetig. Soll auch diese Rückrunde, die am Samstag (13.01.18) mit dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim beginnt, trotz des Überwinterns auf dem Relegationsrang gut ausgehen, braucht es die Nummer zehn.

Kruse ist der auf dem Transfermarkt am höchsten veranschlagte (Marktwert zwölf Millionen Euro) und der am besten verdienende Profi (geschätztes Jahresgehalt drei bis vier Millionen Euro). Geschäftsführer Frank Baumann setzte eine Duftmarke, als er den beim VfL Wolfsburg und bei der Nationalmannschaft ins Abseits geratenen Nationalspieler - im Frühjahr 2016 hatte ihn Bundestrainer Joachim Löw nach mehreren Verfehlungen nicht mehr berufen - an die Weser lockte: Solch einen mutigen Transfer, auch in finanzieller Hinsicht, hatten die Hanseaten lange nicht mehr getätigt.

Der Stil unter Kohfeldt behagt ihm

Der 7,5-Millionen-Einkauf hat längst zurückgezahlt. 35 Ligaspiele, 19 Tore, zehn Vorlagen. Besser geht es kaum. Und wie würde die Bilanz erst ausfallen, hätte der Offensivallrounder nicht 2016 wegen eines Außenbandrisses im Knie und 2017 wegen eines Schlüsselbeinbruchs pausieren müssen? Seine wochenlangen Auszeiten waren bei Werder deckungsgleich mit spielerischer Magerkost.

Erst mit der Rückkehr Kruses nahm die Sturmabteilung in der Hinrunde wieder Fahrt auf. Mit der Defensivtaktik unter Alexander Nouri war auch Kruse nicht zurecht gekommen (vier Einsätze, keine Torbeteiligung), doch unter Nachfolger Florian Kohfeldt blüht er auf. Schnürte beim ersten Saisonsieg gegen Hannover 96 (4:0) einen Dreierpack und gab eine Torvorlage, erzielte gegen den VfB Stuttgart (1:0) das Siegtor und war auch Wegbereiter für den Auswärtssieg bei Borussia Dortmund (2:1) als zweifacher Vorlagengeber.

Kein klassischer Stürmer

Max Kruse mit Florian Kohfeldt

Wichtiger Ansprechpartner: Kruse mit Trainer Florian Kohfeldt

Anlass für das Fachmagazin "Kicker", um den Werder-Angreifer in der Stürmerkategorie auf den zehnten Platz in der Bundesliga zu setzen. Kein Bremer ist besser platziert. Hinzu kommt: Auch intern gewinnt sein Wort an Gewicht. Nach dem Ausfall von Kapitän Zlatko Junuzovic gab ihm Kohfeldt zeitweise die Kapitänsbinde.

Der aktivere Spielstil unter dem 35-Jährigen behagt einem Spielertypen wie ihm, denn Kruse ist kein klassischer Vollstrecker, sondern ein schwer zu greifender Pendler zwischen den Linien, der sich auch gerne mal die Bälle aus zweiter Reihe holt, um sie zu verteilen. Hierbei ergänzt er sich ideal mit dem Dribbler Fin Bartels, der allerdings wegen eines Achillessehnenrisses für die restliche Saison ausfällt.

Beim DFB geht wohl nichts mehr

Unklar ist immer noch, ob die Grün-Weißen einen Ersatz holen. Ishak Belfodil ist ein Wandstürmer, der in vorderster Linie die Bälle festmacht. Mit ihm müsste Kruse auch seine Rolle neu definieren. Aber das sollte nicht schwer fallen. Seine glänzende Technik, seine Übersicht und sein exzellentes Spielverständnis machen ihn zu einem besonderen Spieler.

Dass der Bundestrainer auch nach einer überragenden Rückrunde 2016/2017 trotzdem auf den besten Bremer verzichtet, verdeutlich einmal mehr, dass die DFB-Karriere nach 14 Länderspielen (vier Tore) im Grunde beendet ist, auch wenn das niemand so deutlich ausspricht. Mit der WM 2018 plant auch der bald 30-jährige Kruse kaum mehr.

Was wird aus seiner Zukunft?

Spannend könnte es dennoch in Sachen Zukunft werden. Sein Vertrag läuft nur bis 2019, was mögliche Interessenten schon im Sommer auf den Plan rufen könnte. Angeblich sollen die Grün-Weißen ihrem Spieler bereits eine Ausstiegsklausel abgekauft haben, demnach wäre die Ablöse frei verhandelbar. Aber lässt Baumann seinen besten Spieler ziehen? Und will Kruse überhaupt weg aus der Wohlfühloase an der Weser? Im in vielerlei Hinsicht überschaubaren Bremen genießt der Fußballer viele Freiheiten.

Gelegentliche Ausflüge zu Pokerturnieren werden geduldet. Als der Spieler vor einem Jahr zwischen den Feiertagen auf Glatteis mit seinem Wagen zu nächtlicher Stunde von der Fahrbahn rutschte, fiel der Rüffel milde aus. Und niemand aus dem Verein stört sich daran, wie Kruse seine Medienarbeit verrichtet: Interviews gibt er nur vor laufender Kamera, weil er sich von einigen Bremer Berichterstattern aus dem Print-Bereich falsch dargestellt fühlt. All diese Eigenwilligkeiten werden geduldet. Weil alle wissen: Will Werder erstklassig bleiben, braucht es Max Kruse.

Stand: 11.01.2018, 08:00

Darstellung: