Die Krise im Kraichgau

Hoffenheim Krise

Abstiegskandidat TSG Hoffenheim

Die Krise im Kraichgau

Von Frank Hellmann (Sinsheim)

Der TSG Hoffenheim fehlen Tore und Typen, um im Abstiegskampf zu bestehen. Trotzdem hält Manager Alexander Rosen noch an Huub Stevens fest. Denn der Trainer ist nicht das größte Problem. Eine Analyse.

Am Sonntagabend (07.02.2016) in Sinsheim entstanden Bilder, die auch beim Abstieg produziert werden. Dann, wenn alles verloren und nichts mehr zu retten ist. Kevin Volland? Trat frustriert ein Stück Rasen heraus. Niklas Süle? Starrte erst in die Luft, dann auf den Boden. Tobias Strobl? Stützte beide Hände auf die Knie und stand wie paralysiert auf dem Feld.

Erst nach und nach ließen sich die Profis der TSG Hoffenheim nach dem 0:2 (0:1)-Nackenschlag gegen den SV Darmstadt 98 zum Gang in die Fankurve bewegen. Dort schallte ihnen nur Unmut entgegen. Wir-haben-die-Schnauze-voll-Chöre waren noch das Harmloseste, was die Protagonisten zu hören bekamen. Zur Erinnerung: Nach einer konfusen Vorstellung hatte es beim Gang in die Kabinen bereits geheißen: "Wir wollen euch kämpfen sehen!"

Verunsicherung ist mit Händen zu greifen

Genau an diesem Punkt hakte Huub Stevens mit einer kämpferischen Komponente ein, die statt dem Trainer besser den Spielern über die 90 Minuten gut zu Gesicht gestanden hätte. "Wir waren nicht leblos. Die Mannschaft hat gekämpft, sie wollte ein Zeichen setzen", beteuerte der Trainer mit bissigem Tonfall und grimmigem Blick  und blendete damit geflissentlich aus, dass mit den Gästen gewiss nicht das spielerisch bessere, sondern das leidenschaftlichere Team gewonnen hatte.

"Wir haben uns in alles reingeworfen", sagte Steven-Kollege Dirk Schuster, "wir wollten die Hoffenheimer Verunsicherung nutzen." Die Nervosität der Heimelf war tatsächlich auf der Tribüne anfänglich mit Händen zu greifen und trug ihren Teil zu den Toren der Innenverteidiger Aytac Sulu (33.) und Slobodan Rajkovic (85.) bei. Mentalität schlug Qualität – nie war der Lilien-Wahlspruch treffender. "Bei uns hat jeder einen Hintern in der Hose", stellte Mittelfeldmann Peter Niemeyer nonchalant fest.

Der Kader hat zu viele labile und fragile Typen

Und im Kraichgau? Dort scheint die Krise weniger ein Problem der Einstellung, sondern der Zusammenstellung des Kaders. Zu viele labile Charakter, zu viele fragile Typen. Jonathan Schmid, Jiloan Hamad, Andrej Kamaric und vor allem Kevin Volland mögen ja technisch veranlagte Fußballer sein, aber wenn in entscheidenden Momenten immer ein Schlenker und Schnörkel zu viel gemacht wird, ist das fatal. Gerade Nationalspieler Volland macht wohl die schwerste Sinnkrise seiner Karriere durch und trifft eine falsche Entscheidung nach der anderen.

Vielleicht versucht es Stevens bald wieder mit Altmeister Kevin Kuranyi, der sich mehr Spielanteile wünscht. Und da wäre auch noch der Chilene Eduardo Vargas, der ziemlich missmutig den Heimweg antrat. Aber wären diese beiden wirklich eine Hilfe? Hoffenheim leidet unter einer schlechten Transferpolitik und hat für Spielmacher Firmino zwar vergangenen Sommer viel Geld erhalten, aber damit auch jedwede Kreativität und Torgefahr aus der zweiten Reihe verkauft. Nur 18 Treffer sind gelistet, weil nur jede fünfte Gelegenheit genutzt wird. Wie sagte Stevens noch: "Tore schießen ist das Schwerste am Fußball überhaupt. Dafür brauchst man Qualität, das Quäntchen Glück und auch Selbstvertrauen."  Faktoren, die seinem Team gerade allesamt abgehen.

Zieht Dietmar Hopp noch einmal die Reißleine?

Und so wirkt der ganze Klub ähnlich orientierungslos wie vor fast genau drei Jahren, als Hoffenheim ähnlich hilflos Richtung Abstieg taumelte, ehe Mäzen Dietmar Hopp die Reißleine zog und den als Notretter verpflichteten Trainer Marco Kurz und Manager Andreas Müller entließ und durch Markus Gisdol als neuen Übungsleiter und Alexander Rosen als neuen Sportdirektor ersetzte. Es half, weil Gisdol das Team am letzten Spieltag zu einem Sieg in Dortmund und in der Relegation gegen Kaiserslautern zum Klassenerhalt führte. "Wir haben damals auch das Wunder geschafft", erinnerte Eigengewächs Süle und klammerte sich an diesen finalen Strohhalm.

Stevens

Auch ratlos: Trainer Huub Stevens

Noch aber wollte Manager Alexander Rosen einen zweiten Trainerwechsel in der Saison wie 2013 ausschließen. "Das ist kein Thema." Die Frage sei nur dann berechtigt, "wenn die Mannschaft leblos gewesen wäre." Doch es war ja bezeichnend, dass Rosen fast zwei Stunden brauchte, um sich in der Sinsheimer Arena zu diesem dürren Statement vor dem richtungsweisenden Auswärtsspiel beim Drittletzten SV Werder durchringen zu können. Sollte der Hopp-Klub auch in Bremen und anschließend gegen den FSV Mainz nicht punkten, könnte der Geduldsfaden mit Stevens an oberster Stelle reißen.

Ballbesitz und Chancen genug, Tore ungenügend

Torwart Oliver Baumann wollte die Trainerfrage nicht explizit beantworten, empfahl aber "den Tatsachen ins Auge zu blicken, kühlen Kopf zu bewahren und nicht die Nerven zu verlieren." Dass ausgerechnet der ansonsten zuverlässige Schlussmann vor dem 0:1 patzte und seine fehlende Entschlossenheit im Luftduell symptomatisch für den verstörenden Eindruck seiner Vorderleute in der ersten Halbzeit stand, sprach Bände.

Kein Vorwurf kam von Stevens, der aber den "Schlag auf die Ohren als nicht so einfach für die Truppe" empfand. Vieles bei seinen Kickern sei gerade "Kopfsache". Ob sein Appell an den Zusammenhalt für die nahe Zukunft nur die nächste hohle Phrase ist, wird sich jetzt zeigen. Der 62-Jährige beteuerte, er versuche auf seine Art, den Turnaround hinzubekommen. "Muss ich jetzt draufhauen? Soll ich einen wegschicken? Was wollt ihr hören?" fragte der "Knurrer aus Kerkrade" gewohnt garstig.

Spielbetrieb geht weiter

Von einer Geschlossenheit à la Darmstadt ist das Hoffenheimer Ensemble weit entfernt; und es ist auch nicht mehr zwingend erkennbar, ob Stevens bis Mitte Mai da noch die richtige Stellschraube findet. "Die Aufbruchsstimmung sollte auch mal untermauert werden", meinte Rosen, wohl wissend, dass die Stevens-Bilanz mit nur einem Sieg aus zehn Partien etwas anderes sagt. Und beide Gegentreffer - beim zweiten berührte Schiedsrichter Christian Dingert zuvor unabsichtlich den Ball - seien"bezeichnend für unsere Situation". Gleichwohl räumte der Manager ein: "Es fehlt vorne immer ein bisschen. Wir haben Ballbesitz und Chancen, schießen aber keine Tore."

Zwei Siege nach 20 Spieltagen sind eben kein Zufall. Der Tabellenvorletzte weist bereits auf vielen Ebenen die Bilanz eines Absteigers auf. Rosen äußerte sich bei der Aufarbeitung fast schon fatalistisch: "Was ist die Alternative? Wir stellen  bestimmt den Spielbetrieb nicht ein!“ Wäre auch ein bisschen schade für die Fans, die immerhin mit ihrer Choreographie - ein großes Spruchband mit der Aufschrift "Legt euch in die Riemen, Männer" mit einem Schiff unter der TSG-Flagge - punkten konnten. Bringt dummerweise in der Tabelle gar nichts.

Stand: 08.02.2016, 07:49

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