Der HSV sucht weiter nach Qualität

Maximilian Beister

Nach der 0:2-Niederlage in Düsseldorf

Der HSV sucht weiter nach Qualität

Von Michael Ostermann

Nach dem 0:2 gegen Fortuna Düsseldorf stellt der HSV fest, dass er alles besser machen muss und derzeit zurecht nicht über Mittelmaß hinauskommt.

Maximilian Beister stand im Kellergeschoss des Düsseldorfer Stadions und sollte ein bisschen erzählen über seine Rückkehr an jenen Ort, wo sie ihn in der vergangenen Saison so häufig gefeiert haben. Elf Treffer und 13 Torvorlagen hat er zum Aufstieg der Düsseldorfer beigesteuert. Man kann also sagen, er war entscheidend beteiligt daran, dass die Fortunen an diesem Abend überhaupt den ersten Bundesliga-Heimsieg seit 15 Jahren feiern durften.

Freuen konnte sich Beister darüber natürlich nicht, schließlich trägt er inzwischen das Trikot des HSV, weshalb er nicht nur die 0:2-Niederlage seines neuen Teams kommentieren, sondern auch erklären musste, warum ihm selbst bislang noch kein Tor gelungen ist in dieser Saison. Zumindest dafür fand er dann auch einen zunächst recht plausibel wirkenden Grund: "In der Zweiten Liga wird ganz anderer Fußball gespielt."

Schon wieder etwas selbstüberschätzt

Zu sehen gewesen war davon zuvor allerdings nichts. Natürlich war auch dieses Spiel als Bundesligapartie angepriesen worden, aber was die 54.000 Zuschauer dann zu sehen bekamen, hatte mit Bundesligafußball ungefähr so viel zu tun wie Formationstanz mit Rugby. Mancher Zweitligist wäre vermutlich beleidigt, hätte man der Partie Zweitliganiveau bescheinigt. Technische Unzulänglichkeiten und Ideenlosigkeit verteilten sich gleichmäßig auf beide Teams.

Doch während die Düsseldorfer anschließend immerhin stolz auf die drei Punkte verweisen und sich deshalb wie Kapitän Andreas Lambertz eine "klasse Leistung" attestieren konnten, mussten sie sich beim HSV eingestehen, dass sie sich zuletzt wohl schon wieder etwas selbstüberschätzt hatten. "Wir haben gemeint, wir wären die technisch tolle Mannschaft", stellte Hamburgs Trainer Thorsten Fink ernüchtert fest. "Aber letztendlich haben wir dann die Zweikämpfe verloren."

Angereist waren die Gäste offenbar mit dem Gefühl, allein auf Grund der nominell besseren Einzelspieler ohne Probleme die drei Punkte nach Hamburg holen zu können. Was zumindest vorübergehend den Sprung auf Rang sechs der Tabelle bedeutet hätte. An der Elbe war deshalb vor der Partie schon wieder recht vernehmlich über den Europapokal nachgedacht worden. "Wir hätten heute einen großen Schritt machen können", klagte Linksverteidiger Dennis Aogo auch nach dem Schlusspfiff.

Keine Ideen, keine Präzision

Was genau die Gedankenspiele von Europa ausgelöst hatte, erschloss sich während des Auftritts in Düsseldorf allerdings nicht. Dem HSV mangelte es an so gut wie allem, was eine gehobene Bundesligamannschaft auszeichnet. Angefangen von einer Idee, wie man die bieder verteidigende Fortuna hätte in Schwierigkeiten bringen können. Einfallslos lancierten die Hamburger ihre Angriffe immer wieder durch die Mitte, wo die Düsseldorfer ihre beiden Viererketten nur dicht beieinander stehen lassen und sich kaum verschieben mussten, um den Ball zu erobern.

Viel zu selten versuchte das HSV-Mittelfeld, die beiden hoch stehenden Außenverteiger Aogo und Dennis Diekmeier ins Offensivspiel einzubinden und so jene Räume zu schaffen, die für das erspielen von Torchancen nötig gewesen wären. "Ich verstehe nicht, warum wir keinen einfachen Fußball spielen", sagte HSV-Kapitän Heiko Westermann hinterher einigermaßen ratlos. "Und dann verlieren wir unnötig Bälle und bekommen die zweiten Bälle nicht." Die Ballverluste hatten auch viel mit dem unpräzisen Passpiel der Hamburger zu tun. 74 Fehlpässe unterliefen dem HSV in Düsseldorf. Den fatalsten spielte Heung Min Son, der damit in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit den Konter zum 0:1 durch Robbie Kruse einleitete.

Ohne van der Vaart

Rafael van der Vaart

"Es fühlt sich nicht gut an." Rafael van der Vaart

Selbstredend stand nach dem Spiel die Frage im Raum, ob die Sache anders gelaufen wäre, hätte Rafael van der Vaart nicht bereits nach einer halben Stunde verletzt ausgetauscht werden müssen. "Natürlich haben uns Rafas geniale Momente ein bisschen gefehlt", argumentierte Dennis Aogo. Allerdings war van der Vaart in den 30 Minuten seines Mitwirkens den Beweis schuldig geblieben, sich an diesem Abend vom Durchschnitt der Kollegen abheben zu können. Es war der Niederländer der mit einem fatalen Fehlpass den ersten gefährlichen Düsseldorfer Konter eingeleitet hatte. Auch sonst war ihm bis zu seiner Auswechselung nicht viel gelungen. Dennoch hatte Heiko Westermann vermutlich recht als er hinterher feststellte: „Ohne Rafa geht uns Qualität flöten.“

Die werden die Hamburger vermutlich noch etwas länger vermissen. Zumindest gegen den FC Schalke 04 am kommenden Dienstag (27.11.12) werde van der Vaart wohl definitiv nicht mittun können, erklärte HSV-Coach Fink schon in Düsseldorf. Der Niederländer selbst deutete an, dass er womöglich sogar für die restliche Hinrunde ausfallen wird, weil er sich vermutlich einen Muskelfaserriss zu gezogen hat. „Es fühlt sich nicht gut an“, sagte van der Vaart, ehe er vondannen schlich.

Déjà-vu beim 0:2

Sollte der Mittelfeldstratege tatsächlich länger fehlen, wäre das ein massiver Grund zur Sorge für den HSV. Ohne van der Vaart blieb der HSV in den ersten Spielen der Saison ohne Punkt. Damals wirkte auch die Abwehr alles andere als bundesligatauglich. In Düsseldorf gab es auch in dieser Beziehung ein Déjà-vu. Beim zweiten Treffer der Fortuna stand die komplette Hamburger Hintermannschaft Spalier für den Torschützen Stefan Reisinger. „Da sind wir 7:2 und schauen nur zu“, wunderte sich HSV-Kapitän Westermann und auch Trainer Fink fand das Verhalten seiner Defensive in diesem Moment „nicht gut“.

Fink führte die insgesamt indiskutable Leistung seiner Mannschaft später auf mangelnde Einsatzbereitschaft zurück. Und auch Manager Frank Arnesen bemängelte vor allem die laxe Haltung, die die HSV-Profis gegen die Fortuna an den Tag gelegt hatten, während die spielerisch noch limitierteren Düsseldorfer immerhin ihre Leidenschaft in die Waagschale warfen. „Erst die Einstellung, dann kommt die Qualität“, erinnerte der Däne. Immerhin Angreifer Markus Berg, der während der Partie so gut wie nichts bewirkt hatte, gab sich einsichtig. „Wir müssen arbeiten, arbeiten“, sagte der Schwede, „und alles besser machen.“ Sonst wird auch Maximlian Beister schon bald merken, dass es möglicherweise gar nicht an der Liga liegt, warum er noch kein Tor erzielt hat in dieser Saison.

Stand: 24.11.2012, 09:25