Premiere von Bibiana Steinhaus – "Der Fußball sollte sich öffnen"

Bibiana Steinhaus

Interview mit der Journalistin Nicole Selmer

Premiere von Bibiana Steinhaus – "Der Fußball sollte sich öffnen"

Am Sonntag feiert Bibiana Steinhaus ihre Premiere als Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga. Im Interview spricht die Sport-Journalistin Nicole Selmer über das Debüt im Speziellen und Frauen im Fußball allgemein.

Nicole Selmer schreibt seit vielen Jahren über Fußball, ist Chefredakteurin des österreichischen Fußballmagazins "Ballesterer“ und Mitglied im Netzwerk "F_in - Frauen im Fußball“. 2004 veröffentlichte sie das Buch "Watching the boys play. Frauen als Fußballfans“.

sportschau.de: Frau Selmer, die Premiere von Bibiana Steinhaus in der Bundesliga polarisiert. Auch im 21. Jahrhundert hört man von manchen Männern den Vorwurf, dass Frauen im Fußball nichts zu suchen hätten. Woran liegt das?

Nicole Selmer: Die bloße Präsenz von Frauen im Männerfußball wird von einigen Männern als Störung wahrgenommen, als wolle man dadurch Männern "ihren“ Fußball wegnehmen. Manchen gilt Fußball als letzte Bastion, in der Männer noch Männer und unter sich sein dürfen, obwohl das mit der Realität nur bedingt zu tun hat. Der Anteil von Frauen unter den Zuschauern liegt bei rund 30 Prozent, im Fernsehen gibt es Moderatorinnen und Kommentatorinnen.

Auch der DFB hat sich schwer getan. Bibiana Steinhaus war schon vor zwei Spielzeiten Notenbeste in der 2. Liga, durfte trotzdem nicht aufsteigen. Wo sehen Sie die Gründe?

Nicole Selmer: Da kann ich nur spekulieren. Aber ich denke, dass der Diskurs auch auf Funktionärsebene ähnlich ist, auch dort findet man diese Fußball-ist-Männersache-Rhetorik. Bei der Entscheidung, ob Bibiana Steinhaus auf allerhöchster Ebene pfeifen darf, wird das eine Rolle gespielt haben. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Steinhaus ist eine erfahrene Schiedsrichterin, sie kommt ja nicht aus der Kreisliga in die Bundesliga. Sie macht das seit vielen Jahren und hat sich nach oben gearbeitet.

Steinhaus freut sich auf die Bundesliga

Sportschau | 05.07.2017 | 01:35 Min.

Wie ist das in anderen europäischen Ligen? Gibt es dort Schiedsrichterinnen im Männerfußball?

Nicole Selmer: Die bislang einzige, die auch in Topligen gepfiffen hat, ist die ehemalige schweizerische Unparteiische Nicole Petignat, die in den ersten Ligen in Österreich und der Schweiz gepfiffen hat. In der Premier League gab es bislang ausschließlich Assistentinnen.

Auch auf Funktionärsebene gibt es kaum bis keine Frauen: keine Trainerinnen, keine Frauen auf Sportdirektorenposten oder in Vorständen. Warum ist das so?

Nicole Selmer

Nicole Selmer: Das sind gewachsene Strukturen, funktionierende Männernetzwerke. Außerhalb des Fußballs ist das ja nichts anderes, bei großen Unternehmen sitzen auch kaum Frauen in den Vorständen. Da ist der Fußball schlicht ein Abbild der Gesellschaft. Das ändert sich aber, im FIFA-Council sind zum Beispiel jetzt sechs Frauen vorgeschrieben. Da gibt es Bewegung, wenn auch nur langsam.

Sind Quoten generell ein Mittel? Halten Sie die beispielsweise auch in Vorständen für sinnvoll?

Nicole Selmer: Auf jeden Fall. Der Fußball sollte etwas anderes sein als ein Klub älterer Herren in Anzügen. Es würde dem Fußball gut tun, vielfältiger zu werden, jünger zu werden, weiblicher zu werden. Menschen mit Migrationshintergrund sind in Führungspositionen auch unterdurchschnittlich repräsentiert. Der Fußball sollte sich da mehr öffnen.

Zum Abschluss noch ein Gedankenspiel: Bayern gegen Dortmund, 89. Minute, Bibiana Steinhaus trifft eine spielentscheidende Fehlentscheidung. Wie werden die Reaktionen sein?

Nicole Selmer: Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern sorgen ja immer für heftige Reaktionen, aber wenn sie von der ersten Frau in der Bundesliga getroffen werden, kommt noch die sexistische Komponente hinzu. Man wird ihr vorwerfen, dass sie den Fehler gemacht hat, weil sie eine Frau ist. Das wird nicht nur von Fans kommen, sondern auch von Spielern und Funktionären. Da darf man sich keine Illusionen machen. Aber die Lösung ist ja nicht, deswegen keine Frau pfeifen zu lassen.

Das Interview führte Christian Steigels.

Stand: 07.09.2017, 14:00

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