Der HSV investiert in den Misserfolg

Infografik: Bilanzen Hamburger SV

Serie - Fußball-Klubs und ihre Finanzen

Der HSV investiert in den Misserfolg

Von Sebastian Ragoss

Sportlich wie wirtschaftlich machte der Hamburger SV zuletzt eher negative Schlagzeilen. In der vergangenen Saison wurde die Relegation nur mit sehr viel Glück überstanden, und in dieser Spielzeit läuft es auch eher unterirdisch. Dazu kommen hohe Verbindlichkeiten und eine finanzielle Entwicklung, die ganz klar nach unten zeigt. Ein Teufelskreis, wenn sich der Klub nicht auf ein paar wichtige Leute verlassen könnte ...

Der Hamburger SV verbreitete am 22. Januar 2015 endlich einmal wieder gute Nachrichten in Sachen Finanzen. Deshalb ließ er sich etwas Besonderes einfallen und chauffierte die Journalisten im Mannschaftsbus zu einem Wegweiser, auf dem "Volksparkstadion" stand. Die Botschaft: In der kommenden Saison erhält die Arena ihren alten Namen zurück.

Milliardär Klaus-Michael Kühne hat die Namensrechte für vier Jahre erworben und zahlt dem Klub dafür insgesamt 16 Millionen Euro. Noch wichtiger war jedoch die zweite Nachricht: Kühne wandelt sein im Sommer 2014 gewährtes 18,75-Millionen-Euro-Darlehen in Anteile an der neuen HSV-Fußball-AG um. 7,5 Prozent hält er nun an der Gesellschaft. "Ein großer Tag für den HSV", freute sich der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer.

Finanzelite lässt HSV nicht abstürzen

Auf der Mitgliederversammlung gab es drei Tage später die nächste gute Kunde. Unternehmer Alexander Otto, ehemaliger HSV-Aufsichtsratsvorsitzender, spendet zehn Millionen Euro, damit der Verein mit dem Bau seines Nachwuchsleistungszentrums beginnen kann. Kühnes und Ottos Engagement sind für den HSV nicht nur eine elementar wichtige finanzielle Unterstützung, sondern ein starkes Signal: Hamburgs Wirtschafts- und Finanzelite lässt den Hamburger SV nicht in den Abgrund stürzen. Angespannt bleibt die wirtschaftliche Lage trotzdem. Die finanzielle Situation des HSV ist das Resultat einer Vereinspolitik, die seit mehr als einem Jahrzehnt von hohen Investitionen, Hoffen auf künftige Erfolge und hoher personeller Fluktuation geprägt wird.

Fast in Vergessenheit geraten ist, dass die Hamburger Anfang der 2000er Jahre in Deutschland ein Vorreiter in Sachen Vermarktung waren. "Wachstum ist der beste Motor", hatte Vereinsboss Bernd Hoffmann als Kurs ausgegeben. Dank des neuen Stadions und ständig steigender Mitgliederzahlen hatte der HSV Möglichkeiten, von denen andere Bundesligisten nur träumen konnten. Der Umsatz nahm deutlich zu. Von 83 Millionen Euro im Jahr 2004/2005 bis auf 188 Millionen in der Saison 2008/2009. Der HSV war Stammgast im Europapokal, meistens allerdings im "zweitklassigen" UEFA-Cup. Gemessen am Gehaltsniveau hätte sich die Mannschaft aber regelmäßig für die Champions League qualifizieren müssen. Dies gelang allerdings nur 2006. Die hohen Investitionen zahlten sich also nur bedingt aus.

Viele Millionen für entlassene Trainer

Als 2010 nicht einmal die Europa League erreicht wurde, geriet das Wachstumskonzept ins Wanken. "Den fünftteuersten Kader der Liga zu finanzieren, wenn man nicht international spielt, ist schwierig", gab Hoffmann damals zu. Als Reaktion auf zurückgehende Einnahmen hätte der Hamburger SV eigentlich die Kosten für seine Profi-Mannschaft reduzieren müssen. Doch Verantwortlichen probierten es mit Aktionismus. Die Folgen: Spieler wurden überteuert gekauft und erhielten viel zu hoch dotierte Verträge. Die Fluktuation auf dem Trainer- und Managerposten nahm immer absurdere Züge an. Seit 2010 zahlten die Norddeutschen knapp 6,5 Millionen Euro Abfindungen an beurlaubte Trainer und Manager. Das schlechte Abschneiden in der Bundesliga führte unter anderem dazu, dass die TV-Einnahmen "deutlich unter den Erwartungen" (offizieller HSV-Wirtschaftsbericht) lagen.

Es verwundert also nicht, dass der HSV tief in die roten Zahlen gerutscht ist. In den vergangenen vier Jahren hat der Verein insgesamt 27,87 Millionen Euro Verlust gemacht. Wäre nicht der Vertrag mit Vermarkter Sportfive entgegen der ursprünglichen Planung bis 2020 verlängert worden, der HSV hätte sogar rund 40 Millionen Euro Verlust eingefahren.

Kühne bringt und mischt sich ein

Dietmar Beiersdorfer des HSV bei der Mitgliederversammlung

Dietmar Beiersdorfer des HSV bei der Mitgliederversammlung

Zwischenzeitlich erhielt der Bundesligist keine Bankkredite mehr. Wie konnte er da seine laufenden Kosten decken und weiterhin auf dem Transfermarkt aktiv bleiben? Danke Kühne, der seit 2010 als Geldgeber fungiert. Der Milliardär stellte damals 12,5 Millionen Euro zur Verfügung und erhielt im Gegenzug Transferrechte an mehreren Spielern. Zwei Jahre später gab es acht Millionen vom Logistikunternehmer für den Kauf von Rafael van der Vaart. Und eben jene 18,75 Millionen im Sommer 2014. Dass Kühne sich offensiv in die Vereinspolitik einmischte und unter anderem vor einem Jahr die Einsetzung von Felix Magath forderte, musste der HSV zähneknirschend hinnehmen.

Erfolge blieben trotzdem aus, die finanziellen Probleme nahmen zu. Es rumorte immer lauter im Verein, den fast 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten belasten. Nach monatelangen Diskussionen beschlossen die Mitglieder im Mai 2014 die lange vehement bekämpfte Ausgliederung der Profis in eine AG. Ein Schritt, der Fußball-Nostalgiker hart trifft, aber alternativlos ist. 24,9 Prozent der Anteile darf der HSV nun an Investoren verkaufen.

Weitere Interessenten in petto?

Wie sieht die aktuelle Lage nach Kühnes und Ottos Finanzspritzen aus? "Wir schwimmen nicht im Geld, aber haben die finanzielle Basis des Vereins stabilisiert", betont Beiersdorfer. AG-Aufsichtsratschef Karl Gernandt erklärte, dass es weitere Interessenten am Kauf von Anteilen gäbe: "Ich habe Gespräche mit einem möglichen Investor geführt, der gesagt hat: Weil Kühne jetzt dabei ist, fange ich auch an, ernsthaft darüber nachzudenken." Eine weitere Erhöhung des Eigenkapitals wäre für den HSV ein wichtiger Schritt Richtung Konsolidierung.

Ruud van Nistelrooy

Ein teurer Van the Man - Ruud van Nistelrooy

Denn noch immer schieben die Hanseaten erhebliche Verbindlichkeiten vor sich her: 2019 muss die 2012 ausgegebene Jubiläums-Anleihe in Höhe von 17,5 Millionen Euro zurückbezahlt werden. Die Ablösesummen für mehrere Spieler sind noch nicht komplett bezahlt. Unter anderem erhält Tottenham Hotspur noch 6,5 Millionen Euro für Lewis Holtby. Auch bei Kühne steht der Verein weiterhin mit 6,2 Millionen Euro in der Kreide. Vom eigentlichen Ziel, das Stadion bis 2017 komplett abzubezahlen, ist schon seit langem keine Rede mehr.

Sparen ist also notwendig, zumal die Deutsche Fußball Liga (DFL) vor der laufenden Saison die Lizenz erstmals seit acht Jahren nur mit Auflagen erteilt hat. Der HSV wird daher um eine Kürzung des Lizenzspieleretats, der in dieser Spielzeit 50 Millionen Euro beträgt, nicht herumkommen. Ein großes Einsparpotenzial gibt es im Sommer, wenn mehrere hochdotierte Verträge (unter anderem der von van der Vaart) auslaufen. Vielleicht ändert sich dann die Vereinskultur, so dass Geld erst ausgegeben wird, nachdem es tatsächlich eingenommen wurde.

Stand: 05.03.2015, 08:00

Das Finanz-Schaubild als Tabelle

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  ...    
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