Mainzer mit blauem Auge

Levin Öztunali (l.) im Zweikampf mit Robert Bauer

Der 1. FSV Mainz in der Analyse

Mainzer mit blauem Auge

Von Frank Hellmann (Bremen)

Die Punkteteilung in letzter Sekunde taugt nicht zum Überschwang. Mainz erkämpft zwar ein 2:2 nach 0:2-Rückstand in Bremen, aber die grundsätzlichen Defizite bleiben offensichtlich - eine Analyse.

Daniel Brosinski nimmt seine Rolle als Ersatzkapitän beim 1. FSV Mainz 05 ernst. Sehr ernst sogar. Die Arme verschränkt, stand der Linksverteidiger zunächst artig in zweiter Reihe hinter seinem Mitspieler Pablo De Blasis, der im Bauch der Ostkurve des Bremer Weserstadions seine Sicht der Dinge zum etwas schmeichelhaften 2:2-Remis nach 0:2-Rückstand beim SV Werder preis gab. Viel Erhellendes hatte der kleinwüchsige Argentinier nicht gesagt, aber dafür hatte Brosinski ausgeharrt.

Und dann holte der 29-Jährige am Absperrband zum verbalen Rundumschlag aus: "Erste Halbzeit war Schrott. Da haben komplett die Emotionen gefehlt. Gefühlt haben wir keinen Zweikampf gewonnen - das alte Lied." Ungeachtet des in letzter Sekunde ergatterten Erfolgserlebnisses fühlte sich einer an die aus seiner Sicht peinlichen Nackenschläge gegen Augsburg (1:3) und Freiburg (1:2) erinnert: "Das war eine absolute Frechheit."

Brosinski - "Das muss ein Warnschuss sein"

Sollte also heißen: Nur weil sein Mitspieler Fabian Frei in der dritten Minute der Nachspielzeit sträflich ungedeckt nach Flanke eben von De Blasis ausglich, ist bei den Nullfünfern nicht alles gut. Aus den vergangenen fünf Bundesligaspielen wurden nur zwei Punkte geholt; jeweils mit den 2:2-Unentschieden in Leipzig und Bremen. Und so sind 17 Punkte nach der ersten Halbserie auch kein Ruhekissen, zumal die im Vorjahr zu diesem Zeitpunkt errungenen 21 Zähler den selbst ernannten Karnevalsverein auch nicht davor bewahrten, noch in den Abstiegsstrudel zu geraten.

"Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Das muss ein Warnschuss an alle sein", sagte Chefkritiker Brosinski, "immer nur reden, reden, reden - das hilft nicht. Jeder Spieler muss sich selbst hinterfragen." Schon nach der 0:2-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund vergangenen Dienstag (12.12.2017) hatte der gebürtige Karlsruher in Sachen Einstellung Klartext geredet - und nebenbei von einer Aussprache geredet, die zwischendrin mal ohne Trainer Sandro Schwarz stattgefunden hatte.

Kein Dissens zwischen Trainer und Mannschaft

Immerhin: Ein Dissens zwischen den Akteuren und dem Coach ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Schwarz versuchte in der Analyse auch nicht, den vorweihnachtlichen Mantel der Glücksseligkeit über den Hinrunden-Abschluss zu hüllen. "Man hat uns anfangs nicht angemerkt, dass wir uns viel vorgenommen hatten. Das war nicht gut: Wir hatten keinen Zugriff, keine Schärfe."

Gewiss: Levin Öztunali mit seinem Lattenschuss (6.) und dem am starken Werder-Torwart Jiri Pavlenka scheiternden De Blasis (34.) besaßen exzellente Möglichkeiten, doch ansonsten wirkte es mal wieder reichlich bieder, was die Nullfünfer in der Vorwärtsbewegung veranstalteten. Schwarz: "Es ist so ein bisschen symptomatisch für die Hinrunde, dass wir viele gute Phasen hatten und mal weniger gute Phasen."

Das Trainer-Eigengewächs, früher selbst Profis bei den Nullfünfern, zog die richtigen Schlüsse: Der 39-Jährige brachte mit einer forschen Halbzeitansprache, der Umstellung auf eine Dreierkette und der Hereinnahme von Emil Berggreen und Robin Quaison - Schütze des 1:2-Anschlusstores (70.) - sein Team zurück ins Spiel. Warum Werder allerdings in der dritten Minute der Nachspielzeit den aufgerückten Frei übersah, war selbst dem Schweizer Nationalspieler ein Rätsel: "Ich bin nach vorne gerannt, aber man hat mich wohl nicht ernst genommen."

Langer Atem wird wichtig

Unter dem Strich fuhren die Rheinhessen den nicht völlig unverdienten Lohn ein: Während Werder mehr Zweikämpfe gewann (54:46 Prozent), hatten die Gäste immerhin 58 Prozent Ballbesitz und die deutlich bessere Passquote (82:66 Prozent) als die Bremer zu bieten, die mit fortschreitender Spieldauer immer passiver wurden. Den Hausherren hätte die frühe Führung durch Philipp Bargfrede (2.) und Ishak Belfodil (17.) deutlich mehr Sicherheit verleihen müssen.

Der mit dem Mainzer Coach Schwarz gut bekannte Werder-Kollege Florian Kohfeldt vermittelte zwar im Nachgang seine Überzeugung, seine Mannschaft werde die Liga halten, aber es deutet sich im Tiefparterre der Tabelle ein Hauen und Stechen an, in das wieder ein halbes Dutzend Vereine verwickelt werden. Bei den Mainzern, die dauerhaft dringend mehr offensive Durchschlagskraft und bessere kreative Lösungen brauchen, sind die Antennen jedenfalls ausgefahren. Sie wissen, dass ein langer Atem noch wichtig werden dürfte. Und es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass das letzte Heimspiel gegen Werder Bremen am 12. Mai dann ein Endspiel wird.

Schröder kündigt Neuzugänge an

Insofern war auch der sportlichen Leitung nicht nach Überschwang zumute. "In der zweiten Halbzeit hat die Mannschaft an sich geglaubt, und der Punkt ist für die Moral super, aber die erste Halbzeit muss ein Warnschuss sein", meinte Sportdirektor Rouven Schröder. Das Fazit des 42-Jährigen, der bis 2016 selbst als Direktor Profifußball für den SV Werder arbeitete, lautete: "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. So selbstkritisch sollten wir sein."

Schröder will übrigens jeden Mannschaftsteil abklopfen und dann entscheiden, "ob wir uns auf der einen oder anderen Position noch Gedanken machen müssen." Brosinski übrigens würde es begrüßen: "Wenn bessere Spieler kommen, setze ich mich auch auf die Bank." Im Dienst der Mainzer Sache zu warten, ist für ihn ja auch kein Problem.

Stand: 16.12.2017, 20:38

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