1. FC Köln verpasst wieder den nächsten Schritt

Peter Stöger

Bei der Derby-Pleite in Gladbach vergisst der FC die eigenen Stärken

1. FC Köln verpasst wieder den nächsten Schritt

Von Christian Hornung (Mönchengladbach)

Mit einem Sieg im rheinischen Derby hätte Köln mit Gladbach gleichgezogen. Doch immer wieder steht sich der FC selbst im Weg, wenn der Schritt auf das nächste Level ansteht – eine Analyse.

Yannick Gerhardt gilt in Köln als großes Versprechen auf eine bessere Zukunft. Der 21-jährige Offensivallrounder spielt bereits seit der U18 für die deutschen Junioren-Nationalteams, in dieser Saison hat das kölsche Eigengewächs den Sprung zum unumstrittenen Stammspieler geschafft. In der 14. Minute der Partie in Mönchengladbach hätte Gerhardt das schaffen können, was der großen Nachwuchshoffnung des Gegners kurz zuvor gelungen war.

Großchance endet im Nichts

Doch während Mo Dahoud für die Borussen die Chance zur Führung seelenruhig verwertete, überkamen Gerhardt auf der anderen Seite offenbar genau im falschen Moment Zweifel an der eigenen Stärke. Er lief völlig allein auf Yann Sommer zu, doch irgendwie waren Zeit und Raum plötzlich zu viel für ihn: Er wurde immer langsamer, konnte sich nicht zu einem Abschluss durchringen, ließ sich den Ball fast widerstandslos abnehmen – und die Großchance zum 1:1 endete im Nichts.

Gerhardt ärgerte sich nach der Partie über seine fehlende Entschlossenheit, doch er war damit kein Einzelfall. Dominique Heintz fasste für sich und seine Kollegen zusammen: "Wenn du so eine Ausgangslage hast, kannst du in ein Spiel nicht mit 70, 80 Prozent gehen. Das reicht dann einfach nicht. In der ersten Halbzeit haben wir viel zu wenig Selbstbewusstsein gezeigt, dem Gegner Räume gelassen, waren einfach nicht entschlossen genug."

Verheerende Zweikampfquote

Als Mannschaft, die normalerweise davon lebt, das Offensivspiel des Gegners mit einer engmaschigen Defensive lahmzulegen, um die Bälle für das eigene Konterspiel zu erobern, war die Zweikampfquote aber auch in der Addition beider Halbzeiten niederschmetternd. 59 Prozent der Duelle Mann gegen Mann gingen an die Gladbacher.

In Nico Elvedi hatten die Gastgeber beispielsweise auf der rechten Abwehrseite einen Spieler, der sogar 88 Prozent der Duelle für sich entschied. Der quotenbeste Kölner war ebenfalls der Rechtsverteidiger – bei Pawel Olkowski waren es aber nur 58 Prozent.

Stöger stellte viel um

Im Gegensatz zu seinen Spielern konnte dem Kölner Trainer hinterher niemand vorwerfen, dass er sich nicht gegen die Niederlage gewehrt hätte. Peter Stöger versuchte mit einer ganzen Reihe von taktischen Umstellungen, die Partie noch zu drehen: Zur zweiten Hälfte zog er Jonas Hector aus dem Mittelfeld auf seine Nationalelf-Position als Linksverteidiger zurück, beorderte Filip Mladenovic dafür nach vorne, schickte Gerhardt aus der Offensivzentrale auf die Außenbahn und tauschte den komplett wirkungslosen Yuya Osako gegen den im Abschluss viel mutigeren Milos Jojic aus.

Havard Nordveit im Zweikampf mit Anthony Modeste

Zu selten zu sehen: Havard Nordtveit muss in einen Zweikampf gegen Anthony Modeste (r.).

Danach gelang es den Kölnern etwas häufiger, die Angriffe bis auf den Kopf von Anthony Modeste zu verlagern – was eigentlich von Beginn an das Ziel hätte sein müssen: Gladbach ist bei Standards und Luftduellen die schwächste Mannschaft der Liga, wurde im Derby aber kaum auf diese Schwachstellen hin geprüft.

Jojic mit fünf Torschüssen

Am gefährlichsten wurde es noch durch die Distanzschüsse von Jojic, der zwar jegliches Defensivverhalten verweigerte, vorne aber Yann Sommer gleich dreimal ernsthaft herausforderte. Dass Jojic am Ende mit fünf Torschüssen der aktivste Offensivmann der Kölner war, obwohl er nur 45 Minuten lang auf dem Platz stand, zeigte die geballte Harmlosigkeit seiner Mitstreiter an diesem Nachmittag.

"Mir fehlte für ein Derby insgesamt total die Aggrassivität", monierte FC-Torhüter Timo Horn anschließend und zeigte sich wie alle seine Kollegen in der Interview-Zone genervt von der chronischen Schwäche seines Vereins, die Chance auf einen Vorstoß in die Reichweite der Europaplätze mal wieder fahrlässig liegengelassen zu haben.

"Erleichtert die Spielanalyse"

Die Selbstkritik von Horn und Heintz war am Ende des Tages das Einzige, was Peter Stöger noch ein Lächeln entlocken konnte. "Das ist toll, dass die Spieler das mit der fehlenden Aggressivität und Leidenschaft auch so sehen", sagte der Österreicher mit seinem gewohnten Schmäh. "Das erleichtert die Spielanalyse ungemein."

Wirklich begreifen mochte Stöger den Auftritt aber dennoch nicht: "Ob Derby oder nicht Derby, ich versuche in jedes Spiel mit der richtigen Einstellung zu gehen. Und das erwarte ich auch von den Profis." Sonst wird die Rückkehr nach Europa noch deutlich länger als die 24 Jahre dauern, die die Fans des FC jetzt schon warten müssen. Nicht nur für Timo Horn liegt die Ursache darin, in den entscheidenden Spielen einfach nicht den nächsten Schritt zu machen.

Fußball · Bundesliga · 22. Spieltag 2015/2016

Samstag, 20.02.2016 | 15.30 Uhr

Wappen Borussia Mönchengladbach

Borussia Mönchengladbach

Sommer – Elvedi (66. Hofmann), Christensen, Nordtveit, Wendt – Hazard, Dahoud (90. Brouwers), Xhaka, Johnson – Stindl, Raffael (88. Hrgota) –

1
Wappen 1. FC Köln

1. FC Köln

T. Horn – Olkowski, Maroh, Heintz, Mladenovic (62. Hartel) – Hector, Lehmann – Osako (46. Jojic), Gerhardt, Bittencourt (76. Hosiner) – Modeste

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Dahoud (9.)

Strafen:

  • gelbe Karte Stindl (5 )
  • gelbe Karte Maroh (3 )
  • gelbe Karte Raffael (2 )
  • gelbe Karte Olkowski (1 )
  • gelbe Karte Hosiner (2 )

Zuschauer:

  • 52226

Schiedsrichter:

  • Knut Kircher (Rottenburg)
Wappen Borussia Mönchengladbach

Borussia Mönchengladbach

Wappen 1. FC Köln

1. FC Köln

Tore 1 0
Schüsse aufs Tor 5 5
Ecken 4 4
Abseits 2 2
gewonnene Zweikämpfe 126 88
verlorene Zweikämpfe 88 126
gewonnene Zweikämpfe 58,88 % 41,12 %
Fouls 18 19
Ballkontakte 719 577
Ballbesitz 55,48 % 44,52 %
Laufdistanz 116,1 km 116,47 km
Sprints 200 213
Fehlpässe 110 93
Passquote 79,74 % 74,02 %
Flanken 1 8
Alter im Durchschnitt 25,5 Jahre 25,1 Jahre

Stand: 20.02.2016, 20:20

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