Freispruch für Schmelzer - das Problem bleibt

Marcel Schmelzer (li.), Wolfgang Stark

Diskussion um Handelfmeter

Freispruch für Schmelzer - das Problem bleibt

Von Christian Mixa

Der umstrittene Platzverweis gegen Marcel Schmelzer erregt die Gemüter - trotz des angekündigten Freispruchs für Dortmunds Verteidiger. Weitere Streitfälle um Handspiele im Strafraum sind vorprogrammiert.

Soll nochmal einer behaupten, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sei ein behäbiger Funktionärsapparat. Gerade einmal dreieinhalb Stunden dauerte es am Samstagabend (08.12.12), bis der DFB die umstrittenste Entscheidung des Bundesliga-Wochenendes einkassiert hatte. Der Kontrollausschuss kündigte an, kein Verfahren gegen Dortmunds Marcel Schmelzer zu eröffnen. Die DFB-Richter reagierten auf das mutige Eingeständnis von Schiedsrichter Wolfgang Stark, der seinen Elfmeterpfiff wegen eines Handspiels von Dortmunds Marcel Schmelzer mit anschließendem Platzverweis nach Ansicht der TV-Bilder als "klaren Fehler" bezeichnete.

Vielleicht fürchteten die DFB-Oberen bei ihrem Freispruch aber auch um die eigene Unversehrtheit bei einem der kommenden Besuche in Dortmund: Sportdirektor Michael Zorc ging nach dem Schlusspfiff noch auf dem Rasen auf das Schiedsrichter-Gespann los. Und Klubpräsident Hans-Joachim Watzke wütete durch die Katakomben, als hätte ihm Schalke-Boss Clemens Tönnies die Frau ausgespannt. Speziell Schiedsrichter-Obmann Lutz-Michael Fröhlich, den sich Watzke namentlich zur Brust nahm, dürfte dessen Worte durchaus als persönliche Drohung verstanden haben, sich fürs Erste besser nicht mehr in der Nähe des Dortmunder Stadions blicken zu lassen.

Keine neue Vorgabe für Schiedsrichter

Der Meister, dessen Chancen auf eine Titelverteidigung durch die Niederlage gegen Wolfsburg weiter gesunken sind, sieht sich als Opfer einer verschärften Handspielregelung. Schon in der Champions League bei Manchester City kostete dem BVB ein umstrittener Elfmeterpfiff kurz vor dem Ende den vermeintlichen Sieg, als Neven Subotic einen Schuss aus kurzer Distanz mit dem Arm abblockte. Ein Ermessenfall, der aber von den Schiedsrichtern in der Tendenz zunehmend als unerlaubtes Handspiel gewertet wird und zu einer gefühlten Häufung von Handelfmetern geführt hat - nicht nur bei BVB-Spielen.

Lutz Wagner, bei der Schiedsrichter-Kommission des DFB für die Regelumsetzung zuständig, verneint allerdings, dass dahinter eine geänderte Vorgabe für die Schiedsrichter stehe. "Es ist lediglich präzisiert worden, was unter einem strafbaren Handspiel zu verstehen ist." Der "kicker" hat in den 135 Spielen der Saison 73 grobe Fehlentscheidungen gezählt – oft ging es dabei um umstrittene Handspiel-Entscheidungen.

"Unnatürliche Arm- und Handhaltung"

Weniger strittig, und auch in der Praxis kaum noch zu beobachten, sind dabei die klassischen Fälle, bei denen die Hand absichtlich zum Ball geht. "Was wir häufiger verzeichnen, ist die Vergrößerung der Körperfläche durch eine unnatürliche Arm- und Handhaltung, die nichts mit der natürlichen Lauf- oder Sprungbewegung zu tun hat", sagt Schiedsrichter-Experte Wagner.

Was genau darunter zu verstehen ist, lässt sich im dynamischen Spielgeschehens nicht immer eindeutig bewerten, räumt auch der langjährige DFB-Referee Wagner ein. Die Frage, ob ein Handspiel vorliegt oder nicht, liegt dann - wie im Fall Subotic - immer auch "im Ermessen des Schiedsrichters", so Wagner: "Es gab einige strittige Situationen und Grenzfälle. Keiner kann zum Beispiel mit angelegtem Arm springen. Man muss die Arme zum Schwungholen hinzunehmen", erklärt Wagner. "Wenn die Arme aber waagerecht in der Luft stehen oder über den Kopf gestreckt werden, dann nimmt der Spieler billigend in Kauf, seine Körperfläche zu vergrößern, um den Ball abzuwehren. Und es liegt ein strafbares Handspiel vor."

Präzedenzfall durch Schmelzer-Freispruch?

Unangeachtet der Diskussion um die Auslegung - die Regeln, wann ein verbotenes Handspiel vorliegt und auch zu ahnden ist, seien klar definiert, betont Wagner: "Vereine und Spieler wurden vor der Saison entsprechend unterwiesen, auch in Zusammenarbeit mit den Schiedsrichtern. Die Spieler wissen Bescheid." Dennoch wird der Grenzbereich zwischen natürlicher Handbewegung und verbotenem Spiel weiter für Aufregung in der Liga sorgen - auch nach dem Freispruch für Dortmunds Rotsünder Marcel Schmelzer.

Mal abgesehen davon, dass in der Vergangenheit ähnliche, nach Ansicht der TV-Bilder offensichtliche Fehlentscheidungen und daraus resultierende Strafen nicht revidiert wurden, auch nicht nach einem nachträglichen Eingeständnis des Schiedsrichters. Stets verwiesen die DFB-Richter dabei auf die berühmte "Tatsachenentscheidung". Nachdem nun die Sanktion für Schmelzer ausbleibt, hat der DFB womöglich einen Präzedenzfall geschaffen, auf den sich künftig sicherlich auch andere Vereine berufen werden.

Stand: 10.12.2012, 13:00