Wie Werder Bremen arm wurde

Infografik: Bilanzen Werder Bremen

Serie - Fußball-Klubs und ihre Finanzen

Wie Werder Bremen arm wurde

Von Frank Hellmann

In seinen Hochzeiten galt der SV Werder als Vorzeigeverein der Bundesliga. Das war einmal. Die Grün-Weißen vermelden seit drei Jahren nur noch rote Zahlen. Bremen ist ein finanzielles Sorgenkind der Liga. Was ist an der Weser passiert?

Bei vielen Werder-Fans lag zu Weihnachten wieder das "Das offizielle Jahrbuch" auf dem Gabentisch. Ein bunter Bildband, der bewusst fröhlich gehalten ist. Im  Vorwort der Geschäftsführung heißt es: "Wandel und Weiterentwicklung zu gestalten, dabei Tradition, Werte und die ganz spezielle Werder-Identifikation zu bewahren – das ist unser aktueller Werder-Weg." Wer den Vorsitzenden Klaus Filbry nach Konzepten aus der Krise befragt, bekommt meist eine ähnliche Antwort.

Bei der Mitgliederversammlung Ende November 2014 verkündete Filbry: "Werder Bremen wird nicht absteigen. Wir werden mit Vernunft wirtschaften und Schritt für Schritt sportlichen Erfolg haben." Wenn es so einfach wäre. Die Realität ist längst eine andere. Sportlich gilt der Relegationsrang 16 zur Winterpause fast schon als das Optimum, wirtschaftlich ist die Lage besorgniserregend. Die Grün-Weißen zählen zu jenen fünf schwarzen Schafen in der boomenden Bundesliga, bei denen das Geschäft in der abgelaufenen Saison defizitär lief.

Eigenkapital schmilzt komplett ab

Klaus Filbry und Thomas Eichin

In schwerem Gewässern an der Weser: Klaus Filbry und Thomas Eichin

Die Horrorbilanz aus den drei zurückliegenden Spielzeiten (2011/2012 bis 2013/2014) liest sich so: minus 13,9 Millionen, minus 7,9 Millionen, minus 9,8 Millionen. In der Summe also ein Verlust von fast 32 Millionen. Der als GmbH & Co KGaA firmierende Klub arbeitet alles andere als kostendeckend.

"Nach jetzigem Stand wird unser Eigenkapital am Ende der Saison aufgebraucht sein", sagt der ausgeschiedene Präsident Klaus-Dieter Fischer. Dann müssten die Hanseaten mit Kaufmannsgrundsätzen brechen und den laufenden Betrieb mit Krediten überbrücken. Was ist nur aus dem einstigen Vorzeigeverein geworden?

Vorstandsvorsitzender argumentiert mit Einmaleffekten

Verwunderlich sind die Schreckenszahlen zur Spielzeit 2013/2014, weil die Medienerlöse sogar gestiegen (von 26 auf 30 Millionen), die Einnahmen aus Spielbetrieb (23 Millionen) und Werbung (22 Millionen) unverändert geblieben sind. Der Umsatz wuchs zudem leicht auf 91,3 Millionen. Und weniger als ein Drittel davon floss in den Lizenzspieleretat - der für den Sport zuständige Geschäftsführer Thomas Eichin spricht hier von einem Budget von knapp 30 Millionen Euro. Wo aber geht das ganze Geld hin?

Die Ursache für das jüngste Defizit schreibt Filbry einem "Einmaleffekt" zu: "Wir haben es geschafft, den SV Werder so aufzustellen, dass wir uns ohne internationalen Wettbewerb finanzieren können. Es sind lediglich die Abschreibungen für Spielertransfers der Vergangenheit, die eine sichtbare Auswirkung auf die Bilanz verhindern."

Personalausstattung ist üppig

Der ehemalige Adidas-Manager verschweigt aber, dass die Profis Sokratis und Arnautovic im Gegenzug für fast zwölf Millionen Euro verkauft wurden. Für "Augenwischerei" halten dann auch Kritiker die Filbry-Argumentation. Weil sie ablenkt? Interessanterweise wies die Bremer Bilanz einen Personalaufwand in Höhe von 47,6 Millionen auf.

2009, als Werder als Spitzenverein galt, wurden 101 Mitarbeiter ausgewiesen. 2014 aber, wo längst Abstiegskampf angesagt ist, sind es 160 Angestellte.

Laut DFL-Report wendet ein Bundesligist durchschnittlich 43,5 Prozent seiner Ausgaben als Personalaufwand auf - für Spielbetrieb, Handel und Verwaltung. In Bremen sind es mehr als 50 Prozent. Ex-Manager Willi Lemke sagte kürzlich, er wisse genau, wo man noch sparen könnte - und meinte wohl die opulente Personalausstattung.

Allofs fehlte am Ende ein Regulativ

Werder zahlt einen hohen Preis für die Erfolge der Vergangenheit: Nach dem Sensationsdouble 2004 nahm Werder sechsmal an der lukrativen Champions League und einmal an der Europa League teil. Folge: Der Umsatz wuchs bis auf die Rekordmarke von 126,4 Millionen Euro (2009/2010). Als danach unter Klaus Allofs und Thomas Schaaf die Erfolge ausblieben und die Zuflüsse aus dem internationalen Geschäft fehlten, kam der Teufelskreis in Gang.

Denn der schnelle Turnaround gelang nicht. Eingeweihte sagen, vor allem Allofs habe nach dem Ausscheiden von Jürgen L. Born und Manfred Müller 2009 aus der Geschäftsführung ein Regulativ im operativen Geschäft gefehlt. Als Vorstandschef verantwortete Allofs teure Fehleinschätzung. Wesley (rund 9 Millionen Euro Ablöse), Marko Arnautovic (6,5 Millionen), Mehmet Ekici (5 Millionen) oder Eljero Elia (5,5 Millionen) schlugen nicht ein und wurden teils unter hohen Verlusten abgeben.

Umbau des Weserstadions kostete 76 Millionen

Als Eichin im Frühjahr 2013 begann, erschrak er bisweilen über die vertraglich garantierten Fixgehälter. Nach und nach gingen alle (hoch bezahlten) Stars von Bord. "Wir mussten die Personalkosten drastisch herunterfahren, und da gibt es dann immer ein Qualitätsproblem", sagt Eichin. Der Manager sieht den Bundesliga-Wettbewerb im Wandel: "Die Konkurrenz, die durch externe Geldquellen oder besondere Partner aufrüsten kann, wächst. Wir werden Lösungen präsentieren müssen, die den Standort Bremen dauerhaft in der höchsten deutschen Liga etablieren."

Noch hat der SV Werder keine Schulden - und keine Anteile an Partner oder Investoren verkauft. Auch das Weserstadion trägt noch seinen alten Namen. "Wir sind nicht reich, wir sind nicht arm - wir müssen einfallsreich sein", gibt Filbry als Zukunftsparole aus. Von seiner Seite wird mitunter noch ein anderer Klotz am Werder-Bein angeführt: das Stadion. Dabei sind sich die aktuelle und ehemalige Geschäftsführung nicht einig, ob der insgesamt 76 Millionen teure Umbau die finanzielle Misere mit verursacht hat.

Werder und die Stadt Bremen teilen sich die Anteile an der Bremer Weserstadion GmbH (BWS), aber nur der Verein wird zur Kasse gebeten, in dem er eine vom Sponsor EWE garantierte Fixsumme (2,5 Millionen) und ein Teil der Einnahmen aus den VIP-Logen, der Vermarktung und dem Catering für den Abtrag aufwendet. Sicher ist, dass es bei einem Abstieg schwierig wäre, die Rückzahlung in bisheriger Form zu stemmen. Überhaupt wäre die zweite Liga ein wirtschaftlicher Drahtseilakt. Ex -Nationalspieler Marco Bode, der mittlerweile das Kontrollgremium leitet, räumt ein: "Die Marke Werder wäre in der zweiten Liga nicht mehr so viel wert." Fakt ist: Bremen gehört zu jenen Bundesligisten, die  sich einen Abstieg am wenigsten leisten können.

Stand: 29.01.2015, 08:00

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