Die Baustellen des FC Bayern

Karl-Heinz Rummenigge (l.) und Uli Hoeneß

Münchens Bosse in der Klemme

Die Baustellen des FC Bayern

Von Frank Hellmann

Die Mannschaft außer Form, mit Franck Ribéry der nächste Star verletzt: Doch das sind längst nicht die einzigen Probleme, die der FC Bayern mit in die Länderspielpause schleppt. Über allem schwebt die Frage, in welche Richtung die Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß überhaupt steuern wollen.

Selten dürfte in der jüngeren Geschichte des FC Bayern eine Länderspielpause so willkommen sein wie die aktuelle vor den abschließenden WM-Qualifikationsspielen der deutschen Nationalmannschaft in Nordirland (5. Oktober) und gegen Aserbaidschan (8. Oktober).

Wenn sich der öffentliche Fokus hin zu Joachim Löw verlagert, der die DFB-Auswahl am Dienstag (03.10.2017) zunächst in Frankfurt in der Villa Kennedy erwartet, werden die Bosse an der Säbener Straße in München die Ruhe nutzen, um gemeinsam auszuloten: Wo will der Branchenführer eigentlich hin? Und wer übernimmt den  Trainerposten?

Selbstbewusstsein und Selbstverständnis sind dahin

Dass es nicht damit getan war, sich zwar früh wie nie von einem Chefcoach, aber fast zu spät von Carlo Ancelotti und seiner seltsamen italienischen Gefolgschaft zu trennen, hat der Sonntagnachmittag in Berlin gezeigt: Beim 2:2 bei Hertha BSC traten unter Interimslösung Willy Sagnol dieselben Probleme zutage wie beim 2:2 gegen den VfL Wolfsburg unter dem Vorgänger.

"Ohne Konzentration sind wir nicht mehr die stärkste Mannschaft Deutschlands", befand Sagnol. Selbstbewusstsein und Selbstverständnis des deutschen Rekordmeisters sind schneller dahingeschmolzen als die Schneereste am Tegernsee in der Frühlingssonne – und auf ein Level gesunken, dass all jenen Hoffnung gibt, die allein wegen eines spannenden Meisterschaftskampfes auf eine längere Schwächeperiode der Münchner warten. Vorbei die Zeiten, dass der Rest der Liga nur noch das Spielende herbeisehnt, wenn die Bayern in Führung liegen.

Eifersüchteleien und Missgunst

Willy Sagnol als Interimstrainer auf der Bayern-Bank

Hatte in Berlin einen durchwachsenen Einstand: Interimstrainer Willy Sagnol.

Erstmals in der Bundesliga-Geschichte hat der FCB eine 2:0-Führung in zwei aufeinanderfolgenden Pflichtspielen hergeschenkt - das sagt alles über den Krisenmodus eines Klubs, der mit dem gescheiterten Experiment des genussvollen Spielerverstehers Ancelotti in eine gefährliche Lage geraten ist. Denn die Schwächen eines überalterten Starensembles, das an der langen Ancelotti-Leine seinen kollektiven Geist verlor, sind offenkundig. Dass sich zu allem Überfluss Frank Ribéry (Verdacht auf Außenbandriss im linken Knie) schwerer verletzte, passt ins Bild.

Und wenn eine Mannschaft nicht gemeinsam verteidigt, wie das wieder im Berliner Olympiastadion zu besichtigen war, bestätigt das all jene, die von Rissen im Binnenklima berichten. Zu lange hatte Ancelotti seine Lieblingsspieler wie Thiago, aber auch Arturo Vidal oder Real-Leihgabe James Rodriguez teilweise vom Leistungsprinzip befreit. So konnten Eifersüchteleien und Missgunst gedeihen. Der "Kicker" berichtet von einem "vergifteten Klima" in der Mannschaft und titelt: "Die Suche nach dem Mia-san-mia". Weil die Bayern nicht nur einen neuen Trainer finden müssen, sondern eine Strategie für die Zukunft.

Vereinsführung nicht schuldlos

Dass die Vereinsführung es versäumte, Disziplinlosigkeiten wie den Trikotwurf von Ribéry beim Champions-League-Spiel gegen den RSC Anderlecht zu ahnden, war Anfang vom Ende der kurzen Ancelotti-Amtszeit, deren prägendes Muster bald war: Jeder macht, was er will. Manch Beobachter spannt diese Beschreibung sogar bis in die oberste Führungsetage.

Als Marke und Vermarktungsmaschine hat der Global Player FC Bayern zuletzt perfekt funktioniert, mit einem Gesamtumsatz von weit mehr als 600 Millionen Euro gehört das deutsche Aushängeschild zu jenen Klubs, die weltweite Trends setzen. Ein Verdienst, das sich Karl-Heinz Rummenigge mit seinen Vorstandskollegen auf die Fahnen schreiben kann.

 Aber Internationalisierung und Digitalisierung nach außen sind das eine, der menschliche Draht nach innen das andere. Eine Funktion, der Uli Hoeneß, aber auch der häufig unterschätzte Vizepräsident Karl Hopfner vorbildlich nachkamen. Hoeneß‘ Zeit im Gefängnis, Hopfners Rückzug hätten spätestens der Anlass sein müssen, wieder einen starken Sportdirektor oder Manager zu installieren, der ähnlich wie der im Juli 2016 ausgeschiedene Matthias Sammer einerseits öffentlichen Druck auf den Trainerstab abfedert, andererseits korrigierend eingreift, wenn er Versäumnisse auf Spielerseite bemerkt.

Unterschiedliche Redearten

Dass Hoeneß nach seiner Rückkehr im November 2016 sofort bemängelte, es werde ihm im FCB-Kader zu wenig Deutsch gesprochen, war ein erstes Alarmsignal. Es ist davon auszugehen, dass der 65-Jährige, der wie kein anderer für die Mia-san-mia-Mentalität steht, weitere Versäumnisse ausgemacht und sehr früh auch Ancelotti argwöhnisch beäugt hat, zumal dieser den Hoeneß-Vertrauten Hermann Gerland nicht als Assistenten behalten wollte.

Und kaum ist Hoeneß mit allen Vollmachten als Aufsichtsratschef zurück, scheint nicht mehr ganz klar, wer eigentlich den FCB-Tanker lenkt. Es war ja bezeichnend, dass Rummenigge sich in der offiziellen Vereinsmitteilung zur Trainerentlassung sehr lobend über den Menschen Ancelotti äußerte, während Hoeneß auf einer Veranstaltung in Siegen über den "Feind im eigenen Bett" schwadronierte. Fünf Spieler habe der Trainer mit einer Nicht-Berücksichtigung in Paris gegen sich aufgebracht. Nun aber ruderte Mats Hummels bereits zurück: Der Weltmeister will keiner der fünf Königsmörder gewesen sein.

Sagnol dürfte kaum bleiben

Es braucht also einen, der zumindest die Mannschaft wieder zu einer Einheit formt. Es wirkt nicht so wahrscheinlich, dass Sagnol bis Saisonende weitermacht. Zu groß scheint das Risiko, dass der Franzose ("Die Frage, ob ich das Traineramt übernehmen möchte, ist nicht das Problem") seiner fehlenden Erfahrung Tribut zollt. Kommt ein anderer Übergangstrainer, damit die Bayern in Ruhe ihre 1a-Lösung vorbereiten können?

Julian Nagelsmann könnte ein Kandidat sein, den Hoeneß nicht erst seit gestern im Auge hat. Und der aus Landsberg am Lech stammende Fußballlehrer hatte ja mal selbst bekannt, als Trainer des FC Bayern sei er noch "ein Stück weit glücklicher." Damit befeuerte Nagelsmann selbst die Spekulationen, über kurz oder lang an der Säbener Straße zu landen.

Nagelsmann wird unwahrscheinlicher

Es gibt allerdings auch Vorbehalte: Der 30-Jährige arbeitet noch keine zwei Jahre in der Bundesliga. Der Sportinformationsdienst (sid) vermeldete am Montag: "Dass der TSG-Trainer an die Isar wechselt, erscheint derzeit eher unwahrscheinlich. Die Bayern haben bisher keinen Kontakt zu den Hoffenheimer Verantwortlichen aufgenommen."

Nagelsmann selbst, der noch bis 2021 in Hoffenheim unter Vertrag steht, gab nach dem Sonntagsspiel beim SC Freiburg (2:3) erneut keine konkrete Auskunft: „Zu der Trainersuche äußern sich so viele Experten, da muss man nicht auch noch meine Meinung hören."

Ist Tuchel die Lösung?

Bleibt die Personalie Thomas Tuchel. Der 44-Jährige wird in der Branche als profunder Fußballlehrer geschätzt. Nur: Beim FSV Mainz und Borussia Dortmund blieb sein Abgang mit Misstönen unterlegt. Tuchels Qualitäten als exzellenter Taktiker und guter Rhetoriker sind verbürgt. Und er hat sich mit seiner Familie gerade an der Isar niedergelassen, was also auch privat passen würde.

Aber er gilt eben auch als komplexer Charakter, der nur die engsten Mitarbeiter mitnimmt. Dazu ist er nicht nur extrem ehrgeizig, sondern auch besonders eigenwillig. Vor allem lässt er sich weder von den Medien, noch von Vorgesetzten eine Meinung überstülpen. Dann kann er streitbar, garstig, ja abweisend sein. Passt so einer menschlich zu einem Verein, auf den so viele Einflüsse einwirken?

Immerhin war der erst kürzlich verpflichtete Sportdirektor Hasan Salihamidzic so klug, keinen unnötigen Zeitdruck aufzubauen: "Wir werden uns in Ruhe beraten und alle Informationen einholen. Zusammen mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werde ich den Trainer suchen. Der FC Bayern ist keine One-Man-Show, wir entscheiden alle zusammen. Es gibt einige Optionen, und es besteht Kontakt zu allen möglichen Kandidaten."

mit sid, dpa | Stand: 02.10.2017, 10:08

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