Leverkusener Kernfragen

Rudi Völler (r.) und Michael Schade (l.) auf der Tribüne

Die Werkself vor dem Umbruch

Leverkusener Kernfragen

Von Jörg Strohschein

Bayer 04 Leverkusen steht vor entscheidenden Fragen: Gibt es bei der Werkself ein "Weiter so"? Oder stehen grundsätzliche Veränderungen an? Sicher ist: Die handelnden Personen bleiben dieselben.

Die Verantwortlichen von Bayer 04 Leverkusen werden froh sein, wenn die 90 Minuten in Berlin am Samstag (20.05.2017) abgepfiffen sein werden. Das letzte Saisonspiel der Werkself bei Hertha BSC ist für die Rheinländer schließlich nur noch eine Pflichtaufgabe und die sportliche Bedeutung ist für sie nebensächlich.

Die Reise der Leverkusener in die Bundeshauptstadt ist dagegen vielmehr der Schlussakt einer Saison, über die die Rheinländer wohl am liebsten den Mantel des Schweigens ausbreiten würden.

Gestartet waren die Leverkusener zu Saisonbeginn mit dem nach eigenen Angaben vermeintlich "besten Kader seit 2001". Das Jahr, in dem sie am letzten Spieltag in Unterhaching - nach einer bemerkenswerten Spielzeit - auf geradezu tragische Weise die erste deutsche Meisterschaft verspielten.

Gelandet ist die Werkself nun äußerst unsanft und hat sich gerade noch den Abstiegsrängen entziehen können. Von den eigenen Ansprüchen und internationalen Ambitionen sind die Leverkusener derzeit meilenweit entfernt.

Vertrauensbeweis von höchster Stelle

Angekündigt hatte Sportdirektor Rudi Völler deshalb auch eine "schonungslose Analyse" nach der Saison. Zudem einigte sich das Aufsichtsgremium, bei Bayer 04 Gesellschafterausschuss genannt, darauf, die handelnden Personen auch weiterhin voll und ganz zu unterstützen.

"Es geht jetzt einzig und allein darum, alles daran zu setzen, unseren Verein in der kommenden Saison wieder zurück in die Erfolgsspur zu führen", sagte Werner Wenning, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses. "Wir sind fest davon überzeugt, dass dies unter der Führung von Michael Schade und Rudi Völler auch gelingen wird!"

Ein Vertrauensbeweis von höchster Stelle für die handelnden Personen, der in der Öffentlichkeit allerdings auch als ein "Weiter so" interpretiert werden könnte. Doch die aktuelle Saison hat gezeigt, dass sich die Leverkusener Verantwortlichen eher grundsätzliche Fragen stellen müssten.

Leverkusener Stellenwert

Ist die verkorkste Saison lediglich das Resultat verletzter Spieler, verschossener Elfmeter und anderer unglücklicher Umstände im Rahmen der sportlichen Betätigung? Dann wären kleine Veränderungen im Kader wohl ausreichend. Oder gilt es mit Blick auf die kommenden Aufgaben, sich grundlegender Themen und Strukturen im Klub anzunehmen und Veränderungen herbeizuführen?

Die Leverkusener, die viele Jahre in vielerlei Hinsicht als besonders innovatives Gesamtkonstrukt in der Bundesliga galten, sind derzeit dabei, diesen Stellenwert nach und nach einzubüßen.

Völlers Lagebewertung

Vor allem Michael Schade hatte zuletzt den Unmut der Fans zu spüren bekommen, die ihn mit "Schade-Raus"-Rufen während mehrerer Spiele unüberhörbar bedachten. Der 64 Jahre alte ehemalige Bayer-Konzernsprecher gilt zwar als Marketing-Experte, seine sportliche Expertise ist bisher allerdings noch nicht zum Vorschein gekommen. Vom ihm dürften auch künftig keine weiterführenden Impulse in Bezug auf das Kerngeschäft zu erwarten sein.

Und so hängt in den kommenden Tagen viel von Völler und dessen Lagebewertung ab. Der 57-jährige gilt allerdings als Fußball-Traditionalist, der modernen Entwicklungen stets etwas pessimistisch gegenüber tritt und diese oft auch als unnötiges Beiwerk abtut. Grundsatzfragen zu erörtern gehört sicher nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen Völlers.

Bei der Personalie Roger Schmidt unterlag Völler allerdings der Fehleinschätzung, dass der Ex-Trainer die sich im Laufe der Saison immer weiter zuspitzende Situation wieder in den Griff bekommen würde. Die Unterstützung, die der oft sture und eigenwillige Fußballlehrer wohl dennoch von der Vereinsführung hätte erhalten müssen, blieb ihm wohl auch aufgrund Völlers Fehlinterpretation verwehrt.

Trainerfrage ist entscheidend

Viel wird beim Umfang der internen Neu-Bewertung der Leverkusener Umstände deshalb auch von der Wahl des Trainers abhängen. Trotz aller bisheriger Dementis des Klubs scheint Thomas Tuchel weiterhin ein ernsthafter Kandidat für die Besetzung des vakanten Postens zu sein. Auch Tuchel gilt als nicht einfacher Charakter.

Eine Möglichkeit eines Neuanfangs wäre es deshalb, eine vermittelnde Position zwischen Vereins- und sportlicher Führung einzurichten, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen und aus dem Weg zu räumen.

Thema in: Sportschau, Samstag, 20.5., 18 Uhr

Stand: 19.05.2017, 13:42

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