Analyse - Hölzernen Bayern fehlt die Kreativität

Es war kein guter Abend für die Bayern und Niklas Süle

Zu viele lange Bälle beim 1:2 in Mönchengladbach

Analyse - Hölzernen Bayern fehlt die Kreativität

Von Christian Hornung (Mönchengladbach)

Was sich beim glücklichen Champions-League-Sieg in Anderlecht andeutete, setzte sich in Gladbach fort - wurde diesmal aber bestraft. Die Bayern agierten zwar druckvoll, aber defensiv fehlerhaft und viel zu hölzern und ideenlos im Aufbau - eine Analyse.

Jupp Heynckes wollte nach der ersten Niederlage seit seiner Rückkehr in den Trainerjob nicht gleich den Stab über seine Mannschaft brechen. Er lobte sie vielmehr für die harte und intensive Arbeit in den vergangenen Wochen und beschränkte seine Kritik auf die erste Halbzeit: Da habe sein Team das 1:2 verschuldet, weil es "zu passiv verteidigt und insgesamt zu langsam agiert" habe.

Niederlage begann schon in Anderlecht

Die Kritik traf zu, es gab es aber noch eine Reihe weiterer Faktoren, die dieses Ergebnis eingeleitet hatten. Im Grunde begann die insgesamt 20. Pleite der Bayern in Mönchengladbach (nirgends verloren sie öfter) bereits unter der Woche - beim glücklichen 2:1 in Anderlecht. Schon da wackelte die Defensive bedenklich, und es war allein der Harmlosigkeit der Belgier im Abschluss zu verdanken gewesen, dass sich München noch zu einem glücklichen Erfolg durchkämpfte.

Dieses Spiel der Bayern war auch maßgeblicher Teil der Gladbacher Vorbereitung auf die Bundesliga-Toppartie des 13. Spieltags, wie einige VfL-Profis später im Gespräch mit sportschau.de durchblicken ließen. "Auch wir wollten sie zu langen Bällen zwingen und haben gesehen, dass sie Probleme mit einem kompakt stehenden Gegner haben", berichtete Lars Stindl. Und Matthias Ginter ergänzte: "Es war klar, dass wir nicht alle Flanken und hohen Bälle vorab verhindern konnten. Aber im Zentrum haben wir weitgehend dichtgemacht - dadurch haben wir praktisch kaum eine erspielte Torchance zugelassen."

28:2 Flanken und 25:7 Torschüsse

Die Werte auf den Statistik-Zetteln spiegelten diese Eindrücke zunächst nicht unbedingt wider: Erstaunliche 28:2 Flanken waren da zugunsten des Rekordmeisters notiert, zwei Drittel Ballbesitz und auch eigentlich erdrückende 25:7 Torschüsse. Doch die Qualität dieser Versuche war eben ausgesprochen überschaubar. Bei Kingsley Coman, der den Pfosten traf, kam noch Pech hinzu, ansonsten musste Yann Sommer im Gladbacher Tor aber kaum einmal entscheidend eingreifen.

Es wirkte bisweilen beinahe wie der alte englische Fußball, was die hölzernen Bayern im Borussia-Park zeigten. Das war natürlich auch, wie Heynckes zu Recht anmerkte, dem selbst für Bayern-Verhältnisse überschaubaren Personal geschuldet: "Wenn der Gegner so tief steht wie Gladbach, sind Flügelspieler wie Arjen Robben, Franck Ribéry oder ein fitter Kingsley Coman besonders wichtig, um dann auch mal bis zur Grundlinie durchzugehen", analysierte der gebürtige Gladbacher. "Aber Robben und Ribéry fehlten, und Coman hat gerade erst zweimal wieder mit der Mannschaft trainiert."

Lewandowski flüchtet ins Mittelfeld

Allerdings: Auch von James Rodriguez in der ersten Halbzeit sowie von Constantin Tolisso, Arturo Vidal oder Sebastian Rudy hätte in Sachen Kreativität durchaus mehr kommen dürfen. Robert Lewandowski war von der Versorgung aus dem Mittelfeld phasenweise derart abgeschnitten, dass er sich auch noch selbst ins Mittelfeld zurückfallen ließ, um überhaupt am Spiel teilnehmen zu können - damit war dann aber in der Spitze teilweise gar kein Münchener mehr anzutreffen.

Das Problem im Aufbau der Münchener begann aber bereits ganz hinten. Niklas Süle verursachte nicht nur mit einem Handspiel nach Stellungsfehler den Elfmeter zum 0:1-Rückstand, sondern offenbarte auch gravierende Schwächen im Spiel nach vorn.

Probleme bei Süle und Martinez

Das setzte sich fort bei Javi Martinez, mit dem Heynckes auf der Sechser-Position zwar die Kompaktkeit im Spiel gegen den Ball gestärkt hat - aber das eben auch auf Kosten eines ideenreichen und schnellen Spiels aus der eigenen Abwehr heraus.

Süle räumte hinterher selbstkritisch ein: "Wir haben zu passiv verteidigt und zu viele Bälle im Aufbau leichtfertig hergegeben." Im zweiten Durchgang hatten die Münchener sogar noch Glück, dass ihr zu langsames defensives Umschaltspiel nicht mit einem Platzverweis bestraft wurde: Mats Hummels hatte Raffael als letzter Mann klar festgehalten, doch der Gladbacher ließ sich nicht fallen, sondern versuchte (vergeblich) den Ball noch zu erreichen - was Schiedsrichter Manuel Gräfe bewog, die Szene nicht abzupfeifen.

"Nichts gefallen lassen"

So gehörte Hummels in der Endphase der Partie neben Martinez und Lewandowski noch zu den Spielern, die vorne bei den vielen langen Bällen immer wieder als Adressaten für Kopfbälle gesucht wurden. Doch Jannik Vestergaard, Nico Elvedi oder Matthias Ginter hielten stark dagegen. Ginter resümierte: "Wir haben uns von Bayern einfach nichts gefallen lassen." Und eingefallen war den Münchenern an diesem Abend auch deutlich zu wenig.

Stand: 26.11.2017, 00:41

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