Warnschuss für junge Bundesliga-Trainer

Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco

Debatte der Generationen

Warnschuss für junge Bundesliga-Trainer

Von Frank Hellmann

Wie gut ist die neue Generation der Fußballlehrer? Mit der Verjüngung auf den Trainerbänken ist längst nicht alles besser geworden. Das behauptet sogar der Ausbilder.

Wenn Heiko Herrlich am Freitag (12.01.18) zum Rückrunden-Auftakt seinen Kollegen Jupp Heynckes in Leverkusen begrüßen wird, treffen nicht nur zwei ehemalige Torjäger, sondern auch zwei Trainergenerationen aufeinander. Der eine 46 (Herrlich), der andere 72 Jahre alt (Heynckes).

Es drängt eine U30-Generation nach vorne

Dabei taucht Herrlich in der Aufzählung der Trainer-Talente mittlerweile gar nicht mehr auf. Weil viele seiner Kollegen deutlich jünger sind. Ins Rampenlicht sind Domenico Tedesco (32), Julian Nagelsmann (30), Manuel Baum (38), Hannes Wolf (36) und zuletzt auch Florian Kohfeldt (35) getreten.

Tedesco hat es in nur einer Halbserie geschafft, dem FC Schalke 04 wieder eine Perspektive zu geben. Nagelsmann, Trainer des Jahres 2016, hat 1899 Hoffenheim wieder eine Handschrift gegeben. Baum kratzt mit dem FC Augsburg an den Europapokalplätzen. Wolf hat den VfB Stuttgart in die Erstklassigkeit zurückgeführt.

Florian Kohfeldt

Bringt Bremen wieder auf Kurs: Florian Kohfeldt

Und Kohfeldt, Lehrgangsbester 2015, hat Werder Bremen wieder konkurrenzfähig gemacht. Alle gelten als Prototypen der Erneuerung. Berufen ohne großen Vorlauf im Profibereich, mitunter direkt aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum oder der U23.

Über Labbadia, Slomka oder Magath spricht kaum einer

Vorbei die Zeiten, dass in schwierigen Zeiten die Ü50-Generation aushelfen musste. Thomas Schaaf (56) ist schon froh, wenn er bald als Technischer Direktor eine Art Supervisor bei seinem Heimatverein Werder Bremen für junge Nachwuchstrainer geben darf.

Armin Veh (56) war hocherfreut, dass der 1. FC Köln sich auf seine Erfahrung besann, um ihn als Sportdirektor anzustellen. Um Bruno Labbadia (51) und Mirko Slomka (50) ist es still geworden. Selbst von Felix Magath (64) ist nur wenig zu hören.

Hasenhüttl thematisiert eigene Defizite

In der Hinrunde hat der Hype übertönt, dass das Defizit an Erfahrung sehr wohl zu spüren ist. Beispielsweise in den Europokalwettbewerben. Hoffenheim schied sang- und klanglos aus der Europa League aus – und Nagelsmann wirkte hilf- und ratlos. Erstaunlich, wie offen Ralph Hasenhüttl (50) bei RB Leipzig seine Erfahrungslücken auf diesem Gebiet ansprach.

Er sei noch kein Trainer für den FC Bayern, sagte der Österreicher, weil ihm das spezielle Wissen für die Belastungssteuerung in der Königsklasse fehle.  Das Fachmagazin "Kicker" führte den Absturz des deutschen Fußballs auf internationaler Ebene auch darauf zurück, dass die nachrückende Trainergilde die Mannschaften nicht besser mache. Jedenfalls nicht im Vergleich mit Teams aus England, Spanien oder Italien.

Schollt übte zu pauschale Kritik

Als Chefkritiker offenbarte sich Mehmet Scholl, der vor einem Monat im Bayerischen Rundfunk die heutige Trainergeneration attackierte und Tedesco und Wolf persönlich anging.

Scholl wettert gegen Systemtrainer - "Wir werden unser blaues Wunder erleben"

Sportschau | 08.12.2017 | 01:09 Min.

"Die Tedescos, die Wolfs - sie sprießen aus dem Boden und der deutsche Fußball wird sein blaues Wunder erleben", meinte der 47-jährige Ex-Nationalspieler. "Wir fahren gegen die Wand", legte Scholl nach und  beklagte: "Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen."

Wormuth betont die Einfachheit

Zwar rügte der Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) die pauschale Schelte und sprach Scholl die "soziale Kompetenz und Umgangsformen" ab. Doch erstaunlich, dass sich die Aussage von Frank Wormuth, dem DFB-Chefausbilder im Kicker gar nicht so sehr von Scholl unterschied: "Fußball ist einfacher, als junge Trainer denken." Mit Wörtern wie "Restverteidigung" würde zwar neue Begriffe erfunden, "aber der Fußball hat sich dadurch nicht unbedingt verändert."

Der 57-Jährige hat erkannt, dass das attraktive Spiel in der Bundesliga bisweilen gelitten hat, weil eine Vielzahl von Mannschaften nur auf schnelles Umschalten und lange Bälle setzt. Wormuth nimmt die neuen Trainer allerdings auch in Schutz. "Man muss als Trainer in der Bundesliga, wo man nach drei verlorenen Spielen gleich hinterfragt wird, vor allem ergebnisorientiert und effektiv spielen."

Höhere Transparenz

Generell schreibt Wormuth den Trend zu jüngeren Trainern der Tatsache zu, "dass in den Nachwuchsleistungszentren seit einigen Jahren hauptamtlich und professionell gearbeitet wird“. Dadurch wüssten die Verantwortungsträger sehr genau, "was ein junger Trainer kann oder nicht".

Tatsächlich war Augsburgs Manager Stefan Reuter deshalb vom Bundesliga-Novizen Baum genauso überzeugt wie Bremens Kollege Frank Baumann vom Neuling Kohfeldt. In Hoffenheim wäre der im Februar 2016 debütierende Nagelsmann ohnehin kurz darauf zum Chef ernannt worden

Und auf Schalke musste Tedesco nichts mehr nachweisen, weil sich Manager Christian Heidel an eine Begegnung aus Mainzer Zeiten erinnerte. "Ich habe Domenico bei einem A-Jugendspiel erlebt, das wir mit Pauken und Trompeten verloren haben. Man dachte bei ihm, er ist der zwölfte Spieler."

Stand: 09.01.2018, 08:00

Darstellung: