Grindels Weg an die DFB-Spitze

Reinhard Grindel im Sportausschuss des Bundestages

Porträt des vermutlichen Kandidaten

Grindels Weg an die DFB-Spitze

Von Marcus Bark

Eine steile Funktionärskarriere steuert auf den Höhepunkt zu: Schatzmeister Reinhard Grindel soll gute Aussichten haben, DFB-Präsident zu werden. Grindel selbst gibt sich bedeckt. Dafür bringt sein Förderer den Politiker in Stellung.

Ein Vertrag, der die Unterschrift von Franz Beckenbauer trägt und Jack Warner begünstigt, hat den Rücktritt von Wolfgang Niersbach ausgelöst. So stellt sich die Lage zumindest dar, denn es ist weiterhin schwierig, die gesicherten Erkenntnisse in der Affäre, die den Deutschen Fußball-Bund seit Mitte Oktober erschüttert, von Gerüchten und Spekulationen zu unterscheiden. Es ist Rainer Koch gewesen, kommissarischer Präsident des DFB, der über die Unterschrift und den Nutznießer des hochbrisanten Papiers berichtet hat, das - zumindest versuchte - Korruption bei der Vergabe der WM 2006 nahelegt.

Austin Warner, besser unter "Jack" bekannt, leugnet die Existenz einer schriftlichen Vereinbarung über "diverse Leistungen". Die Reputation des Mannes, der vom Weltverband FIFA ausgeschlossen worden ist und dem die Ermittlungsbehörden der USA Korruption und Bestechung vorwerfen, ist allerdings so schlecht, dass es schlimmer kaum geht.

Eine dieser Geschichten

Es wäre eine dieser kuriosen Geschichten des deutschen Fußballs, wenn eben jener Jack Warner Wolfgang Niersbach zu Fall gebracht hätte und Reinhard Grindel ins Amt des DFB-Präsidenten hieven würde. Wobei festzuhalten ist, dass die Verbindung zwischen Grindel und Warner keinerlei Anlass zur Sorge gibt. Es ist auch keine direkte Verbindung, aber die These, dass Grindel ohne Jack Warner heute kein bedeutender Funktionär im deutschen Fußball wäre, ist sicher zulässig.

Reinhard Grindel, geboren 1961 in Hamburg, sitzt seit 2002 für die CDU im Bundestag. Bei der vergangenen Bundestagswahl hat er in seinem Wahlkreis Rotenburg I – Heidekreis 44,8 Prozent der Erststimmen geholt. Grindel, so schreibt er auf seiner Internetseite, lebt in Rotenburg.

Immer wieder und überall: Jack Warner

In der Kreisstadt östlich von Bremen steht ein sehr nobles Hotel. Bei der Weltmeisterschaft 2006 hat in diesem Hotel die Mannschaft von Trinidad & Tobago gewohnt. Aus diesem Land stammt Jack Warner. Er ist zu jenem Zeitpunkt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten im Exekutivkomitee der FIFA und hat somit auch darüber bestimmt, wer 2006 die WM ausrichten darf. Im Verband Trinidad & Tobagos hat Warner 2006 keine offizielle Funktion, aber ohne ihn geht nichts, gewiss auch nicht die Auswahl des Quartiers.

Trinidad & Tobago in Rotenburg

Spieler von Trinidad & Tobago in Rotenburg

Jack Warner kommt im Sommer 2006 auf eine Stippvisite nach Rotenburg. Dort kümmert sich auch Reinhard Grindel um die Gäste, die Leben in die Stadt bringen. Der Politiker engagiert sich im lokalen Fußballverein. Er hat selbst in seiner Geburtsstadt ein bisschen gekickt, liebt den Sport. Fußball verbindet, über alle Parteigrenzen hinweg.

Karriereschub 2006

Grindels steile Funktionärskarriere nimmt ihren Ausgangspunkt im Sommer 2006. Er lernt durch die Betreuung der Gäste aus der Karibik Karl Rothmund kennen, damals wie heute Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes. Grindel ist zwischen 2011 und 2014 sein Stellvertreter gewesen. Im Oktober 2013 wird der Politiker, ein studierter Jurist und ehemaliger Journalist, der es bis zum Leiter des ZDF-Büros in Brüssel schafft, zum Schatzmeister des DFB gewählt.

Auf der Internetseite des Bundestags ist ein Video zu sehen, in dem Reinhard Grindel am 15. Oktober 2015 im feinsten Juristendeutsch über einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Korruption spricht. Auch beim DFB arbeitet er dagegen an, wirkt am Mitarbeiterkodex mit.

Grindels Dank an Otto Schily

Einen Tag nach der Rede veröffentlicht Der Spiegel seine Geschichte über "das zerstörte Sommermärchen". Die WM gekauft? Von den Deutschen? Reinhard Grindel hat sich so etwas nicht vorstellen können. In einem Interview mit der Rotenburger Kreiszeitung, veröffentlicht im Juni 2015, sagt er: "Ich bin dankbar, dass der frühere Innenminister Otto Schily betont hat, dass sich Deutschland absolut einwandfrei beim Werben für das Sommermärchen 2006 verhalten hat."

Wie denkt Grindel heute? Sportschau.de versucht, über sein Bundestagsbüro ein Gespräch vermittelt zu bekommen. Dort heißt es, der DFB koordiniere die Presseanfragen. Der Verband schickt eine schriftliche Stellungnahme Grindels: "Wir haben am kommenden Dienstag in Hannover eine Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände. Dies ist der Ort, um über Zeitpläne und mögliche Kandidaten für das Amt des DFB-Präsidenten zu sprechen. Außerdem brauchen wir daneben eine Abstimmung mit dem Ligaverband, um zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.“ Dazu gibt es noch den Hinweis, dass es bis zu der Sitzung am 17. November "keine weiteren Statements" geben werde.

Zeit des Sortierens und Sondierens

Etwa eine Stunde später ruft Grindel doch zurück und bittet um Verständnis, dass er derzeit nicht mehr sagen könne und wolle. Jedenfalls nicht, ohne dass es vor der Veröffentlichung nochmal glattgebügelt werden kann.

Reinhard Rauball (v.l.), Reinhard Grindel, Rainer Koch

Reinhard Rauball (v.l.), Reinhard Grindel, Rainer Koch

Es ist die Zeit des Sortierens und Sondierens. Jeder, der es ernst meint mit einer DFB-Präsidenten-Kandidatur, muss sich in Position bringen. Dass Grindel dazugehört, daran gibt es kaum Zweifel seit diesem Vorpreschen von Karl Rothmund. Der Förderer sagt der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch (11.11.15): "Da Rainer Koch aber nicht kandidiert, sondern Reinhard Grindel unterstützt - das weiß ich seit zwei Tagen und das wissen viele seit zwei Tagen -, glaube ich, dass Reinhard Grindel gute Chancen hat, gewählt zu werden."

Einen Tag später sagt Koch zu Sport1, dass er sich zu einer Kandidatur "zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter äußern" wolle.

Interessenkonflikt zwischen Politik und DFB?

Am Freitag wird Grindel eine Rede zum neuen Dopinggesetz im Bundestag halten, danach fliegt er als Teil der DFB-Delegation nach Paris zum Länderspiel gegen Frankreich.

Der Tag zeigt auch den Interessenkonflikt, in dem Grindel steckt, den er aber nicht sehen will. Reinhard Grindel ist stellvertretender Vorsitzender im Sportausschuss des Bundestags. Das Gremium würde gerne wissen, was es mit diesem Vertrag von Beckenbauer und Warner auf sich hat, wofür die 6,7 Millionen Euro wirklich bezahlt worden sind. Grindels Aufgabe ist es, nachzufragen, auch und gerade beim DFB. Diesem Verband wird er vielleicht vorstehen, wenn im Sommer 2016 die Europameisterschaft in Frankreich gespielt wird, zehn Jahre nachdem er erstmals mit dem großen Fußball in Berührung gekommen ist. In Rotenburg an der Wümme, dank Trinidad & Tobago.

Stand: 13.11.2015, 08:30

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