Werder und das zentrale Loch

Enttäuscht: Die Werder-Spieler Sokratis (l) und Nils Petersen

Analyse des Spiels gegen Hoffenheim

Werder und das zentrale Loch

Von Frank Hellmann

Nach langer Führung hat Werder Bremen einen sicher geglaubten Heimsieg gegen Hoffenheim doch noch aus der Hand gegeben.

Nicht mal eine leidenschaftliche Unterstützung von den Rängen und die leibhaftige Rückendeckung durch Otto Rehhagel konnten diesen Nachmittag retten. Nie zuvor im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Fangemeinde so solidarisch gezeigt mit dem SV Werder Bremen  wie während des 2:2 gegen die TSG Hoffenheim.

Und auch weil der Verein fast alle Helden der Meisterschaftmannschaft von 1988 inklusive des immer noch wie einen Heiligen verehrten Meistertrainers eingeladen hatte, herrschte bisweilen Gänsehautstimmung im Weserstadion. Am Ende regierte indes Enttäuschung und Ernüchterung über die grotesken Geschehnisse, als die Grün-Weißen durch Sven Schipplock (85 und 90.+1) späte Genickschläge kassierten.

Unkontrollierte Defensive

Bei der Ursachenforschung fällt schnell auf, dass Rehhagel-Nachfolger Thomas Schaaf statt der einstigen "kontrollierten Offensive" eine eher "unkontrollierte Defensive" verwaltet. Die Gegentore 61 und 62 standen exemplarisch für die vielen Fehler, die Werder unter Druck begeht. Wie beim 2:1-Anschlusstreffer genügen oft einfache Pässe in die Schnittstelle, um die Bremer Abwehr an zentraler Stelle auszuhebeln.

Gerade der schwerfällige Sebastian Prödl erweist sich mit seinen vielen Stellungsfehlern als Unsicherheitsfaktor, der Österreicher wirkt hüftsteif und  saß bisweilen in dieser Saison auf der Bank, doch sein Vertreter Assani Lukimya hat eben auch schon mehrfach folgenschwer gepatzt. Der Grieche Sokratis, der vor einem Wechsel zu Bayer Leverkusen steht, lässt sich von dieser Unsicherheit anstecken.

Auf der Sechs fehlt Qualität

Schaaf beklagte beim 2:2 zwar wortreich eine Abseitsstellung ("das muss mir mal einer erklären"), doch es ist keineswegs der Verschwörung durch die Schiedsrichtergilde geschuldet, wenn Philipp Bargfrede zuvor bei einer Annahme mit der Brust der Ball meterweit verspringt. Werder fehlt es auf der Sechserposition  an Qualität: Bargfrede ist allenfalls ein biederer Arbeiter, der neben ihm aufgebotene Felix Kroos erledigte seine Aufgabe zwar ordentlich, doch für höhere Ansprüche fehlt ihm die Begabung seines bei Bayern München angestellten Bruders Toni. Und Zlatko Junuzovic musste  diesmal mit Magen-Darm-Grippe passen.

Wenn Schaaf und dem noch für die Kaderzusammenstellung verantwortlichen Klaus Allofs ein Vorwurf zu machen ist, dann dieser: Ein prägender defensiver Mittelfeldspieler, der das Geschehen ordnen kann, ist weit und breit an der Weser nicht in Sicht. Die Position, die früher Frank Baumann und Torsten Frings ausführten, um den Bremer Vorwärtsstil abzusichern,  ist im Grunde nur notdürftig besetzt.

Kein Zugriff, keine Zuordnung

In der Umschaltbewegung zeigten sich auch am 32. Spieltag wieder altbekannte Schwäche: Im Mittelfeld fehlte am Ende der Zugriff, in den Innenverteidigung die Zuordnung. Der eingewechselte Hoffenheimer Mittelstürmer bestrafte in der Nachspielzeit derlei Nachlässigkeiten, abermals hatte Prödl, der das Zuspiel abfälschte, schlecht ausgesehen. "Vielleicht haben wir zu früh gedacht, wir haben das Spiel gewonnen", stammelte hinterher der Verteidiger, "das ist alles schwer zu glauben."

Und doch liegen Erklärungen auf der Hand: In der aus Sicht der Grün-Weißen chaotischen Schlussphase nahm Schaaf drei Wechsel in der Defensive vor. Der von Krämpfen geplagte Kroos (Auswechslung 85.) ging ebenso wie der von Gelb-Rot bedrohte Rechtsverteidiger Clemens Fritz (74.) und der angeschlagene Linksverteidiger Aleksandar Ignjovski (82.). Damit verlor das gesamte Gebilde seine Stabilität. "Jeder Wechsel ist immer ein Risiko, wir haben zuvor sehr harmonisch agiert", gab Schaaf hinterher zu, "aber wir waren bei den Gegentoren immer noch elf Mann auf dem Platz."

Viel zu viele Ballverluste

Kapitän Fritz bemühte den psychologischen Aspekt dafür, dass sich Werder "zu früh hinten reindrängen ließ", wie Schaaf monierte. "Die Angst, was zu verlieren, wenn du schon was hast, ist enorm groß." Zumal die Kollegen es nicht mehr schaffen, selbst gegen den Vorletzten ein Heimspiel prägend zu gestalten: Die Gäste aus dem Kraichgau vereinten 55 Prozent Ballbesitz auf sich und brachten 278 Pässe zum Mitspieler - die Hausherren nur 174. Aus den vielen Ballverlusten resultierte bei Werder Verunsicherung - und am Ende ein vielleicht entscheidendes Gegentor im Abstiegskampf.

Statistik

Fußball · Bundesliga · 32. Spieltag 2012/2013

Samstag, 04.05.2013 | 15.30 Uhr

Wappen Werder Bremen

Werder Bremen

Mielitz – Fritz (74. Gebre Selassie), Prödl, Sokratis, Ignjovski (82. L. Schmitz) – Bargfrede, F. Kroos (85. Lukimya) – Yildirim, De Bruyne, Hunt – N. Petersen

2
Wappen 1899 Hoffenheim

1899 Hoffenheim

Casteels – A. Beck, D. Abraham, Vestergaard, Thesker – T. Weis (76. de Camargo), S. Rudy (66. Schipplock) – Volland, Salihovic, Johnson (46. An. Ludwig) – Roberto Firmino

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Hunt (2./Foulelfmeter)
  • 2:0 De Bruyne (24.)
  • 2:1 Schipplock (85.)
  • 2:2 Schipplock (90.+1)

Strafen:

  • gelbe Karte Fritz (3)
  • gelbe Karte Bargfrede (4)
  • gelbe Karte F. Kroos (3)
  • gelbe Karte D. Abraham (1)
  • gelbe Karte Vestergaard (5)
  • gelbe Karte Schipplock (3)

Zuschauer:

  • 41000

Schiedsrichter:

  • Robert Hartmann (Wangen)

Stand: 05.05.2013, 10:05