Chaos um Videobeweis - der Fußball bleibt doch menschlich

Peter Stöger und Jörg Schmadtke beschweren sich bei Schiedsrichter Patrick Ittrich

Bundesliga

Chaos um Videobeweis - der Fußball bleibt doch menschlich

Von Robin Tillenburg

Der 1. FC Köln wird wohl Protest gegen die Wertung des 0:5 gegen Borussia Dortmund einlegen. Wie auch immer die Sache ausgeht, sie zeigt: Der Videobeweis bleibt fehlbar und menschlich. Ein Kommentar.

Die Faktenlage: Schiedsrichter Patrick Ittrich hatte das 2:0 durch den Dortmunder Sokratis wegen eines vermeintlichen Stürmerfouls durch den Griechen abgepfiffen. Der Ball war im Tor, der Videoschiedsrichter Dr. Felix Brych meldete sich bei Ittrich. Das Resultat: Brych erkannte kein Foul. Ittrich gab das Tor.

Watzke gegen Schmadtke

Beim Studium der Fernsehbilder lässt sich erkennen: Ittrich hatte abgepfiffen, als der Ball noch nicht hinter der Torlinie war. Demzufolge hätte der Videobeweis gar nicht eingesetzt werden dürfen, schließlich war zum Zeitpunkt des Abpfiffs noch kein Tor gefallen.

Dass der Ball aber auch "nicht auf einmal zurückgerollt" wäre, wie Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nachher anführte, ist korrekt. Das Tor wäre also definitiv gefallen, niemand hätte es mehr verhindern können. Kölns Geschäftsführer Sport Jörg Schmadtke möchte trotzdem eine Neuansetzung der Partie.

Was wäre, wenn ...?

Eine solche würde einen Präzedenzfall schaffen, den man bei den Verantwortlichen eigentlich vermeiden will. Schließlich soll der Videobeweis eine möglichst unfehlbare und klärende Instanz darstellen, die den Schiedsrichter entlastet und aus dem Kreuzfeuer nimmt.

Das Gegenteil ist nun der Fall. Ittrich konnte wohl nichts dafür, dass Brych sich einschaltete - und auch Brych hatte in der Kürze der Zeit wohl nicht die Zehntelsekunden auf dem Schirm, die der Pfiff "zu früh" ertönt war.

Sokratis und Nuri Sahin springen gegen Timo Horn zum Kopfball

Die fragliche Szene vor der fraglichen Szene

Hätte der Videoschiedsrichter sich nicht eingeschaltet, wäre das Tor nicht gegeben worden, die Dortmunder hätten sich beschwert, aber angesichts der klaren Überlegenheit wohl trotzdem gewonnen. Die Diskussionen wären in diesem Fall deutlich kleiner gewesen.

Der Fußball bleibt emotional

Einer der Hauptkritikpunkte am "Fernseh-Schiri" lautete einmal: Der Fußball verliere an Emotion, an Diskussionspotenzial. Definitiv nicht. Dieser Behauptung lag zugrunde, dass der allwissende und unfehlbare Videoschiedsrichter sämtliche strittigen Szenen eliminieren würde.

Dass das nicht der Fall ist, konnte man bereits an den ersten drei Spieltagen sehen, als die Entscheidungen und Eingriffe des Videoreferees reichlich Stoff für Diskussionen lieferten.

Der Mensch mischt weiter mit

Die Dortmunder Nuri Sahin (l.) und Sokratis diskutieren mit dem Schiedsrichter

Hochemotional: Dortmunder Proteste vor der Entscheidung des Videoschiedsrichters

Das Dortmund-Spiel und die emotionalen Interviews mit Schmadtke und Watzke beweisen nun: Der Videobeweis hat dem Fußball nicht die Gefühle genommen. Solange der "Faktor Mensch" in den Entscheidungen erhalten bleibt, wird es im Fußball Fehlentscheidungen und Diskussionen geben.

Auch wenn man die Kölner als "schlechte Verlierer" abstempeln will - wie Watzke das tat - oder der Überzeugung ist, dass das Tor zum 2:0 spielentscheidend war - wie Schmadtke anführte - ist die Entscheidung, die der DFB nun treffen muss, wegweisend.

Welchen Präzedenzfall schafft man? Eine Zwickmühle

So oder so entsteht ein Präzedenzfall. "Versteckt" man sich nun hinter der Tatsachenentscheidung und verzichtet auf eine Neuansetzung? Eigentlich geht das nicht. Wie will man so etwas glaubhaft begründen - schließlich ist nachweisbar, dass der Videobeweis nicht hätte eingesetzt werden dürfen. Eine "(folgen-)schwere" Fehlentscheidung gab es nicht. Der Pfiff von Ittrich war die eigentliche Tatsachenentscheidung.

Andererseits: Setzt man die Partie neu an, wird der Videobeweis noch angreifbarer. Man müsste sich bei jeder Entscheidung fragen, ob einer der Vereine nachher nicht doch Einspruch einlegt und auf das Urteil aus dem Spiel Dortmund gegen Köln verweist. Das ist nicht das Szenario, das die Verantwortlichen sich durch die Einführung des Videoschiedsrichters versprochen haben.

Unwahrscheinliche Wiederholung

Letzten Endes ist eine Wiederholung also unwahrscheinlich. Im Protokoll des International Football Association Board (IFAB) wird jedenfalls ausgeschlossen, dass Fehlentscheidungen des Video-Schiedsrichter-Assistenten (VSA) Einfluss auf die Spielwertung haben können. "Ein Spiel ist nicht ungültig aufgrund von Fehlfunktion(en) der VSA-Technologie, falscher Entscheidungen, die den VSA betreffen oder der Entscheidung, einen Vorfall nicht zu prüfen, oder der Prüfung einer nicht prüfbaren Situation", steht auf Seite neun des Protokolls, das für alle Teilnehmer der Testphase bindend ist.

Wie auch immer. Spannend ist sie jedenfalls allemal, diese Diskussion. Außerdem emotional. Und menschlich.

Stand: 18.09.2017, 10:57

Darstellung: