Der HSV ist im Krisenmodus angekommen

 Dennis Diekmeier (v.l.n.r.) Gideon Jung, Sejad Salihovic und Kyriakos Papadopoulos

Hamburger Negativtrend setzt sich fort

Der HSV ist im Krisenmodus angekommen

Von Jörg Strohschein

Nach der Niederlage in Leverkusen herrscht beim HSV Alarmstimmung. Die Mannschaft spielt in der Defensive erneut fehlerhaft und in der Offensive ohne erkennbares Konzept. Eine Analyse.

Heribert Bruchhagen schloss seine Augen und überlegte ganz genau, was er zu dieser These sagen sollte. "Jeder Spieler sollte erst einmal über seine Leistung nachdenken, ehe er solche Parolen ausgibt", sagte der HSV-Vorstandsvorsitzende dann bestimmt und nachdrücklich.

Es war Bruchhagens Widerrede zu einer Bemerkung des Hamburger Torhüters Christian Mathenia, der sich und sein Kollegen nach dem 0:3 bei Bayer 04 Leverkusen bereits "in einer Krise" sieht. Womöglich war auch Bruchhagen gar nicht so weit entfernt von einer ähnlichen Einschätzung.

Leverkusen eine Nummer zu groß

Aber mit der Erfahrung des 69-Jährigen, der seit mehreren Jahrzehnten im Profi-Fußball beschäftigt ist, versuchte er bei aller innerer Aufgewühltheit Ruhe auszustrahlen. Schließlich war er sich der Tatsache bewusst, dass er genau diese Spieler auch in der nächsten Partie gegen beim Nordderby gegen Werder Bremen benötigt. "Es kommen keine verletzten Spieler zurück. Wir werden das Spiel aber klar analysieren", sagte Bruchhagen.

Allerdings gab der Auftritt der Hanseaten wohl so ziemlich allen Beteiligten ein ungutes Gefühl mit auf die Heimreise. Der HSV hatte schlichtweg keine Chance gegen die Werkself. "Leverkusen war eine Nummer zu groß", sagte der HSV-Boss.

HSV-Abwehrkette wirkte überfordert

Dass die Hamburger Spieler in ihren individuellen Qualitäten den Leverkusener Profis kaum gewachsen sind, dürfte wohl kaum einer bestreiten. Allerdings ist es dem HSV auch nicht gelungen, als Team den Leverkusenern Paroli zu bieten. Der Hauptgrund dafür war, dass "wir in der Defensive keine Top-Leistung gezeigt haben", sagte Sportchef Jens Todt.

Immer dann, wenn es schnell wurde, wirkte die Vierer-Abwehrkette überfordert. Leverkusens Außenverteidiger hatten die Aufgabe, so schnell es geht den Ball in die Spitze, entweder diagonal oder die Linie entlang, zu spielen.

Besonders ungeordnet

Dort warteten Leon Bailey und Admir Mehmedi, die mit ihrem Tempo den Ball von ihren offensiven Außenpositionen in die Mitte zu den Stürmern Kevin Volland und Lucas Alario weiterleiten sollten. Sowohl der rechte HSV-Außenverteidger Dennis Diekmeier als auch Gotoku Sakai auf der anderen Seite wirkten bei dieser taktischen Leverkusener Variante schlicht überfordert.

Und auch die Innenverteidiger Mergim Mavraj und Kyriakos Papadopoulos mussten dem hohen Tempo Tribut zollen. "Die ersten beide Tore waren sehr untypisch für uns, da waren wir sehr ungeordnet", räumte Mavraj ein. Trainer Markus Gisdol hatte derweil "zu große Abstände, vier bis fünf Meter", zum Gegner ausgemacht.

Viel Kampf, wenig Fußball

Den Hamburgern war keineswegs vorzuwerfen, dass sie nicht kämpften oder zu wenig Leidenschaft in die Wagschale warfen. Mit knapp 53 Prozent gewonnenen Zweikämpfen stimmte zumindest die Einstellung der Spieler. Aber so wie die HSV-Defensive vor allem an den individuellen Tempo-Schwächen litt, so wirkte der Angriff der Hanseaten eher wie ein laues Lüftchen.

Zwölf Torschüsse hatte die HSV-Offensive um die Angreifer Bobby Wood, André Hahn und nach der Pause Luca Waldschmidt laut Statistik abgegeben. Doch ernsthaft eingreifen musste Bayer 04-Torhüter Bernd Leno nie. Das lag vor allem daran, dass die Angreifer keinen Blick für ihren Nebenmann hatten, sondern es stets individuell mit ihren viel zu ungenauen Torabschlüssen versuchten.

Offensivspiel ohne erkennbare taktische Idee

Einen Querpass, wie es etwas Leverkusens Angreifer Lucas Alario vor dem 3:0 eindrucksvoll vorgemacht hatte, brachte die HSV-Offensive trotz mehrfacher Gelegenheiten nicht zustande. Es war aber weniger die "mangelnde Effizienz", die Gisdol beklagte, ursächlich für die Misere.

Vielmehr waren ein Zusammenspiel bei den Angriffen, bei dem Lauf- und Passwege abgestimmt sind und die zudem einer taktischen Idee folgten, nicht zu erkennen. Die Hamburger Hoffnung, dass eine gelungene Einzelaktion zu einem Treffer führen würde, wurde im Keim erstickt.

Kein Punkt aus den vergangenen vier Partien, eine Torstatistik von 0:10 aus diesen Begegnungen sprechen eine deutliche Sprache über den aktuellen Trend des HSV. "Wir haben zuletzt gegen Leipzig, Dortmund und Leverkusen gespielt, alles Vereine, gegen die wir verlieren können. Das kann passieren", sagte Gisdol. Die Erkenntnis daraus sei, dass die Mannschaft hart weiterarbeiten und sich verbessern müsse.

Zumindest der Ansatz einer Krise hat sich mal wieder in der Hansestadt breit gemacht.

Stand: 25.09.2017, 08:30

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