Viel Arbeit für Niko Kovac

Niko Kovac

Analyse zum Kellerduell

Viel Arbeit für Niko Kovac

Von Frank Hellmann

Der Akt der Befreiung ist Eintracht Frankfurt geglückt. Doch beim 1:0-Zittersieg im Kellerduell gegen Hannover 96 zeigt sich auch, dass der neue Trainer Niko Kovac vor einer ganz schwierigen Aufgabe steht. Eine Analyse.

Es wirkt ein bisschen bemüht, wie bei der  Frankfurter Eintracht die neue Kampagne inszeniert wird, die endlich Zusammenhalt vermitteln soll. „Auf jetzt!“ haben die PR-, Marketing- und Medienstrategen die Botschaft genannt, mit der Mitarbeiter wie Anhänger auf den Schulterschluss im Saisonfinale eingeschworen werden. Zunächst per Videobotschaft und Rundmail, bald vielleicht auch in Radiospots und Zeitungsanzeigen. Die verbliebenen Spieltage, das wissen alle beim abstiegsgefährdeten Traditionsverein, erfordern einen langen Atem – und Eintracht statt Zwietracht auf allen Ebenen.

Insofern haben die Hessen beim 1:0 (1:0)-Zittersieg gegen Hannover 96 einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. „Wir sind erleichtert und glücklich. Wir haben leidenschaftlich gekämpft“, konstatierte der neue Trainer Niko Kovac, der genau jene für den Abstiegskampf erforderliche wehrhafte Haltung übermittelt hat, die unter Vorgänger Armin Veh in erschreckender Form verschüttet ging. „Engagement und Leidenschaft“ strich der 44-Jährige heraus, „deswegen haben wir auch die Zuschauer hinter uns gebracht.“ Tatsächlich standen die gegenüber Veh unversöhnlichen Fangruppierungen in der Nordwestkurve wieder geschlossen hinter der Eintracht-Elf.

Immenser Druck

Aber ist damit alles wieder gut? Mitnichten. Die spielerischen Defizite fielen auch auf Siegerseite in diesem niveauarmen Kellerduell bisweilen so ernüchternd aus, dass Spötter schon behaupteten, im Frankfurter Stadtwald wären am Samstagabend die beiden Direktabsteiger aufeinandergetroffen. Kovac sprach von einem „Abnutzungskampf“, in der das Resultat alleine entscheidend gewesen sei. „Der Druck war immens. Wir mussten dieses Spiel unbedingt gewinnen“, bemerkte Rechtsaußen Stefan Aigner, der als kämpferisches und läuferisches Vorbild voranging – der Rechtsaußen spulte mit Marc Stendera (12,14 Kilometer) die beste Laufleistung ab (12,02).

Aigner gehörte nicht zu jenen zuvor formschwachen Stammspielern, die Kovac auf die Bank beordert hat. David Abraham, Marco Fabian, Makoto Hasebe oder Bastian Oczipka – die Liste der unter Veh noch unantastbaren Kräfte, die unter Kovac ins zweite Glied rücken, ist lang. Aber vielleicht sind das auch die neuen Reize, die der in Berlin geborene Kroate auf seiner ersten Trainerstation in der Bundesliga vermitteln möchte.

Es braucht auch eine Spielidee

Dabei kann es aber nicht bleiben. Auch die deutlich verbessere Laufleistung (118,2 Kilometer) und die erhöhte Zahl der intensiven Läufe – für Kovac das entscheidende Kriterium – wird nicht ausreichen, um zum Klassenerhalt zu kommen. Eintracht hat noch die direkten Duelle gegen die Abstiegskonkurrenten Hoffenheim (9. April), in Darmstadt (30. April) und am letzten Spieltag in Bremen (14. Mai) vor sich. Dann ist auch gefragt, selbst eine Spielidee zu entwickeln, die dem Team selbst gegen das Schlusslicht abging.

Ganze elf Torschüsse brachte die Eintracht zustande – deutlich zu wenig. Die Problemzone liegt im zentralen Mittelfeld: Die Besetzung von Szabolcs Huszti als Spielmacher erwies sich nicht als gewinnbringend, beim U 21-Nationalspieler Stendera sind es zu viele Ballverluste und Abspielfehler, die den Gesamteindruck trüben. Und Stefan Reinartz fehlt nach der langen Verletzungspause der Rhythmus, aber auch das Tempo, um Akzente im Vorwärtsspiel zu setzen. Zudem bleibt das Unvermögen im Abschluss, wenn Alexander Meier verletzt fehlt. Haris Seferovic und Änis Ben-Hatira ließen fast schon fahrlässig beste Gelegenheiten aus, wobei Letzterer immerhin in der ersten Halbzeit getroffen hatte.

Matchwinner Änis Ben-Hatira

Niko Kovac (l.) und Änis Ben-Hatira

Niko Kovac (l.) und Änis Ben-Hatira

 „Wenn er die schwierigste seiner Chancen nutzt, ist mir das auch recht“, sagte Kovac, der Ben-Hatira schon unter der Woche ein Lob ausgesprochen hatte. „Er ist wie ich einer aus dem Wedding.“ Einer, der auch mal unkonventionelle Lösungen sucht. Vielleicht deshalb fand der Berliner Instinktfußballer in der 33. Minute aus spitzem Winkel die entscheidende Lücke. Persönlich sei er glücklich über das Tor, sagte der bei Hertha BSC im Winter nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit Mitspieler Mitchell Weiser ausgemusterte Profi, „aber ich muss auch das zweite und dritte Tor machen."

Seine Läuterung kann Ben-Hatira nun in den nächsten Wochen unter dem strengen Kovac-Regiment unter Beweis stellen. Der ehemalige kroatische Nationaltrainer, der dort als Disziplinfanatiker galt, will genau darauf achten, wer auch im Training voll mitzieht. Die Länderspielpause nutzt er bereits dazu, die nicht zu ihren Nationalteams berufenen Spieler ganztägig in einem Sporthotel an der Arena um sich zu scharen, um sich noch gezielter auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten.

Dummerweise wird die erste Herausforderung nach Ostern ziemlich schwierig: Dann geht es zum schier übermächtigen FC Bayern. „Wir werden nicht dorthin fahren, um unser Torverhältnis zu verschlechtern“, hat Kovac bereits angekündigt, „wenn wir verlieren, dann aber anständig.“ Wer sagt aber denn, dass es nicht mehr werden kann? In der Hinrunde fügte die Eintracht dem Branchenprimus bei einem mit einer disziplinierten Defensivleistung errungenen 0:0 den ersten Punktverlust bei – es war einer der letzten Lichtblicke der Ära Veh.

Fußball · Bundesliga · 27. Spieltag 2015/2016

Samstag, 19.03.2016 | 18.30 Uhr

Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Hradecky – Chandler, Carlos Zambrano, Russ, Djakpa – Reinartz (61. Hasebe), Stendera – Aigner, Huszti (82. Abraham), Ben-Hatira (88. Kittel) – Seferovic

1
Wappen Hannover 96

Hannover 96

Zieler – Sakai, Milosevic, C. Schulz (46. Anton), Sorg – Karaman (77. Szalai), Yamaguchi (69. Saint-Maximin), Gülselam, Prib – Hugo Almeida, Kiyotake –

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Ben-Hatira (33.)

Strafen:

  • gelbe Karte Zieler (3 )
  • gelbe Karte Gülselam (7 )
  • gelbe Karte Seferovic (7 )
  • gelbe Karte Hugo Almeida (1 )

Zuschauer:

  • 43300

Schiedsrichter:

  • Wolfgang Stark (Ergolding)
Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Wappen Hannover 96

Hannover 96

Tore 1 0
Schüsse aufs Tor 5 3
Ecken 13 3
Abseits 5 5
gewonnene Zweikämpfe 107 122
verlorene Zweikämpfe 122 107
gewonnene Zweikämpfe 46,72 % 53,28 %
Fouls 16 20
Ballkontakte 645 573
Ballbesitz 52,96 % 47,04 %
Laufdistanz 118,17 km 113,88 km
Sprints 267 213
Fehlpässe 118 123
Passquote 70,94 % 62,04 %
Flanken 16 9
Alter im Durchschnitt 27,5 Jahre 25,9 Jahre

Stand: 20.03.2016, 10:01

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