Hannover - ein Haufen Hoffnungslosigkeit

Frust bei Hannover-Stürmer Adam Szalai

Analyse der Partie Werder Bremen - Hannover 96

Hannover - ein Haufen Hoffnungslosigkeit

Von Frank Hellmann (Bremen)

An alter Wirkungsstätte kassiert Thomas Schaaf die nächste Abfuhr. Nach dem 1:4 bei Werder Bremen ist Hannover 96 wohl kaum noch zu retten. Eine Analyse.

Mitunter ist es ganz hilfreich, die örtlichen Gegebenheiten bestens zu kennen. Thomas Schaaf soll ja nicht unwesentlich mitgewirkt haben, als einst der Unterbau der Ostkurve des Weserstadions umgestaltet wurde, dort wo Medien- und Spielerbereich angesiedelt sind.

Gerade erst hatte der Trainer von Hannover 96 seine Statements zu der 1:4-Schlappe an alter Wirkungsstätte abgegeben, da steuerte er zielsicher auf einen Hocker an der Wand zu, um sich noch einmal dem Verhör im kleinen Kreis zu stellen. Einer musste ja Mut aussprechen in den wohl schwierigsten Zeiten der Niedersachsen seit dem Bundesliga-Aufstieg 2002.

Spielerisch und taktisch überfordert

Aber so richtig gelang ihm das nicht. "Wir springen hin und her", urteilte Schaaf über die Leistungsschwankungen seiner Elf innerhalb der 90 Minuten, "uns fehlt die Sicherheit." Es fehlt aber noch viel mehr. Und auch wenn der im Winter als Retter verpflichtete Coach einerseits Zuversicht ausgibt ("Es kann noch ein sehr langes Rennen werden"), hat er andererseits die Qualitätsmängel in allen Mannschaftsteilen erkannt ("habe immer gesagt, dass es schwierig wird").

Viele 96-Akteure wirken schlichtweg spielerisch oder taktisch überfordert, etliche Profis strahlen eine erbärmliche Körpersprache aus. Was Schaaf daher in Bremen sehr nachdenklich werden ließ: "Ich erlebe die Spieler im Training anders. Aber im Spiel frage ich mich schon, welcher Drops ist da schon wieder quergerutscht."

"Hätte nur noch gefehlt, Beifall zu klatschen"

Der 54-Jährige gab sich nach dem Offenbarungseid in seinem früheren Wohnzimmer Weserstadion gar keine Mühe mehr, irgendwelche wachsweichen Formulierungen zu benutzen. Statt dessen klagte er schonungslos an. Wie konnte es passieren, dass das peruanische Schlitzohr Claudio Pizarro im Strafraum mit dem rechten Fuß einen Ball aus der Luft pflückt und unbehelligt mit links ins Hannover-Tor donnert - und halb Hannover schaut zu?

"Da stehen sieben Mann rum und gucken zu. Es fehlte nur noch, dass sie Beifall klatschen." Aus dieser Einschätzung klang eine große Geringschätzung über die fehlende Wehrhaftigkeit einer Mannschaft, die an der Weser elementare Grundtugenden missachtete.

Sportvorstand Bader ist erzürnt

"Wir sollten uns daran erinnern, dass die Betonung auf Kampf, auf Abstiegskampf liegt", polterte Sportvorstand Martin Bader. "Wir haben nicht den letzten Willen erkennen lassen." Hannover - das ist in diesen Tagen ein Haufen Hoffnungslosigkeit. Bader drückte sich genauso aus: "Wir haben keinen Hoffnungsschimmer erkennen lassen." Und Schaaf befand: "Das Einzige, auf das man sich verlassen kann, ist das man sich nicht verlassen kann."

Das Gebilde, das der 96-Trainer in eine Bundesliga-Begegnung schickt, wirkt für Erstliga-Ansprüche in vielerlei Hinsicht viel zu wankelmütig. Zwar gab Hannover in Bremen immerhin 15 Torschüsse ab, jedoch waren die meisten von erschreckender Harmlosigkeit. Und 54 Prozent Ballbesitz nützen wenig, wenn keine Idee erkennbar ist, zu einem Torerfolg zu kommen. Unter dem glücklosen Vorgänger Michael Frontzeck war die Planungslosigkeit in der Offensive ein Erkennungszeichen - unter dem Offensivliebhaber Schaaf, der in acht Spielen sieben Niederlagen kassierte, hat sich diesbezüglich nichts geändert.

Ein Kiyotake ist zu wenig

Allein auf die Kreativität und Standards von Hiroshi Kiyotake zu setzen, ist zu wenig. Ein Eckball des Japaners ermöglichte immerhin Kenan Karaman den Anschlusstreffer (45.). Aber selbst das Geburtstagskind konnte sich über den einzigen Lichtblick der "Roten" nicht freuen: "Wir können nichts Positives mitnehmen. Die ersten 15 Minuten haben wir komplett verschlafen."

Während der Gegner mit "positiver Körperspannung" (Zlatko Junuzovic) auftrumpfte, verkroch sich Hannover, wich in entscheidenden Momenten zurück und ging den Zweikämpfen aus dem Weg, die die Gäste auch in der Mehrzahl verloren (45:55 Prozent).

Durchhalteparolen ertönen

Und es war gewiss keine gute Idee, ohne echten Stürmer anzutreten: Nach 36 Minuten korrigierte Schaaf diesen Irrtum und brachte Adam Szalai in die Partie, doch der zur Rückrunde an die Leine gelotste Ungar bewirkte ebenso wenig wie die Neuzugänge Iver Fossum oder Hotaru Yamaguchi, die mit den Anforderungen in Deutschlands höchster Spielklasse fremdeln. Bader will die Schuld für den auch im Winter nicht verstärkten Kader aber nur bedingt übernehmen. "Wir haben nicht nur die sechs neuen Spieler, sondern da sind auch noch 20 andere."

Nur weit und breit ist niemand zu entdecken, der den Mumm für den Turnaround aufbringt. Neun Spiele bleiben Hannover 96 noch. Das nächste findet am kommenden Samstag gegen den 1. FC Köln statt. "Wir können das noch abwenden", beteuert Schaaf, "wir können immer noch rechnen." Bis zum letzten Spieltag sollte er allerdings nicht warten: Dann tritt sein Team beim FC Bayern an.

Stand: 05.03.2016, 21:27

Darstellung: