Leverkusens Coup - eine gute Portion Italien
Neuer Abschnitt
Analyse des Sieges bei Bayern München
Leverkusens Coup - eine gute Portion Italien
Von Marcus Bark
Die Bayern hat's erwischt - und das auch noch gegen Lieblings-Gast Bayer Leverkusen. Im Münchner Schneetreiben kassierte der deutsche Fußball-Rekordmeister beim 1:2 (0:1) nach dem Bundesliga-Startrekord von acht Siegen erstmals eine Niederlage.
Neuer Abschnitt
Manuel Neuer ist ein glänzender Fußballer. Das zeigte der Torwart des FC Bayern schon bei vielen Rettungsaktionen vor dem Strafraum und in Freundschaftsspielen, in denen er ganz gerne mal die Handschuhe auszieht und das gleiche Trikot wie neun Kollegen trägt. Nachdem Bayer Leverkusen am Sonntag (28.10.12) in der 87. Minute den entscheidenden Treffer zum 2:1-Sieg erzielt hatte, preschte Neuer in kompletter Torwartmontur nach vorn. Er spielte in vogelwilder Art das, was Bundestrainer Joachim Löw als Zwischenspieler bezeichnet, eine Mischung aus abräumendem "Sechser" und gestalterischem "Zehner".
Mit etwas Glück blieb Neuer in der Nachspielzeit am Ball, kurvte mit Tempo um einen Leverkusener herum und passte den Ball auf die linke Seite. Der FC Bayern dominierte das Spiel, das ihm die erste Niederlage der Bundesligasaison bescherte, über die gesamte Distanz. Aber dass sich einer seiner Spieler so energisch im Zentrum des Spielfeldes durchsetzte wie Neuer in der Alles-oder-Nichts-Phase, das hatten die Zuschauer nicht zu sehen bekommen.
Im Normalfall "gegen den Ball"
Dem Tabellenführer fehlte Franck Ribéry wegen einer Verletzung, Arjen Robben saß zunächst nach einer Verletzungspause nur auf der Bank. Diesen Umstand nutzten die Leverkusener mit dem Trainerduo Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä bei ihrer Taktik. Sie traten in einem 4-1-4-1-System an. Stefan Reinartz war der einzig nominelle defensive Mittelfeldspieler, der sich hin und wieder auch zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, um das Spiel zu eröffnen. Bei einem Ballbesitz von 68 zu 32 Prozent für die Bayern war der Normalfall aber, dass die Gäste verteidigten. Dann zogen sich Lars Bender und Simon Rolfes zurück an die Seite von Reinartz und bildeten eine Mauer an "Sechsern".
Toni Kroos als "Zehner" der Münchner und deren beide "Sechser" Luiz Gustavo und Bastian Schweinsteiger blieb dadurch der Weg durch die Mitte versperrt. Leverkusen "lenkte" die Bayern auf die Flügel. Die Taktik erinnerte an das Gruppenspiel der Italiener gegen den späteren Titelträger Spanien bei der Europameisterschaft 2012. In Danzig blockierten die "Azzurri" auch das Zentrum und ließen den Gegner auf den Seiten gewähren. Allerdings war den Italienern bewusst, dass Spanien die Räume im Bewusstsein der eigenen Stärke weitgehend ignorieren würde.
Spiel mit dem Feuer
Das Zentrum gehört Leverkusen: am Ball Simon Rolfes
Die Bayern taten dies nicht, und so war es für die Gäste ein Spiel mit dem Feuer. Zumal Hajime Hosogai den verletzten Michal Kadlec als linken Verteidiger vertrat, obwohl er auf dieser Position kaum Erfahrung aufweist. Auf der anderen Seite fiel Daniel Carvajal zunächst durch hartes Einsteigen und schlechtes Stellungsspiel auf. Münchens Trainer Jupp Heynckes bemängelte, dass die Bayern dies nicht ausnutzten: "Wir haben vor allem in der ersten Halbzeit zu langsam gespielt und auf den Außen kein Tempo aufgenommen."
Diese Gelegenheiten ließen die Münchner sträflich verstreichen, vor allem durch Linksverteidiger Holger Badstuber, der zur Pause verletzt ausgewechselt wurde. David Alaba, der nach längerer Verletzungspause überraschend auf der Position von Ribéry zum Einsatz gekommen war, spielte zwar ordentlich, aber an die Klasse des Franzosen reichte es nicht heran. Die Eckstöße des Rekordmeisters und vielen Flanken, die sich aufgrund der Spielentwicklung zwangsläufig ergaben, fanden zumeist nur den Kopf von Philipp Wollscheid, der als Innenverteidiger der Gäste eine bemerkenswert starke Leistung bot.
"Unheimlich stabil, unheimlich kämpferisch"
Leverkusens äußere Mittelfeldspieler André Schürrle und Gonzalo Castro halfen ihren oft überforderten Außenverteidigern nur selten aus. Sie zogen sogar häufiger in die Mitte oder tauschten ihre Seiten, um den Stürmer Stefan Kießling zu entlasten und zu kontern. Das Konzept ging beim 1:0 von Kießling auf, der in der 42. Minute mit dem ersten Torschuss der Leverkusener traf. Nach der Partie wies die Statistik 25:5 Torschüsse auf. Leverkusen war in fast allen Belangen unterlegen, allerdings hatte es bei der Gesamtlaufleistung ein deutliches Plus von etwa sieben Kilometern. "Wir haben eine unheimliche Stabilität und einen unheimlichem Kampfgeist bewiesen", lobte Lewandowski seine Spieler, "diesen Biss und diese Konsequenz müssen wir jetzt immer über 90 Minuten herüberbringen."
Courage und Punkte - erstmals seit 1989
Es war ein glücklicher Sieg mit einem Konzept, dessen erfolgreiche Umsetzung die Bayern mit einem verhältnismäßig müden Auftreten ermöglichten. Zum ersten Mal seit Oktober 1989 gewannen die Leverkusener damit wieder in München. Damals stand noch die Mauer in Berlin. Seitdem gab es wenige couragierte Auftritte, meistens gestattete eine ängstliche Werkself den Bayern einen mühelosen Sieg. Das war am Sonntag ganz anders. Selbst elf Feldspielern der Münchner boten die Leverkusener erfolgreich die Stirn.
Stand: 29.10.2012, 08:00