Schalke 04 in Erklärungsnot
Neuer Abschnitt
Nach dem 2:2 in Düsseldorf
Schalke 04 in Erklärungsnot
Von Michael Ostermann
Ein Unentschieden, das sich wie eine Niederlage anfühlt: Weil Schalke 04 bei Fortuna Düsseldorf unnötig eine 2:0-Führung verspielt, droht dem Team nun eine Grundsatzdebatte.
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Horst Heldt warf einen nervösen Blick zurück. Ein paar Meter hinter ihm stand der Mannschaftsbus des FC Schalke 04 abfahrbereit. Aber der Schalker Manager hatte noch nicht alle Fragen beantwortet, auf die er jedoch auch so recht keine Antworten fand. Wer weiß, vielleicht wäre das blau lackierte Gefährt sogar tatsächlich ohne ihn abgereist, wenn der Fahrer mitbekommen hätte, wie Heldt versuchte, ein 2:2 bei Aufsteiger Fortuna Düsseldorf zu erklären, das sich für die Schalker wie eine Niederlage anfühlte.
Schelte für den Busfahrer
"In der zweiten Halbzeit haben heute alle versagt, bis hin zum Busfahrer", sagte Heldt und beharrte auch auf Nachfrage auf dieser Interpretation. "Heute haben alle, die bei Schalke 04 Verantwortung tragen, versagt - vom Manager bis zum Busfahrer." Natürlich hatten weder er und noch viel weniger Lars Laser, der Mann am Steuer des Mannschaftsbusses, aktiv dazu beigetragen, dass die Gelsenkirchener eine 2:0-Führung zur Pause nach einer überlegen geführten ersten Halbzeit in Hälfte zwei noch aus der Hand gaben.
Doch wenn Heldt seinem Frust über die kickenden Angestellten des Klubs freien Lauf gelassen hätte, wären vermutlich unschöne Worte gefallen. Da erschien es klüger, stattdessen auch den Busfahrer mit in die Verantwortung zu nehmen und ein kollektives Versagen des Vereins zu konstatieren. Auf eine Detailanalyse verspürte der Manager ohnehin wenig Lust. "Wir können gerne einzelne Szenen analysieren, aber das ist alles nicht das, was in meinem Kopf herumschweift", sagte Heldt. "Das sind ganz andere Themen."
Es ist wohl eher das Große und Ganze, das die Schalker nach diesem Abend endgültig neu bewerten müssen. Nach nunmehr sechs Spielen ist die Euphorie des Saisonbeginns, nach dem manche die Königsblauen auf dem Weg nach ganz oben wähnten, restlos verflogen. Schon nach dem 0:2 gegen die Bayern hatte sich Ernüchterung breitgemacht in Gelsenkirchen. Eine Ernüchterung, die auch das 3:0 gegen Mainz mangels spielerischen Glanzes nicht vollständig hatte vertreiben können. Das Remis bei der Fortuna hat die Sache nun eher noch schlimmer gemacht. "Das hier tut mehr weh, als eine klare Niederlage gegen die Bayern", klagte Heldt. "Das ist sehr, sehr enttäuschend."
Stevens fassungslos
Gegen die Bayern war die Schalker Lähmung ja noch mit der besonderen Dominanz des Rekordmeisters zu begründen gewesen. Warum das Team sich nun aber auch von einem Gegner, den man zunächst klar im Griff hatte, noch den Schneid abkaufen ließ, ist nicht ganz so leicht zu erklären. Da geht es dann schon ans Eingemachte. Trainer Huub Stevens verweigerte wohl auch deshalb nach dem Spiel sämtliche Interviews. Der Niederländer teilte in der Pressekonferenz lediglich übellaunig mit, er sei "fassungslos darüber, wie wir in der zweiten Halbzeit aufgetreten sind“. Im Übrigen solle man doch bitte seine Spieler befragen.
"Sehr, sehr enttäuschend." Schalkes Manager Horst Heldt
Auch denen viel allerdings keine schlüssige Erklärung ein für den wechselhaften Verlauf des Abends. Begonnen hatten die Schalker die Partie zunächst im Stile eines Champions-League-Teilnehmers, der keinen Zweifel an seiner Überlegenheit zulässt und eine Pflichtaufgabe in der Liga mal eben lässig erledigt. "So eine Dominanz habe ich noch nie erlebt, höchstens mal in der ersten Pokalrunde, wenn man gegen einen Achtligisten spielt", behauptete Heldt.
Ein Haken zuviel
Nach den beiden Treffern durch Klaas-Jan Huntelaar (13.) und Marvin Matip (20.), ließen die Schalker den Ball in der Tat souverän zirkulieren. "Da waren wir sichtlich beeindruckt", stellte Düsseldorfs Trainer Norbert Meier fest. Sein Team war in dieser Phase kaum einmal an das Spielgerät gekommen. Und wenn doch, hatten sie es gleich wieder hergeben müssen. Doch die Gäste versäumten es, aus dieser Überlegenheit nach den beiden Toren weitere Chancen zu kreieren. „Sie sind da nicht so aufs 3:0 gegangen“, wunderte sich Fortunas Coach Meier. Auch das gehörte zur Wahrheit dieses Spiels.
Ob diese Nachlässigkeit mit Arroganz zu erklären sei, wurde Schalkes Manager später gefragt. „Nein, ich würde das nicht als Arroganz bewerten“, sagte Heldt. Was vielleicht noch schlimmer war, als hätte er die Frage bejaht. Tatsächlich wirkte das Schalker Spiel nicht überheblich, sondern in den entscheidenden Phasen eher zu wenig zielstrebig. Vor allem als die Düsseldorfer den Gästen in der zweiten Halbzeit notgedrungen mehr Räume ließen.
Schon 60 Sekunden nach Wiederanpfiff hätte Lewis Holtby die mutige Entschlossenheit mit der die Fortuna aus der Kabine gekommen war im Keim ersticken können, entschied sich statt eines Torschusses aber für einen überflüssigen Haken. Im Gegenzug fiel der Düsseldorfer Anschlusstreffer durch Dani Schahin (47.). Später scheiterten erst Ibrahim Afellay (66.) und dann Huntelaar (67.) am glänzenden Düsseldorfer Torhüter Fabian Giefer.
Fragen nach Huntelaar, Affellay, Höwedes, Holtby
Ein dritter Treffer hätte die nun anstehende Grundsatzdebatte auf Schalke wohl verhindert. Ein Diskurs, der Huntelaars über weite Teile mangelnde Anbindung an das Schalker Spiel ebenso umfassen wird, wie die in Düsseldorf manchmal ungeschickt wirkenden Aktionen Afellays. Der vom FC Barcelona ausgeliehene Niederländer offenbarte immer wieder Probleme bei der Ballverarbeitung. Auch die Rolle des gelernten Innenverteidigers Benedikt Höwedes als rechtes Glied der Viererkette dürfte noch einmal zur Sprache kommen. Zwar fiel der Düsseldorfer Ausgleich durch Schahin nach einer Flanke von rechts (77.), aber die Fortuna inszenierte ihre wilden Angriffe in der zweiten Halbzeit, die ihr am Ende sogar fast noch den Sieg gebracht hätten, vornehmlich über die linke Seite.
Schließlich dürfte sich auch die Frage stellen, ob Lewis Holtby wirklich schon der Stratege sein kann, der das Schalker Spiel in die richtigen Bahnen lenkt. In Düsseldorf traf er in den entscheidenden Momenten jedenfalls meist die falsche Entscheidung. Und auch eine Antwort darauf, warum die Mannschaft trotz der Führung ihre defensive Stabilität verlor, ist von Interesse. All diese Themen werden die Schalker in den kommenden Tagen diskutieren müssen. Lars Laser dagegen dürfte nicht zum Inhalt der Gespräche werden. Der nämlich erledigte seine Aufgabe durchgehend souverän und steuerte den Schalker Mannschaftsbus sicher aus der Düsseldorfer Arena.
Stand: 29.09.2012, 08:01