Das Geheimnis um die Ablösesumme

Michael Meier, Manager von Borussia Dortmund 2004

Spekulationen bei Spielertransfers

Das Geheimnis um die Ablösesumme

Von Volker Schulte

In der Sommerpause, wenn der Ball in der Fußball-Bundesliga ruht, leisten die Manager Schwerstarbeit. Sie fädeln Transfers ein, feilschen um Ablösesummen und vereinbaren darüber meist Stillschweigen. Trotzdem kursieren Zahlen, die sich festsetzen und irgendwann gar nicht mehr hinterfragt werden. Doch woher stammen diese Summen? Und kann man ihnen trauen?

Dieser Wechsel beschäftigte ganz Fußballdeutschland. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der WM 1994 verpflichtete Borussia Dortmund Andreas Möller und Julio Cesar von Juventus Turin. "Damals vermuteten viele, dass Cesar sehr teuer war", erinnert sich Michael Meier, der den Transfer als BVB-Manager eingefädelt hatte. "Die beiden haben zusammen 12,5 Millionen D-Mark gekostet. Aber auf Julio Cesar waren davon nur 500.000 D-Mark angerechnet."

Der Brasilianer Cesar ist offenbar nur ein Beispiel für viele Transfers, bei denen die Medien in Sachen Ablösesumme deutlich daneben gelegen haben. Zumindest sagt Michael Meier zu sportschau.de, dass er solche Fälle in seinen 30 Jahren als Fußball-Manager häufiger erlebt hat. "Wenn eine Falschmeldung dann erst einmal in der Welt ist, kann man auch nicht mehr gegensteuern."

Informanten mit Hintergedanken

Fußballfans lieben Zahlen. Denn sie machen Dinge vergleichbar, liefern Stoff für Diskussionen. Ein Transfer ohne Angaben zur Ablösesumme ist wie ein Krimi, in dem der Täter geheim bleibt. Also liefern viele Medien ihren Lesern die vermeintlichen Fakten und verweisen auf "sichere Quellen" oder "informierte Kreise". Allerdings verfolgen Informanten oft auch eigene Interessen. Zum Beispiel wollen Spielerberater die Marktwerte ihrer Klienten hochtreiben oder Manager "ihr Verhandlungsgeschick unterstreichen", wie Meier verrät.

Reiner Calmund beim Spiel Bayer Leverkusen - Bayern München im März 2013

Reiner Calmund im März 2013

Auch Meiers ehemaliger Kollege Reiner Calmund, langjähriger Manager bei Bayer Leverkusen, will sich davon nicht freisprechen. "Wenn ein Verkäufer mal zu hohe Summen in Umlauf gebracht hat, habe ich dann ein bisschen gegengesteuert", erzählt der 64-Jährige. Diese Spielchen "hatten zwar keine Auswirkungen aufs Geschäft, aber auf die Außenwirkung." Insgesamt lägen die kursierenden Zahlen aber meist nahe an der Realität, "vielleicht fünf oder zehn Prozent höher oder tiefer", sagt Calmund.

Zahlenflut auf transfermarkt.de

Auch als der FC Bayern im Februar 2012 bekanntgab, Xherdan Shaqiri vom FC Basel verpflichtet zu haben, sollte die Ablösesumme geheim bleiben. Die Medien spekulierten dennoch: Der Kicker schrieb in seine Bundesliga-Sonderheft von neun Millionen Euro, die Süddeutsche Zeitung zunächst von 11,6, später von 12,5 Millionen Euro. Die Bild-Zeitung und andere Medien des Axel-Springer-Konzerns verkündeten eine Ablöse von "rund zwölf Millionen Euro".

Die Springer AG besitzt seit 2008 auch 51 Prozent von transfermarkt.de, einer der meist besuchten deutschen Sportseiten im Netz. Aus der einst kleinen Community, in der sich Fußballfans über Marktwerte austauschten, ist mittlerweile ein riesiges Datendepot geworden. transfermarkt.de liefert Zahlen im Überfluss, Transferrekorde, Transferbilanzen - und zu quasi jedem Spielerwechsel der jüngsten Bundesligajahre eine Ablösesumme. "Wir machen es wie alle anderen Journalisten: Wir stellen den Wert dar, der am glaubhaftesten irgendwann nach außen getragen wird", sagt Matthias Seidel, Gründer und Chefredakteur von transfermarkt.de.

Keine Transparenz

Xherdan Shaqiri beim Auftakttraining des FC Bayern München 2012

Shaqiri beim ersten Training für Bayern

Im Fall Xherdan Shaqiri gibt transfermarkt.de eine Ablösesumme von 11,8 Millionen Euro an. Allerdings fehlt, wie bei allen anderen Spielerwechseln, jeglicher Hinweis auf die Herkunft der Zahl. Die Seite tritt immer mehr als redaktionelles Angebot auf, nennt sich in der Rubrik "News" oft selbst als Quelle. Doch dass fast alle Ablösesummen auf der Seite geschätzt oder bei anderen Medien abgeschrieben worden sind, ist nirgends vermerkt. Seidel sieht darin keinen Widerspruch. Er verfolgt auch keine Pläne, Quellenangaben bei den Ablösesummen einzuführen. "Das würden wir für Deutschland vielleicht gerade noch hinkriegen, darüber hinaus aber schon nicht mehr."

Statt die Transparenz zu verbessern, konzentriert sich transfermarkt.de lieber darauf, seinen Datensatz weiter zu vergrößern. Zum Beispiel recherchieren Seidels Mitarbeiter Zahlen aus länger zurückliegenden Zeiten. Bei Julio Cesar sind sie bereits fündig geworden: 1,25 Millionen Euro soll der BVB 1994 für den Brasilianer ausgegeben haben. Im Vergleich zu dem Wert, den Michael Meier nun verraten hat, ist das das Fünffache.

Stand: 01.07.2013, 08:00