Was lange Verletztenlisten anrichten können

Lars Bender von Bayer 04 Leverkusen am Boden

Verletzungen im Fußball

Was lange Verletztenlisten anrichten können

Von Chaled Nahar

Mannschaften wie Leverkusen, Frankfurt oder Köln haben in der Fußball-Bundesliga zurzeit lange Verletztenlisten. Die Gründe sind unterschiedlich - doch Verletzungen können eine Saison entscheidend beeinflussen.

Bayer Leverkusen trifft es hart zur Zeit. Karim Bellarabi und Lars Bender hatten ohnehin schon gefehlt. Vor dem Spiel gegen den SC Freiburg fielen wegen Krankheit und Knieverletzung Jonathan Tah und Ömer Toprak aus. Dann musste Trainer Roger Schmidt auch noch Kevin Volland und Admir Mehmedi auf die Verletztenliste setzen, die sich beide im Training einen Muskelfaserriss zugezogen hatten. Und schließlich erlitt Kevin Kampl im Spiel gegen Freiburg eine Fußverletzung, die weitere Einsätze im Jahr 2016 ausschließt.

Beim Nachbarn aus Köln sieht es ähnlich aus, dort beklagt der FC den Ausfall zahlreicher Leistungsträger: Mit Torwart Timo Horn, Kapitän Matthias Lehmann, Abwehrchef Dominic Maroh sowie Leonardo Bittencourt und Marcel Risse fehlen fünf Stammspieler.

Kritik am Leverkusener Training unberechtigt?

Doch während in Köln die Verletzungen wie Bänderrisse und Knochenbrüche überwiegend tatsächlich in die Kategorie "Verletzungspech" einzuordnen sind, wird im Umfeld von Bayer Leverkusen deutliche Kritik laut, vor allem wegen einer angeblich auffälligen Häufung von Muskelverletzungen, die es seit 2015 gegeben haben soll.

Bayers Athletiktrainer Oliver Bartlett geriet so in einigen Medien in die Kritik. "Im Kader nicht unumstritten" nennt ihn der Kicker, auch für die Rheinische Post steht Bartlett "im Fokus". Cheftrainer Schmidt stellt sich vor ihn. "Das liegt bei Weitem nicht in der Verantwortung des Athletiktrainers, sondern das liegt in der Gesamtverantwortung immer bei mir."

Der Journalist Fabian Siegel wertet auf seinen Blog fussballverletzungen.com Verletzungen in der Bundesliga statistisch aus. Und seine Zahlen widersprechen dem Eindruck. In Sachen Muskelverletzungen lag Leverkusen in der Saison 2015/16 völlig unauffällig im Mittelfeld der Liga. "Im Training der Werkself gab es sogar unterdurchschnittlich wenige Verletzungen, dagegen am Spieltag mehr." Das relativiert die Kritik, doch geholfen ist Leverkusen angesichts der aktuell langen Liste an Verletzten natürlich nicht. Roger Schmidt hat ein Problem: Bayer 04 stand seit Jahren zu diesem Zeitpunkt der Saison nicht mehr so schlecht in der Tabelle wie auf Platz neun im Moment, und die Verletzungen sind wohl ein Grund dafür.

Favres Gladbacher von 2011 bis 2015 fast verletzungsfrei

Gladbachs damaliger Trainer Lucien Favre im Januar 2015

Gladbachs damaliger Trainer Lucien Favre im Januar 2015

"Welch große Bedeutung eine Verletzungsfreiheit haben kann, beweist ein Blick auf die Saison 2014/15", sagt Siegel. Borussia Mönchengladbach hatte unter Trainer Lucien Fravre eine erste Elf, die es in die Champions League schaffte. Ob der Kader in seiner Gesamtheit das Zeug dazu gehabt hätte, ist wohl weniger wahrscheinlich - doch die Borussia erlebte eine Saison, in der kaum ein Stammspieler länger verletzt ausfiel.

Gerade Favre schaffte es, die Zahl der Verletzungstage niedrig zu halten, berichtet Siegel. Muskelverletzungen waren in der Saison 2015/16 mit 30,1 Prozent die häufigste Verletzung. Doch Muskelverletzungen haben im seltensten Fall etwas mit Pech zu tun, in Favres vier vollständigen Saisons bei Gladbach von 2011 bis 2015 hatte die Mannschaft durchgehend auffällig weniger Verletzungen als alle anderen Mannschaften. Es wurden die Jahre des Gladbacher Aufstiegs aus dem Bundesliga-Abstiegskampf in die Champions League. 11 Freunde berichtete 2015 über Favres überdurchschnittlichen Austausch mit der medizinischen Abteilung des Klubs.

Unter dem aktuellen Trainer André Schubert hat die Borussia eine ganz andere Bilanz. Am Ende der Saison 2015/16 hatte Gladbach nach der Auswertung auf Siegels Blog die viertmeisten Verletzungstage.

Verletzungen können ein Reizthema sein

Die Trainer wissen daher um die Bedeutung. Gibt es viele Verletzungen, kann es intern zu Streit kommen. Bei Klubs wie Köln und Frankfurt müssen die Sportdirektoren ihren Trainern wohl erklären, dass es eher wenige oder nur kostengünstige Nachbesserungen am Kader geben kann. Auch Leverkusens Sportchef Rudi Völler sagte bereits öffentlich: "Wir haben genug Spieler, auch wenn einige davon in der Vorrunde ausgefallen sind. Da geben wir eher noch den einen oder anderen ab."

Auf dem obersten Niveau sind Ausfälle selten durch kurzfristige Transfers zu ersetzen. Doch auch dort sorgen Verletzungen für Reibung - beispielsweise in München, als sich der damalige Trainer Pep Guardiola über das aus seiner Sicht langsame Tempo der Genesung seiner Verletzten beklagte und sich am Ende der Saison 2014/15 mit dem langjährigen Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt überwarf.

"Besser wurde seitdem wenig, die Bayern hatten in der folgenden Saison mit Abstand die meisten Ausfalltage durch Muskelverletzungen", sagt Siegel. Auch wenn bei den Bayern durch mehr Spiele ein größeres Risiko besteht, sich zu verletzen. Die Bundesliga dominierte Guardiola mit den Bayern drei Jahre in Folge, in der Champions League scheiterte er jedoch drei Mal im Halbfinale. Die Verletzungen könnten ein Grund gewesen sein.

Frankfurt schafft die Wende

Zur Zeit ist Eintracht Frankfurt neben Leverkusen und Köln eine weitere arg dezimierte Mannschaft. Die Liste liest sich wie bei den Kölnern jedoch ebenfalls etwas anders als bei Leverkusen - sie ist vor allem von Bänderrissen geprägt, kaum von Muskelverletzungen. "Da kann man gegenwirken", sagte Frankfurts Trainer Niko Kovac Anfang November im hr. "Gerade Muskelverletzungen ärgern mich sehr."

Er setzt Kraft- und Ausdauereinheiten aufs Programm für Stabilisation und Koordination. "Mit diesen Einheiten kriegen wir das hin", sagte Kovac. Auch wenn die Liste der Eintracht zurzeit lang ist, hat Frankfurt grundsätzlich die Wende eingeleitet - die Leverkusen nach den aktuellen Verletzungen auch wieder schaffen muss.

Stichwort: fussballverletzungen.com

In seinem Blog fussballverletzungen.com berichtet Fabian Siegel seit 2013 mit Daten bis 2009 über Verletzungen in der Fußball-Bundesliga. Eine hundertprozentige Abdeckung könne man aber kaum garantieren, da die Informationspolitik der Vereine zu Verletzungen unterschiedlich ist.

Stand: 06.12.2016, 14:26

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