Regionalliga-Reform - Potenzial zum Spaltpilz

Regionalliga Nordost: Duell zwischen Can Sakar (Neugersdorf/r.) und Kevin Weidlich (Cottbus)

Auf- und Abstieg zwischen 3. Liga und den Regionalligen

Regionalliga-Reform - Potenzial zum Spaltpilz

Von Frank Hellmann

Der Übergang von der Regionalliga in die 3. Liga ist das Nadelöhr im deutschen Fußball. Eine gerechte Aufstiegslösung zu finden, kommt der Quadratur des Kreises gleich. Das Thema sorgt vor dem DFB-Bundestag für eine Menge Zündstoff - und wird vermutlich so schnell nicht gelöst.

Beobachter bei einem Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wundern sich mitunter, wie harmonisch eine solche Veranstaltung abläuft. Kaum eine Wortmeldung und bei Abstimmungen gehen massenhaft die grünen Karten mit dem Signal der Zustimmung in die Höhe. Doch der außerordentliche DFB-Bundestag am Freitag (08.12.2017) in Frankfurt behandelt ein Thema, an dem sich gerade reihenweise Vertreter mit ihren konträren Ansichten abarbeiten: Wie soll künftig der Aufstieg zwischen Dritter Liga und Regionalliga geregelt werden? Und wie viele Regionalligen braucht es überhaupt?

Themen, die das Potenzial zum Spaltpilz haben. Für Mittwochabend (06.12.2017) wird in der Verbandszentrale zu einem Schlichtungsgespräch mit den fünf Regionalverbänden gerufen, um den Konflikt auf offener Bühne des Congress Centers zu verhindern. "Ich hoffe, dass es dazu noch vor dem Bundestag einen Konsens gibt", hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel kürzlich formuliert. Doch je näher die Zusammenkunft rückt, umso unwahrscheinlicher ist ein Kompromiss.

Die bisherige Regel ist ungerecht

Worum geht es? Bisher spielen aus den fünf Regionalligastaffeln die ersten beiden der Südwest-Liga, der West-, Nord-, Nordost- sowie der Bayern-Meister in drei ausgelosten Hin- und Rückspielen drei Aufsteiger aus. Für viele gilt diese Regelung als fragwürdig bis untragbar. Weil ein Meister, der mitunter ein ganzes Spieljahr dominiert hat, kein automatisches Aufstiegsrecht bekommt. Alles hängt dann von den K.o.-Spielen ab.

Waldhof Mannheim, ein Traditionsverein mit breiter Fanbasis aus dem Südwesten, scheiterte so auf tragische Art und Weise zweimal hintereinander. Auch RB Leipzig hatte einst Mühe, diesem Nadelöhr zu entkommen. Reformbedarf ist also durchaus vorhanden.

Zu viele Anträge zu einem Thema

Zu dem Thema liegen inzwischen mehr als ein halbes Dutzend Anträge vor. Es geht für nicht wenige der 263 Delegierten, die ihre Landesverbände repräsentieren, um völlig unterschiedliche Interessenslagen. Einig sind sich die Viertligisten, dass aus der Dritten Liga künftig vier statt drei Teams absteigen sollen.

Vergangene Woche formulierte die 3. Liga ihren Unmut, wie schnell das Modell in die Öffentlichkeit gelangt war. Für Irritationen sorgte zudem ein Gedankenspiel von DFB-Vizepräsident Rainer Koch, die 3. Liga wieder in zwei Staffeln zu teilen.

Oft bestimmt nur das Eigeninteresse

Nicht immer ist beim DFB unterhalb des Profifußballs nur nach Vernunft entschieden worden. Oft ging es um Proporz, Macht oder Einfluss. Viele sehen die teilweise sehr dörflich strukturierte Regionalliga Bayern, aus der aktuell der tief gefallene TSV 1860 München möglichst schnell entfliehen möchte, als Liga an, die der Multifunktionär Rainer Koch, zugleich Präsident des Süddeutschen und Bayerischen Fußballverbandes, durchdrückte.

Und auch jetzt spielt viel (regionales) Eigeninteresse hinein. Der Antrag Nr. 1 des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) gilt in dieser Hinsicht als besonders mutig: Sportlich qualifiziert sollten demnach "der Meister der Regionalliga Nordost und die Meister der übrigen drei Regionalligen sein." Will heißen: Der Nordosten bleibt zusammen und bekommt einen festen Aufsteiger – und der Rest kann sehen, wie er die Zusammenschlüsse zwischen Regionalliga Nord, West, Südwest und Bayern regelt.

Zählt die Fläche mehr als die Zahl der Mannschaften?

Wie sehr der NOFV - der im Grunde einen Nachfolger der ehemaligen DDR-Oberliga erhalten möchte - an sich denkt, wird in der Begründung deutlich: "Die Fläche des Verbandsgebietes des NOFV umfasst mit 30,46 Prozent fast ein Drittel des Verbandsgebietes des Deutschen Fußball-Bundes." Ferner heißt es: "Statistische Zahlen wie z.B. die Anzahl der Herrenmannschaften sollten keine Hauptbemessungsgrundlage für eine inhaltliche Beurteilung und Entscheidung darstellen."

Friedrich Curtius auf einer DFB-Versammlung im September

Friedrich Curtius auf einer DFB-Versammlung im September

Aber ist nicht die Zahl der gemeldeten Fußballteams aussagekräftiger als die Quadratkilometerzahl eines Landesverbands? Grindel argumentiert immer wieder genau damit: Der Südwesten und Bayern würden 25.000 der rund 55.000 Herrenteams stellen und könnten deshalb nicht einfach in einer Regionalliga Süd zusammengelegt werden. Und Südwest- und West-Liga seien "angesichts der urbanen Struktur unabhängig von der Frage der Vier- und Fünfgleisigkeit lebensfähig".

Einerseits. Andererseits wisse er um die große Flächenstruktur der anderen drei Regionalligen – und explizit um die „fußballhistorische Bedeutung der Regionalliga Nordost". Der gebürtige Hamburger bevorzugt ein Modell unter Beibehaltung von fünf Staffeln, in dem die Südwest- und West-Liga ein festes Aufstiegsrecht bekommen, die anderen drei Ligen in einem rollierenden System die weiteren zwei Aufsteiger ausspielen. Grindel hat zusammen mit seinem Generalsekretär Friedrich Curtius im Vorlauf zum Bundestag dazu alle fünf Regionalkonferenzen besucht.

Graben zwischen Ost und West

Und der DFB-Chef spürt, dass sich teils eine Protesthaltung aufgebaut hat. Bei vier Regionalligen wäre es ein leichtes, dass der Meister ohne Umweg aufsteigt: Aber welche der insgesamt 21 Landesverbände werden wohin zugeordnet? Ein Antrag des Badischen, Bayerischen und Niedersächsischen Fußballverbandes sieht vor, dass Vereine aus einem Landesverband und einem Bundesland "grundsätzlich geschlossen in einer Regionalliga spielen". Ein Antrag, der die Zersplitterung verhindern soll.

In den vielen offenen Fragen steckt sogar genügend Brisanz, um alte Ost-West-Gräben wieder aufzureißen. Die Drittligisten plädieren für ein nachhaltiges Modell, das auch ihre Interessen im Abstiegsfall berücksichtigt.

Es wäre nicht das erste Mal, würden Anträge vor dem Bundestag noch zurückgezogen, um eine Verschiebung zu erwirken. Kampfabstimmungen mit negativem Nachhall sind das Letzte, was der mit dem langwierigen WM-Skandal und einer erheblichen Steuernachzahlung konfrontierte Verband noch braucht.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, 06.12., ab 22.50 Uhr

Stand: 06.12.2017, 09:51

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