Hoffenheim verzettelt sich im geplanten Chaos

Alessandro Schoepf von Schalke gegen die Hoffenheimer Sandro Wagner und Steven Zuber

FC Schalke 04 - 1899 Hoffenheim 1:1

Hoffenheim verzettelt sich im geplanten Chaos

Von Jörg Strohschein

Auch der FC Schalke 04 hat Mühe mit der äußerst flexiblen Spielweise der Hoffenheimer. In deren System ist das Chaos geplant. Eine Analyse.

Seine Logopädin hatte unmittelbar nach Abpfiff ein ernstes Wort mit Julian Nagelsmann gesprochen. Der Trainer von 1899 Hoffenheim bat jedenfalls inständig darum, auf der Rückfahrt mit dem Mannschaftsbus nach Sinsheim keine Anrufe entgegennehmen zu müssen, damit er seine Stimme schonen kann. "Sonst bekomme ich richtig Ärger mit ihr", sagte der 29-Jährige mit einem gequälten Lächeln.

Zu sehr hatten seine Stimmbänder während des 1:1 seiner Mannschaft beim FC Schalke 04 gelitten. Zu häufig wollte er lautstark ins Spiel seiner Mannschaft eingreifen, um sie auf einen effektiveren Weg zu bringen. Die Unzufriedenheit stand Nagelsmann auch gut eine Stunde nach Abpfiff noch immer ins Gesicht geschrieben. Selten hatte sich eine Mannschaft in der Gelsenkirchener Arena so dominant, spielstark, aber vor allem unberechenbar gezeigt. "Ich bin sehr zufrieden mit der Spielweise, aber nicht mit dem Ergebnis", sagte Nagelsmann.

Deutliche Hoffenheimer Überlegenheit durch Chaos

Die Hoffenheimer hatten während der gesamten Partie durchschnittlich 60 Prozent Ballbesitz, gaben 14 Torschüsse ab (Schalke 7), 504 Pässe kamen beim Mitspieler an (bei Schalke 314) und sie gewannen zudem 52 Prozent der Zweikämpfe. Dass das Nagelsmann-Team trotz dieser Überlegenheit lediglich mit einem Punkt die Heimreise antreten musste, hatte es vor allem sich selbst zuzuschreiben.

Der Hoffenheimer Weg ist eine ungewöhnliche taktische Herangehensweise: Aus einer selten praktizierten 3-1-4-2-Grundordnung heraus geht das Spiel der Kraichgauer sehr schnell in ein geplantes Chaos über.

Offensiv-Wellen für Schalke nur schwer zu greifen

Sebastian Rudy und Karim Demirbay sind diejenigen in der Mittelfeld-Zentrale, die mit ihrem spielerischen Vermögen und ihrer Kreativität für den Aufbau der Angriffe zuständig sind. Hatte einer der beiden den Ball, begann ein scheinbar anarchisches Laufspiel ihrer Kollegen auf beiden Seiten.

Die Außenverteidiger Ermin Bicakcic (rechts) und Steven Zuber (links) schalteten sich ebenso ungezügelt in die Angriffsaktionen ein, wie ihre eigentlich offensiver ausgerichteten Vorderleute. Das sorgte dafür, dass sich phasenweise fünf bis sechs Spieler in der vordersten Hoffenheimer Angriffs-Reihe befanden und die Schalker Abwehrkette dadurch an ihre Kapazitätsgrenzen stieß. Diese Offensiv-Wellen wurden zudem durch ständige Positions-Rochaden noch unvorhersehbarer.

Entschlossenheit und vor allem Gradlinigkeit fehlten

So hatte etwa Zuber in der ersten Hälfte die beste Torchance im Strafraum-Zentrum auf dem Fuß und bereitete später den Ausgleichstreffer durch Rudy mit einer Flanke vor. Bicakcic war derjenige, der die meisten Torschüsse des Gästeteams abgab (3). Die beweglichen und unvorhersehbaren Hoffenheimer auch für die Schalker nur sehr schwer zu greifen.

Die Taktik von Julian Nagelsmann sorgte wieder einmal für Ratlosigkeit beim Gegner und wäre auch voll aufgegangen, hätte es seinen Spielern an diesem Abend nicht an Entschlossenheit und Gradlinigkeit gefehlt.

"Unsere Stärke ist es eigentlich, klare Bälle schnell nach vorne ohne viele Schnörkel zu spielen. Wir haben oft zu kompliziert gespielt und zu viele Dribblings gesucht, anstatt zu passen", moserte Innenverteidiger Kevin Vogt. "Das einfache Spiel ist unsere Stärke. Mit allem anderen sollten wir gar nicht erst anfangen."

Deshalb fuhren Mannschaft und Trainer in dem Gefühl nach Hause, dass sie einen Sieg allzu leichtfertig verschenkt hatten. Darüber dürfte Julian Nagelsmann trotz seiner stimmlichen Probleme noch ausführlicher mit seinen Spielern sprechen.

Fußball · Bundesliga · 22. Spieltag 2016/2017

Sonntag, 26.02.2017 | 17.30 Uhr

Wappen FC Schalke 04

FC Schalke 04

Fährmann – Höwedes, Badstuber, Nastasic – Schöpf, Stambouli, Kolasinac (82. Aogo) – Goretzka, N. Bentaleb – D. Caligiuri (57. Meyer), Burgstaller (84. Choupo-Moting)

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Wappen 1899 Hoffenheim

1899 Hoffenheim

Baumann – Süle, Vogt, B. Hübner – Bicakcic (60. Schwegler), Zuber – Rudy – Demirbay, Amiri (63. Szalai) – S. Wagner, Terrazzino (70. Kramaric)

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Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Schöpf (5.)
  • 1:1 Rudy (79.)

Strafen:

  • gelbe Karte Süle (3 )
  • gelbe Karte B. Hübner (6 )

Zuschauer:

  • 58839

Schiedsrichter:

  • Deniz Aytekin (Oberasbach)

Stand: Sonntag, 26.02.2017, 19:21 Uhr

Wappen FC Schalke 04

FC Schalke 04

Wappen 1899 Hoffenheim

1899 Hoffenheim

Tore 1 1
Schüsse aufs Tor 2 4
Ecken 6 3
Abseits 2 2
gewonnene Zweikämpfe 81 88
verlorene Zweikämpfe 88 81
gewonnene Zweikämpfe 47,93 % 52,07 %
Fouls 18 12
Ballkontakte 581 778
Ballbesitz 42,75 % 57,25 %
Laufdistanz 117,19 km 118,87 km
Sprints 239 223
Fehlpässe 66 85
Passquote 82,63 % 85,57 %
Flanken 10 8
Alter im Durchschnitt 26 Jahre 26,1 Jahre

Stand: 27.02.2017, 10:00

Darstellung: