Hannover - zu langsam für Europa

Den 96ern ist ihre Spielidee abhanden gekommen

Hannover - zu langsam für Europa

Von Christian Hornung

Der VfB Stuttgart ist in der Bundesliga abgeschlagen, hat aber immerhin über den DFB-Pokal noch eine sehr gute Chance, in der nächsten Saison wieder europäisch zu spielen. Hannover 96 hingegen muss sich von diesem Ziel wohl vorläufig verabschieden.

In der 86. Minute spielten die Roten endlich einmal zügig und direkt. Nach dem Zuspiel von Mo Abdellaoue visierte Jan Schlaudraff auf der rechten Seite Steven Cherundolo an, der die Kugel ebenso flink weiterleitete. Das Problem an diesem Spielzug war aber, dass sich der Ball mit jeder Anspielstation immer weiter vom Stuttgarter Tor entfernte - und nach Cherundolos Zuspiel auf Ron-Robert Zieler schließlich beim eigenen Torwart angekommen war. An der Seitenlinie wandte sich Trainer Mirko Slomka genervt ab. Und die Fans pfiffen ihre eigene Mannschaft aus.

Ein Trauerspiel

Der von Schlaudraff abgebrochene und von Cherundolo endgültig vernichtete Konter war ein typisches Beispiel für die 90-minütige Trostlosigkeit, die die beim Schlusspfiff längst nicht mehr vollzählig versammelten 46.000 Zuschauer an diesem Sonntag (07.04.13) über sich ergehen lassen mussten. Es war ein Trauerspiel von zwei Teams, die die Liga in den vergangenen Jahren immer wieder international repräsentiert hatten, die aber zurzeit ihre Spielidee komplett verloren haben. Beim VfB ist das schon über die gesamte Saison der Fall, Bruno Labbadias Klagen über den zu dünnen Kader reichen aber auf die Dauer nicht aus, um diese Art von risikolosem und uninspirierten Fußball zu erklären.

Gentner lässt sich nicht mehr locken

Christian Gentner gab immerhin zu: "Wir haben uns in dieser Spielzeit oft genug von den Gegnern locken lassen und sind dann nach Ballverlusten in Konter gerannt. Immerhin das ist uns hier nicht passiert. Nach vorne hätten wir aber natürlich mehr riskieren müssen, um mal ein Tor zu erzwingen. Aber das Spielerische geht uns derzeit leider ab."

Das ist auch bei Hannover so und hängt natürlich auch mit der aktuellen Besetzung der Mannschaft zusammen. Szabolcs Huszti fehlt verletzt, Jan Schlaudraff steckt mal wieder in einem jener Tiefs, die seine Karriere in regelmäßigen Abständen zuverlässig begleiten. So versuchte es Slomka auf den offensiven Außenbahnen rechts mit dem Japaner Gotoku Sakai, der aber weder brauchbare Flanken schlug noch einen Hauch von Torgefahr entwickelte, und links mit Konstantin Rausch.

Die falschen Entscheidungen

Rausch kann zwar hart schießen, doch gegen Stuttgart wurden einmal mehr seine Defizite im taktischen Bereich offenkundig. Er traf mit einer erstaunlichen Konsequenz immer wieder die falschen Entscheidungen, rannte sich gegen drei Mann fest, wo er besser abgespielt hätte, flankte zu früh aus dem Halbfeld oder lief mit dem Ball über die Seitenauslinie, bis auch ihn am Ende die Pfiffe der eigenen Fantribüne ereilten.

Außenverteidiger blieben hinten

Die beiden Außenverteidiger kamen ebenfalls kaum dazu, sich sinnvoll in die Angriffe einzuschalten. Sébastien Poccognoli sah sich hinten links offenbar mit der Abwehrarbeit gegen Shiji Okazaki oder Ibrahima Traore ausgelastet. Bei Steven Cherundolo liegen die Zeiten, in denen er seinen rechten Mittelfeldpartner auch mal außen überholte und selbst die Flanken schlug, auch schon etwas länger zurück.

Automatismen sind weg

Der 96-Kapitän war immerhin so ehrlich, die Defizite klar anzusprechen: "Das ist einfach zu wenig zurzeit. Uns hat über die Jahre ein sicheres und fast automatisiertes Kombinationsspiel ausgezeichnet. Das fehlt jetzt total. Das einzig Positive ist, dass wir an so einem Tag wenigstens auch hinten die Null gehalten haben." Für das erneute Erreichen eines Europa-League-Platzes ist das Halten der Null aber definitiv zu wenig. Das wollte Cherundolo ebenso wenig dementieren wie Mirko Slomka.

"Regelrecht einschläfernd"

Der Trainer sprach seiner Mannschaft sogar den unbedingten Willen ab: "Wenn man die Chance hat, 40 Punkte zu erreichen, dann muss man einfach euphorischer auftreten. Ich ärgere mich extrem über das fehlende Tempo in unserem Spiel. Das war regelrecht einschläfernd." Und hat nichts mehr mit seiner Vorgabe zu tun, Angriffe spätestens zehn Sekunden nach der Balleroberung zum Abschluss zu bringen. Schon gar nicht mit einem Steilpass zum eigenen Torhüter.

Stand: 08.04.2013, 08:34