Die "falsche Neun" und ihre Möglichkeiten

Khalid Boulahrouz, Jose Mourinho

Das "Modell Messi" in der Bundesliga?

Die "falsche Neun" und ihre Möglichkeiten

Von Marcus Bark

Die "falsche Neun" ist eine Modeerscheinung, weil der FC Barcelona sie mit Lionel Messi perfekt besetzt hat. In der Bundesliga tritt diese Form des zentralen Stürmers kaum auf. Sie passt auch nicht zu jedem Stil.

Im Sommer 2006 wechselte Khalid Boulahrouz vom Hamburger SV zum FC Chelsea. Es waren zähe Verhandlungen und eine kuriose Geschichte um eine urplötzliche Verletzung kurz vor einem Champions-League-Spiel des HSV vorausgegangen.

Als der englische Klub seinen Neuzugang letztlich vorstellte, posierten Boulahrouz und Jose Mourinho vor den Fotografen. Das Trikot, das die beiden in den Händen hielten, zierte die Rückennummer "9". Generationen von Mittelstürmern, denen die Zahl als Gütesiegel diente, müssen zusammengezuckt sein. Boulahrouz, in der Branche auch unter dem Namen "Kannibale" bekannt, ist ein eisenharter Verteidiger. Nie war die "9" so falsch wie bei ihm.

Die Definition

Die indirekte Definition des Begriffs "falsche Neun" ist dank des Beispiels Boulahrouz einfacher als die direkte. Wer sich daran versucht, ist gut beraten, eine Nummer zehn zu wählen. Es ist die Nummer zehn des Weltfußballs, Lionel Messi. Er spielt inzwischen beim FC Barcelona den zentralen Stürmer. Allerdings steht er beim Aufbau eines Angriffs nicht vorne auf Höhe der gegnerischen Viererkette, sondern lässt sich ins Mittelfeld fallen, um gestaltend, wie es seine Rückennummer aussagt, einzugreifen.

Problemstellung für den Gegner

Lionel Messi

Das Maß aller Dinge als "falsche Neun": Lionel Messi

Eines der ganz vielen ganz großen Probleme von Gegnern des FC Barcelona ist in diesen Momenten die Frage: Was tun wir? Lassen wir einen unserer Innenverteidiger mitgehen? Dadurch entsteht Raum im Zentrum, in den die schnellen Flügelstürmer rücken können oder auch ein Mittelfeldspieler. Oder bleibt die Viererkette in der Ordnung? Dadurch hat der Gegner eine Überzahl im Mittelfeld. Da beim FC Barcelona auch die Außenverteidiger sehr offensiv aufrücken, entstehen viele der gewünschten Dreiecke aus Spielern, mit denen sich das dominante Kombinationsspiel aufziehen lässt.

Keine Variante für Kontermannschaften

Das theoretische Konstrukt einer Taktik mit "falscher Neun" hat auch für Mannschaften, die individuell viel schwächer besetzt sind als der FC Barcelona, Vorteile. Dennoch gibt es in der Bundesliga keinen Trainer, der darauf setzt. Das ist bei den Mannschaften verständlich, die keinen gesteigerten Wert auf Ballbesitz legen und ihre Vorteile im schnellen Umschaltspiel, dem Kontern, sehen. Dazu gehören etwa Borussia Mönchengladbach und Hannover 96. Für solche Teams macht eine "falsche Neun" keinen Sinn, denn wer kann schon im Mittelfeld einen Schnellangriff mitgestalten, um dann wenige Sekunden später im Strafraum zu sein und ein Zuspiel zu verwerten?

Die mit Abstand höchste Ballbesitzquote von durchschnittlich mehr als 60 Prozent weist der FC Bayern München auf. Er hätte auch mit den schnellen und immer wieder den Abschluss suchenden Flügelstürmern Franck Ribery und Arjen Robben die personellen Voraussetzungen dafür, um mit einer "falschen Neun" zu spielen, am besten in Person von Thomas Müller. Allerdings wären dann Mario Gomez und Mario Mandzukic beschäftigungslos, denn diese Spieler eignen sich nicht für die Rolle. Ihnen fehlt das kreative Element, das eine "falsche Neun" mit Abschlussstärke paaren sollte.

Probiert Dortmund die "falsche Neun"?

Bundestrainer Joachim Löw muss häufig Fragen beantworten, was denn in der zentralen Stürmerposition nach Gomez und Miroslav Klose komme. Er sagt dann stets, auch Marco Reus könne Stürmer spielen, was auf eine "falsche Neun" hindeutet. Beim Test in den Niederlanden (0:0) probierte er dann aber Mario Götze in dieser Rolle aus. Es war allerdings auch nur ein halbherziger Versuch, denn hinter dem Dortmunder spielte mit dem Schalker Lewis Holtby ein "Zehner" im 4-2-3-1-System, der den Raum besetzte, in den sich eine "falsche Neun" in der Regel fallen lässt.

Marco Reus, Mario Götze

Elf und Zehn mit Potenzial zur "falschen Neun": Marco Reus (li.), Mario Götze

Ist Borussia Dortmund vielleicht eine Mannschaft, bei der die "falsche Neun" eine Zukunft hat? Das hängt auch davon ab, ob Robert Lewandowski über die Saison hinaus bleiben wird. Sollte der polnische Nationalstürmer wechseln, Julian Schieber den Erwartungen weiter hinterher hinken und der Meister keinen Ersatz finden, ist es fast schon ein wahrscheinliches Modell. Denkbar wäre ein 4-3-3-System mit Sven Bender als zentralem defensiven Mittelfeldspieler, Ilkay Gündogan und Nuri Sahin auf den Halbpositionen, Marco Reus und Jakub Blaszczykowski als Flügelstürmern und Götze als "falscher Neun". Klingt so, als könnte ein Gegner damit vor große Probleme gestellt werden.

Stand: 14.01.2013, 08:00