Antisemitismus - "Tausende jüdische Sportler wurden aus den Vereinen ausgeschlossen"

Kölner Fans positionieren sich gegen Antisemitismus

Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Antisemitismus - "Tausende jüdische Sportler wurden aus den Vereinen ausgeschlossen"

Am 27. Januar jährt sich der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Seit 2004 nimmt auch der deutsche Fußball aktiv an diesem Gedenken teil. Angestoßen durch die Initiative "Nie Wieder" werden in Stadien und auf Sportplätzen im ganzen Land entsprechende Botschaften verlesen. Sportschau.de sprach mit dem Sporthistoriker Lorenz Peiffer über jüdische Wurzeln im deutschen Fußball und Antisemitismus damals und heute.

Herr Peiffer, in dieser Woche wurde der Fall eines israelischen Spielers von Red Bull Salzburg bekannt, der nicht mit ins Trainingslager nach Dubai reisen darf, weil er kein Visum für die Vereinigten Arabischen Emirate bekommt. Eine Form von Antisemitismus?

Peiffer: Ja, und keine neue: Viele Sportler bekommen keine Einreisegenehmigung für arabische Staaten, muslimische Sportler weigern sich bei Olympischen Spielen gegen israelische Sportler anzutreten. Das ist eine gesellschaftlich bedingte Form des Antisemitismus, die man thematisieren muss. Da muss sich natürlich Salzburg fragen lassen, warum sie dorthin reisen. Und vor dem Hintergrund der Einhaltung der Menschenrechte stehen zurecht auch deutsche Vereine wie Bayern München in der Kritik, wenn sie ihr Trainingslager in Katar oder Testspiele in Saudi-Arabien absolvieren.

Am Freitag (27. Januar) jährt sich der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Sie und einige ihrer Kolleginnen haben entscheidend dazu beigetragen, die Rolle jüdischer Fußballer und Funktionäre in Deutschland sichtbar zu machen.

Peiffer: Historisch betrachtet wurde der Fußball um die vorletzte Jahrhundertwende aus England auf den Kontinent importiert. In Deutschland war damals das nationalistisch geprägte Turnen vorherrschend, Fußball war dagegen international geprägt. Für Juden war der Fußball eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs und der Identitätsfindung, viele Juden waren an der Gründung von Vereinen beteiligt und haben sich engagiert.

Einer der bekanntesten ist natürlich Walther Bensemann. Er hat 1920 die Zeitschrift "Kicker" ins Leben gerufen und viele Vereine in Süddeutschland gegründet. Bei den herausragenden jüdischen Fußballern sind natürlich Gottfried Fuchs und Julius Hirsch zu nennen, die beiden bislang einzigen deutschen jüdischen Nationalspieler. Fuchs hält immer noch den Rekord von zehn Toren in einem Länderspiel, 1912 bei den Olympischen Spielen gegen Russland. Es gibt aber auch unbekanntere Fußballer, die in ihren Vereinen herausragend waren. Max Salomon, Anfang der 30er Jahre Stürmer bei Alemannia Aachen und später nach Auschwitz deportiert. Oder Simon Leiserowitsch, einer der herausragenden Spieler bei Tennis Borussia Berlin, und Walter Herrsch, Torjäger des heutigen Zweitligisten Würzburg.

Nach den Novemberprogromen 1938 erlosch das kulturelle Leben der deutschen Juden

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schlossen die Vereine Juden aus – eine Folge war die massenhafte Neugründung jüdischer Vereine.

Theo Zwanziger beim Julius-Hirsch-Preis

Theo Zwanziger beim Julius-Hirsch-Preis

Peiffer: Wir haben bei unseren Forschungen weit über 180 jüdische Vereine gefunden, die nach 1933 gegründet wurden. Daraus kann man schließen, dass Tausende jüdische Sportler aus den deutschen Vereinen ausgeschlossen worden sind. Man muss dazu nochmal deutlich sagen: Die Vereine haben in vorauseilendem Gehorsam gehandelt, es gab keine Direktive von oben, die jüdischen Mitglieder aus Vereinen auszuschließen, denn erstens war die NS-Sportführung zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht etabliert, später wollte sie dann die Olympischen Spiele 1936 in Berlin nicht gefährden. Darum wurden die jüdischen Vereine auch zunächst akzeptiert, bis nach den Novemberpogromen im Jahre 1938 das gesamte kulturelle Leben der deutschen Juden erlosch.

Haben Vereine sich später entschuldigt für den Ausschluss jüdischer Mitglieder?

Peiffer: Es gibt eine Entschuldigung vom HSV. Die haben damals sehr viele jüdische Spieler gehabt. Von anderen Vereinen ist mir nichts dergleichen bekannt.

Wie lief die Aufarbeitung des DFB und seitens der Vereine?

Peiffer: Es gab – wie gesamtgesellschaftlich auch – lange keine Aufarbeitung. Das begann erst spät in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile hat der DFB aber eine Vorreiterfunktion. Es wurde eine Studie über den DFB im dritten Reich in Auftrag gegeben und 2005 veröffentlicht. Es gibt den Julius-Hirsch-Preis, bei dem Menschen für ihr gesellschaftliches Engagement ausgezeichnet werden.

"Eine U-Bahn bis nach Auschwitz" kennt jeder Fußballfan

Dies ist auch heute noch notwendig, immer noch gibt es vielfältige Formen und Vorfälle von Antisemitismus. Wenn Dortmunder Fans bei einem Spiel gegen Maccabi Netanya "Nie wieder Israel" skandieren oder Magdeburger Fans wie im DFB-Pokal im vergangenen Jahr "Juden Frankfurt" singen. Der Soziologe Gerd Dembowski sagte einmal: "Der Antisemitismus ist die älteste Diskriminierungsform im Fußball." Wie schätzen Sie das ein?

Peiffer: Es ist kein Problem des Fußballs, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Das lässt sich nicht reduzieren. Wir müssen versuchen, auch mit Initiativen wie "Nie wieder" deutlich zu machen, dass Antisemitismus eine nicht tolerierbare Form der Diskriminierung ist. Da geht es nicht nur um Fußball.

Da gebe ich Ihnen recht. Allerdings nimmt der Fußball eine besondere Rolle ein, weil dort Dinge möglich scheinen, die in anderen Teilen der Gesellschaft weitgehend tabuisiert sind. Den Fansong "Eine U-Bahn bis nach Auschwitz" kennt jeder Fußballfan, die Verwendung des Begriffs "Jude" als Schimpfwort für den Gegner hat Tradition. Diese Verschiebung birgt die Gefahr, dass Jugendliche sie in ihren Alltag außerhalb des Fußballs mitnehmen.

Peiffer: Absolut richtig. Rechtsextreme Gruppen suchen nach Öffentlichkeit, und die finden sie auch und gerade im Fußball. Da muss eingegriffen werden, und da sind alle gefordert. In Hannover wurde früher im Stadion immer das Niedersachsen-Lied aus den 20er Jahren gesungen. Der Refrain lautet "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukinds Stamm". Beim Refrain ging bei einigen Gruppierungen der rechte Arm nach oben. Das haben damals Spieler gemeldet – seitdem wird das Lied vor Spielen nicht mehr gespielt. So ein Engagement ist wünschenswert, von Vereinen wie von Verbänden.

Auch Fans engagieren sich in besonderem Maße. Seit 2013 gibt es das Forum "Fans gegen Antisemitismus". Welche Rolle spielen Fans bei Aufarbeitung und Prävention?

Peiffer: Es ist faszinierend, was viele dieser Gruppen machen. Ohne die Schickeria in München wäre die Erinnerung an den einstigen jüdischen Präsidenten Kurt Landauer nicht möglich gewesen, ohne das Engagement von Nürnberger Fangruppen wäre das Schicksal des einstigen Trainers Jenö Konrad nicht aufgearbeitet worden. Aktuell plant eine Bremer Fangruppe eine Ausstellung und Broschüre über Alfred Ries, den jüdischen Präsidenten von Werder Bremen. Sein Todestag jährt sich 2017 zum 50. Mal. Das sind Initiativen, die in die Gesellschaft hineinwirken.

Das Interview führte Christian Steigels.

Lorenz Peiffer

Lorenz Peiffer ist pensionierter Professor der Universität Hannover, Historiker und Experte für Sport im Nationalsozialismus. U.a. erschien Anfang 2016 "Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland – Eine Spurensuche" sowie "Zwischen Erfolg und Verfolgung. Deutsch-jüdische Fußballstars im Schatten des Hakenkreuzes".

Stand: 27.01.2017, 08:30

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