50+1 - Bezieht die Fans mit ein!

Fans von Hannover 96 protestieren gegen Präsident Martin Kind

Bundesliga

50+1 - Bezieht die Fans mit ein!

Von Christian Steigels

In Hannover wird wohl die 50+1-Regel gekippt - für viele Fans ein weiterer Schritt bei der fortschreitenden Entfremdung des Fußballs. Die Bedenken und Wünsche der Anhänger sollten die Entscheidungsträger ernst nehmen. Ein Kommentar.

Viele Fragen sind kompliziert beim Hannover-Deal: Wie genau schaut das Konstrukt aus, nach dem Präsident Martin Kind die Mehrheit in Hannover erlangen soll? Was genau bedeutet das Ende der 50+1-Regel für Hannover 96 und die Bundesliga generell? Sind in Zukunft nun Tür und Tor geöffnet für ausländische Investoren? All diese Fragen sind wichtig, aber nicht entscheidend: Es geht vor allem um die Symbolkraft des Deals.

Für viele Fans bedeutet die Entscheidung des Aufsichtsrates einen weiteren Schritt auf dem Weg der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs und der Entfremdung von der Basis. Klar, die Ausnahmeregelung ist nicht neu, Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim haben den gleichen Status inne. Aber der stete Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.

Bei großen Entscheidungen sind Fans außen vor

Häufig betonen Verantwortliche auf Vereins- und Verbandsebene die enorme Bedeutung der Fans im Fußball. Allein: Sie tun zu wenig dafür, um den Fans die Hand zu reichen, senden keine Signale der Wertschätzung aus. Bei Fandialogen findet Zusammenarbeit auf kleiner Ebene statt, bei den großen Entscheidungen sind die Fans außen vor. Es sind Entscheidungen, die den ausschließlichen Fokus der Verantwortlichen auf die Vermarktbarkeit offenlegen.

Die Veränderung der Anstoßzeiten zum Zwecke der besseren Vermarktung auch im Ausland, die Aufnahme der chinesischen U20 in die Regionalliga Südwest zur Erschließung neuer Märkte - und nun eben die weitere Aufweichung der 50+1-Regel und die damit verbundene weitere Aufweichung hin zum Engagement von Investoren. In München klagt derweil auch 1860-Investor Hasan Ismaik gegen die Regelung; Juristen zufolge gilt das Vorhaben als aussichtsreich.

Verantwortliche sollten kulturelle Bedeutung des Fandaseins berücksichtigen

Die Anhänger stehen all dem ohnmächtig gegenüber. Sie identifizieren sich in einem Maße mit diesem Sport und ihrem Verein, das vielen Funktionären fremd ist. Für sie ist ihr Verein Lebensinhalt, sie investieren viel Geld und nicht selten viel Zeit. Und deshalb wünschen sie sich ein gewisses Maß an Teilhabe, an Mitspracherecht darüber, wie ihr Verein und der Fußball strukturiert sind, wer die Entscheidungen trifft. Das haben sie nicht, schlimmer noch: Es wird regelmäßig torpediert. In Hannover wurden der Interessengemeinschaft "Pro Verein 1896" zufolge in den vergangenen Monaten auffallend viele Mitgliedsanträge potenziell kritischer Fans abgelehnt. Interessant ist das insofern, als ein Antrag auf Satzungsänderung mit dem Ziel, die 50+1-Regeln zwingend festzuschreiben, im April nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit erhielt.

Die Entscheidungsträger sind nicht gezwungen, die Fans miteinzubeziehen. Es geht nicht um Einnahmen durch Zuschauereinnahmen, deren prozentuale Bedeutung für den Gesamtumsatz rückläufig ist. Aber sie sollten die kulturelle Bedeutung des Fandaseins berücksichtigen. In der vergangenen Saison kamen im Schnitt mehr als 40.000 Fans in die Bundesligastadien. Englische Fans pilgern regelmäßig in die Bundesligastadien, der Stimmung wegen, die es in der Premier League in dieser Form nicht mehr gibt. 10.000 Gladbacher, Frankfurter oder demnächst vermutlich auch Kölner Fans reisen ihrem Team in Europa hinterher und sorgen für neidische Blicke auf dem Kontinent.

Auch diese Fankultur ist ein Pfund. Kein finanzielles, aber ein ideelles. Auch das sollten die Verantwortlichen ernst nehmen.

Stand: 01.08.2017, 10:06

Darstellung: