Thomas Schaaf - der Anpacker

Thomas Schaaf

Trainingslager in Belek

Thomas Schaaf - der Anpacker

Von Frank Hellmann (Belek)

Hannover 96 hat in der Winterpause den Reset-Knopf betätigt. Neuer Trainer und neue Spieler sollen die Wende bewirken. Doch Thomas Schaaf hat eine schwierige Aufgabe vor sich.

Die Kommandos ertönen klar und deutlich. Im Minutentakt brüllt Thomas Schaaf seine Korrekturen über das Gelände. Und wenn ihm einer nicht zuhört, dann stößt der Fußballlehrer aus seiner Trillerpfeife ein Signal aus. Stopp. Sodann schreitet der 54-Jährige persönlich zu einem Spieler, legt die Hand um dessen Schulter, um vor versammelter Mannschaft die Pass- und Laufwege anzuzeigen, die im Trainingsspiel eigentlich richtig gewesen wären. So geht das fortwährend bei den Einheiten von Hannover 96 im Trainingslager.

Wer auf den weitläufigen Anlagen der Golf- und Fußballplätze im türkischen Belek die Niedersachsen sucht, muss eigentlich nur die Ohren spitzen. Dort wo es am lautesten ist, stehen auf einem Spielfeld mitten im Pinienwald vermutlich Schaaf und seine Helfer Matthias Hönerbach und Wolfgang Rolff, die dem Chef in ähnlicher Mimik und Gestik schon assistieren, als dieser langjährig bei Werder Bremen und ein Jahr bei Eintracht Frankfurt das Sagen hatte.

Gefangen in der alten Passivität

Seit dem neuen Jahr dient der Ewig-Bremer Schaaf also Hannover, wieder Norddeutschland, was er bei seiner Vorstellung ausdrücklich nicht als Nachteil gesehen hatte. Und dass der Klub schon vorher ein Trainingslager an der türkischen Riviera gebucht hatte, wo er in seligen Werder-Zeiten doch Stammgast war, gefiel ihm auch. Nur hat er geahnt, wie schwer seine Mission am Maschsee werden würde?

Einen ersten Vorgeschmack bekam Schaaf am Montag (11.01.2016), als er die ersten Testspiele coachte. Erst quälte sich die B-Mannschaft zu einem 2:1 gegen den Drittligist SV Wehen Wiesbaden, dann war die A-Elf beim 0:1 gegen Liga-Gefährte Hertha BSC im Grunde chancenlos. "Wir gestehen dem Gegner zu viel zu. Und wenn wir selbst im eigenen Ballbesitz sind, machen wir zu wenig. Wir sind zu sehr in der Passivität gefangen."

Dreiköpfiges Trainerteam bietet Hilfestellungen

Dabei kann Schaaf diese abwartende Haltung gar nicht leiden; auch ein Abstiegskandidat, so das Credo des überzeugten Offensivliebhabers, darf ruhig mal selbst agieren. "Wir sind da voll im Prozess drin", versicherte Schaaf, "aber viel Zeit haben wir nicht." Positiv sei, dass seine Profis mittlerweile gut die Ordnung halten, "aber den nächsten Schritt haben sie noch nicht gemacht."

Zweieinhalb Wochen sind es noch bis zum Rückrundenauftakt gegen den Aufsteiger Darmstadt 98 (23.01.2016) - die Partie soll die Richtung vorgeben. Und sie wird die Stimmung beeinflussen. Deswegen treibt der neue Trainer in der Türkei unentwegt an - auch bei schlechtem Wetter. Dass Schaaf mitunter wie ein begossener Pudel mit seiner Schirmmütze im Dauerregen die Anweisungen erteilt, stört ihn nicht. Er müsse mit seinem Trainerteam vorangehen, "wir müssen Hilfestellungen anbieten."

Nur Szalai stand in der A-Elf

Sein Geschäftsführer Martin Bader sagt zwar, man müsse "nicht alles auf links drehen", hat indes bereits vier neue Spieler verpflichtet, die Schaaf mit ins Trainingslager nehmen konnte. Doch aus dem Quartett bekam beim ersten Härtetest allein Sturm-Leihgabe Adam Szalai (Hoffenheim) seinen Platz in der A-Elf. Die anderen - der Norweger Iver Fossum, der Japaner Hotara Yamaguchi und der U 21-Nationalspieler Marius Wolf - gelten für Bader vorerst als Ergänzungsspieler, "um die Konkurrenzsituation im Kader zu erhöhen"."Die Frage ist doch: Was sind Verstärkungen? Stefan Kießling wäre das gewesen", erzählt Bader, "danach geht es darum, mehr Alternativen bereitzustellen." Seine Losung geht gerade so: "Wenn wir die Klasse halten und kein Neuzugang hat gespielt, dann bin ich auch glücklich." Die wichtigsten Lösungen aus der Krise soll wiederum Schaaf liefern, der gerade verbal vorangeht.

Bader lobt den Teamplayer im Trainer

So wortreich, dass der Manager einen "sehr kommunikativen" Typ Trainer belobigt, "der innerhalb kürzester Zeit hier angekommen ist." Die Medienrunde am Wochenende war das Gegenteil einer einsilbigen Veranstaltung. Dass Schaaf aus der Vergangenheit in der Schublade eines Trainers stecke, der in Frankfurt vor allem wegen seiner Defizite in der Kommunikation scheiterte, kann Bader gar nicht nachvollziehen. "Mir hat das niemand bestätigt. Ich erlebe einen Teamplayer, der innerhalb kürzester Zeit hier angekommen ist."

Tatsächlich ist der zwar in Mannheim geborene, aber in Bremen fest verwurzelte Fußballlehrer überaus emsig, gibt sich freundlich und zeigt sich aufgeschlossen. Er möchte schnell "Selbstverständnis und Selbstbewusstsein" auf seine Spieler übertragen. Vor allem die Offensive müsse mit mehr Entschlossenheit zu Werke gehen. Deshalb sind im Trainingslager auch ständig Spielformen mit Torabschluss angesetzt. Manch missglückte Versuche hat Schaaf dabei übrigens mit einem mitleidigen Stöhnen versehen.

Stand: 14.01.2016, 08:30

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