Werder Bremen - der grün-weiße Tiefpunkt

Bremens Kapitän Zlatko Junuzovic (vorne) fasst sich an die Nase

Analyse: Werder Bremen - Borussia Mönchengladbach 0:2

Werder Bremen - der grün-weiße Tiefpunkt

Von Frank Hellmann

In der Abwehr anfällig, im Angriff hilflos: Der SV Werder ist bei der 0:2-Heimpleite gegen Borussia Mönchengladbach nur bedingt bundesligatauglich. Und Trainer Alexander Nouri hat kaum Antworten auf drängende Fragen. Die Analyse.

Einen Freimarktsbummel hat Alexander Nouri für den Erfolgsfall zuvor in Aussicht gestellt. Einmal über die Bürgerweide schlendern, Achterbahn oder Kettenkarussell fahren und später noch gemütlich im Zelt ein Prosit auf die Gemütlichkeit anstimmen: Es gab Zeiten, da hat das für die  Profis des SV Werder zur festen Einrichtung in der fünften Jahreszeit gezählt.

Doch um das größte Volksfest im Norden, das am vergangenen Wochenende begonnen hat, machen Bremens Berufsfußballer besser einen großen Bogen. Mit der 0:2-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach hilft kein Schönreden mehr - wie es Trainer Alexander Nouri lange getan hat: Diese Mannschaft ist am Tiefpunkt angelangt und in der Verfassung vom Sonntagabend ein Abstiegskandidat. Anfällig in der Abwehr, hilflos im Angriff.

Werder wie gelähmt

"Wir waren wie gelähmt", konstatierte Geschäftsführer Frank Baumann, und auch wenn dem Ehrenspielführer vielleicht der laute Tonfall nicht liegt, ist die Analyse klar: Es herrscht Alarmstufe Rot bei den Grün-Weißen, die viel zu lange in dieser jungen Saison ihre Mängel beschönigt haben. Die Betonung der defensiven Stabilität, die Nouri in seinem in allen acht Saisonspielen praktizierten 5-3-2-System über alles gestellt, ist zu Lasten der offensiven Ausrichtung gegangen.

Wenn das Umschaltspiel nicht umfunktioniert, das in der vergangenen Saison vor allem vom flinken Fin Bartels und unberechenbaren Max Kruse getragen wurde, hat Werder keinen Plan B mehr. Bartels ist außer Form, Kruse verletzt. Erst nach einer desolaten ersten Halbzeit gegen die Elf vom Niederrhein, für die Lars Stindl (27.) und Jannik Vestergaard (34.) die Weichen auf Sieg gestellt hatten, stellte Nouri erstmals in dieser Saison auf ein 4-4-2-System um, in dem die offensiven Außen mit den eingewechselten Florian Kainz (rechts) und Izet Hajrovic (rechts) endlich besetzt waren. Der Effekt blieb bescheiden.

Es stellen sich Fragen an den Trainer

Bezeichnend, dass der bosnische Nationalspieler Hajrovic später den Finger in die offene Wunde legte. "Wir können in der Defensive noch so gut stehen, wenn wir aber nach vorne nichts machen, bringt das nichts." Wünsche er sich mehr Offensivgeist, hakte sportschau.de bei Hajrovic nach. Vielsagende Antwort: "Dazu kann ich nichts sagen. Es ist eine Frage an den Trainer. Aber es ist eine gute Frage.“

Nouri allerdings blieb sich in der Pressekonferenz treu: Selbstkritik ist nicht die Sache des Werder-Trainers. "Keine Sache der Grundausrichtung“ sei der scheue, ja ängstliche Auftritt vor der Pause, als sich seine Spieler verhielten wie das Kaninchen vor der Schlange. Selbst 20, 30 Meter vor dem eigenen Tor gelang kein Zugriff auf einen taktisch und technisch turmhoch überlegenen Gegner, der mit klugem Positionsspiel bis zum Schluss immer wieder Lücken fand und leicht mit 3:0 oder 4:0 hätte im Weserstadion reüssieren können.

Kein Konzept mit dem Ball

Bisweilen kam ein Klassenunterschied zustande. "Werder konnte keinen Zugriff finden. Wir hatten eine hohe Ballsicherheit“, lobte Gladbachs Trainer Dieter Hecking zwar zurecht und auch Bremens Kapitän Zlatko Junuzovic ("Wir sind gar nicht in die Zweikämpfe gekommen“) stellte die Qualität des Gegners heraus, doch die Wahrheit war eben auch: Werder besitzt wie so viele Teams kein schlüssiges Konzept in der Vorwärtsbewegung. Mit der Dreierkette, die in Bremen eher als Fünferkette interpretiert wird, fehlen Anspielstationen und Optionen im Mittelfeld.

Und wenn die Verunsicherung dann noch Fehlpässe en masse produziert, kommt solch ein Offenbarungseid zustande wie in der ersten Halbzeit, was das treue Bremer Publikum mit einem gellenden Pfeifkonzert quittierte. Allein der anfangs argwöhnisch beäugte Torwart Jiri Pavlenka entwickelt sich an der Weser zum Lichtblick - am tschechischen Keeper liegt die Krise am Allerwenigsten.

Gladbachs bester Akteur, Nationalspieler Lars Stindl, verneinte die These nicht, dass Borussia selbstbewusst gegen Werder Mutlos aufgetreten sei. Die Zahlen sprechen Bände: nur vier Punkte, noch kein Sieg, gerade drei geschossene Tore. Werder ist zudem dabei, seine eigene DNA zu verraten, denn der Standort galt mal als Synonym für Spektakel, Unterhaltung und Offensivfußball. Geblieben ist davon unter Nouri wenig bis gar nichts.

Ein Psychologe hilft

"Dass wir mit der Situation nicht zufrieden sind, ist auch klar. Wir können die Tabelle lesen und die Punkte zählen“, gestand der 38-Jährige, der nun mit Hilfe des Sportpsychologen Andreas Marlovits "an der Überzeugung“ arbeiten will. Die Frage ist nur, wie gehen die taumelnden Grün-Weißen mittelfristig mit der Sinnkrise um?

Der Trainer sitze definitiv am Sonntag gegen den 1. FC Köln auf der Bank, betonte Baumann, verlangte aber auch: "Wir müssen punkten. Wir können nicht bis zur Winterpause warten.“ Als Nouri trotz vier Niederlagen zu Jahresbeginn den Turnaround schaffte und eine bemerkenswerte Erfolgsserie startete, zögerte der Geschäftsführer trotzdem sehr lange mit der Vertragsverlängerung des Trainer-Eigengewächses.

Zum Erfolg verdammt

Nouri band sich schließlich für zwei weitere Jahre, schickte aber seinen im Spielerkreis außerordentlich beliebten Assistenten Florian Bruns weg und werkelte vor allem an der eigenen Profilierung, heißt es von vereinsinternen Kritikern. "Ich bin nicht so wichtig. Wichtig ist der Erfolg der Mannschaft und des Vereins“, sagte der Cheftrainer nun kleinlaut. Er ist im Kellerduell in Köln zum Erfolg verdammt. Max Kruse wird dann zwar nach seinem Schlüsselbeinbruch wieder mit dem Training begonnen haben, ist aber noch keine Option.

Sollten die Hanseaten auch beim Tabellenletzten am Rhein leer ausgehen, ist Nouri kaum mehr zu halten, weil er Werder seit Beginn seiner Amtszeit nicht weiterentwickelt hat. Vorwürfe, die schon seinen Vorgängern Viktor Skripnik und Robin Dutt den Job kosteten. Letzterer wurde übrigens am 25. Oktober 2014 entlassen. Nach einer 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Köln.

Stand: 16.10.2017, 08:36

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