WM 2006 - Nicht gekauft, aber vielleicht doch

Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer

Ermittler veröffentlichen Bericht

WM 2006 - Nicht gekauft, aber vielleicht doch

Die WM 2006 wurde nach Erkenntnissen der Kanzlei Freshfields nicht gekauft. Ein Stimmenkauf vor der Vergabe kann aber auch nicht ausgeschlossen werden. OK-Chef Franz Beckenbauer war in die dubiosen Zahlungen stärker eingebunden als bislang bekannt.

Das teilten die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) beauftragten Ermittler am Freitag (04.03.16) in Frankfurt/Main mit. Der Weg der dubiosen 6,7 Millionen Euro bleibt aber höchst verdächtig. In jedem Fall habe der DFB versucht, den wahren Verwendungszweck der Millionen-Zahlung im Jahr 2005 an den Weltverband FIFA bewusst zu verschleiern. Deshalb kommen auf den Weltmeisterverband mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Konsequenzen zu. Die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft sind noch nicht abgeschlossen.

Zahlung bewusst falsch deklariert

Im Zentrum der Ergebnisse stehen wie erwartet der damalige Organisationschef Franz Beckenbauer und der im Herbst 2015 als DFB-Präsident zurückgetretene Wolfgang Niersbach. "Wir haben keinen Beweis für einen Stimmenkauf gefunden, können diesen aber auch nicht ausschließen", steht in der Zusammenfassung der 361 Seiten, die Freshfields am Freitag um 13.30 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich machte. Zum Vorwurf der Verschleierung heißt es: "Nach dem Ergebnis unserer Untersuchung steht fest, dass die Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005 vom WM-Organisationskomitee bewusst falsch deklariert worden ist. Sie war als Betrag für die FIFA-Eröffnungsgala ausgewiesen, aber für Robert Louis-Dreyfus gedacht." Dies geschah offenbar offenbar in Absprache mit Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt. Deshalb ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft, es geht um die Falschangabe in der entsprechenden Steuererklärung 2005.

Der verstorbene Ex-Adidas-Chef Louis-Dreyfus hatte dem WM-OK laut der Ergebnisse finanziell ausgeholfen und 2002 ein Darlehen in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken (mit Zinsen rund 6, 7 Millionen Euro) gewährt. Ob dieses "nur der Sicherung des Finanzierungszuschusses der FIFA an das OK WM 2006 in Höhe von 170 Millionen Euro dienen sollte, oder ob zumindest auch ein weiterer, dahinterliegender Zweck" verfolgt wurde bliebe "offen", teilte die Kanzlei mit. Wer von den damals Beteiligten Kenntnis von dem Betrug gehabt habe, sei jedoch "strittig". Für die Zahlung im Jahr 2002 gebe es "keine plausible" Erklärung, teilten die Ermittler mit.

Zahlung ging an Bin Hammam

Mohammed bin Hammam

Mohammed bin Hammam

Die 10 Millionen Schweizer Franken flossen über den Umweg eines Verteilerkontos in der Schweiz an ein Konto in Katar, das dem inzwischen schwer belastetem früheren Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees, Mohamed bin Hammam, zugeschrieben wird. "Mit anderen Worten flossen die 10 Millionen Schweizer Franken nicht in das Vermögen der FIFA, die den Zuschuss als Verband gewährte", teilten die Ermittler mit: "Sondern in das Vermögen der KEMCO Scaffolding Co. (das bin-Hammam-Konto, d. Red.), die selbst keinerlei Leistung an den DFB erbrachte." Der seit 2012 gesperrte Skandal-Funktionär bin Hammam war damals Mitglied der FIFA-Finanzkommission, was die Überweisung in den Augen des WM-Organisationskomitees legitimierte.

Neu ist, dass auch Beckenbauer eine Millionensumme auf dieses Konto transferierte. Laut den Untersuchungsergebnissen wurde noch vor dem Darlehen Dreyfus' ein Betrag in Höhe von sechs Millionen Schweizer Franken über den Umweg eines Verteilerkontos überwiesen. Demnach ging die Summe in vier Tranchen zwischen dem 29. Mai und 8. Juli 2002 von einem Oder-Konto, dessen Inhaber Beckenbauer und Berater Robert Schwan waren, auf ein Konto einer Anwaltskanzlei (Advokaturbüro/Notariat Gabriel und Müller) in der Schweiz. Alle mit dem Verwendungszweck "Erwerb von TV und Marketing Rechten Asien Spiele 2006".

Initiiert habe die Überweisung Robert Schwan. Erst nachdem die sechs Millionen Schweizer Franken überwiesen waren, gab Louis-Dreyfus die Zahlung in Höhe von zehn Millionen Schweizer Franken in Auftrag, die dann auf das Verteilerkonto gingen und mit denen Beckenbauer seine sechs Millionen zurück bekam. Schwan verstarb am 13. Juli 2002. Die restlichen vier Dreyfus-Millionen gingen ebenfalls nach Katar.

Niersbach räumt Fehler ein

Ex-Präsident Wolfgang Niersbach räumte nach der Veröffentlichung des Freshfields-Berichts eigene Fehler ein. "Den Vorwurf, im Sommer 2015 meine Kollegen im DFB-Präsidium nicht zügig über die mir bis dahin bekannten Vorgänge informiert zu haben, verstehe ich", teilte Niersbach der Deutschen Presse-Agentur mit. Er habe sich im Sommer und Herbst 2015 "bemüht, die Hintergründe des Sachverhalts zu recherchieren und zufriedenstellende Antworten zu erhalten". Erst anschließend habe er das DFB-Präsidium informieren wollen. "Dass mir dies nicht gelungen ist, bedauere ich zutiefst."

Niersbach betonte zugleich, dass er erst am Freitag über die durch den Freshfields-Bericht publik gewordenen Zahlungen von Beckenbauer im Jahr 2002 Kenntnis erhalten habe. Nach wie vor, so das damals hochrangige WM-OK-Mitglied, bleibe er aber bei seiner Auffassung, dass für den WM-Zuschlag keine Stimmen gekauft worden seien.

Schweizer Ermittler kritisieren Veröffentlichung

Die Schweizer Bundesanwaltschaft kritisierte die Veröffentlichung des Freshfields-Berichts. Die Behörde halte fest, "dass die Publikation solcher Berichte die Kollusionsgefahr (Verdunkelungsgefahr - die Red.) erhöht, was die BA sehr bedauert", teilte ein Sprecher am Freitagabend auf Anfrage mit. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hatte nach einem Rechtshilfeersuchen der Kollegen der Frankfurter Staatsanwaltschaft zuletzt ebenfalls Ermittlungen eingeleitet - und sieht diese durch die Veröffentlichung offenbar gefährdet. In nächster Zeit sollen Vernehmungen zusammen mit den deutschen Ermittlern in der Schweiz stattfinden.

dpa/red | Stand: 03.03.2016, 19:00

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