Der schwere Stand von Frauen in der Fan-Kurve

Fans von RB Leipzig

Fanforscherin im Interview

Der schwere Stand von Frauen in der Fan-Kurve

Frauen auf dem Zaun oder als Vorsängerinnen sind immer noch eine Seltenheit in der Fankurve - Sexismus und Homophobie dagegen in vielen Stadien Alltag. Ein Interview mit Fanforscherin Cristin Gießler.

Sportschau.de: Frau Gießler, bei der EM 2016 gab es eine Diskussion um die Reporterin Claudia Neumann, die als erste Frau bei einem Turnier Männerspiele kommentieren durfte. Was sagt das aus über Geschlechterverhältnisse im Fußball?

Cristin Gießler: Es ist immer noch nicht selbstverständlich, dass Frauen sichtbare Rollen übernehmen, die typischerweise von Männern besetzt werden. Das sieht man ja auch im Management oder in Aufsichtsräten von Vereinen. Einflussreiche Positionen sind kaum von Frauen besetzt.

Gilt das auch für Fanszenen, speziell für Ultragruppen?

Gießler: Der Anteil der Frauen in Ultragruppen ist signifikant geringer als im gesamten Stadion. Es gibt immer noch Gruppen, in denen Frauen nicht teilnehmen dürfen. Im Schnitt aber stellen Frauen in den Ultragruppen etwa fünf bis zehn Prozent. Frauen sind aber auch dort selten in Führungspositionen zu finden und werden oft unsichtbar gemacht. Auf Gruppenbildern, den sogenannten Mobfotos, oder auch auf dem Zaun sieht man Frauen eher selten.

Gibt es spezielle Rollen für Frauen in Fangruppen?

Gießler: Sehr oft sind ihre Rollen mit typisch weiblichen Aufgaben verbunden. Die Rolle der Kümmerin, die Organisation von Auswärtsfahrten. Für Vorsängerinnen dagegen gibt es kaum Beispiele. Wenn es sie gab, dann mit großen Ressentiments und von Hasskommentaren begleitet.

Gibt es Vereine mit höherem Frauenanteil als anderswo? Gibt es gar eigene Frauen-Ultragruppen?

Gießler: In Heidenheim gibt es zum Beispiel die Ultragruppe "Societas", die nur aus Frauen besteht. In München gibt es die "Chicas", eine Untergruppe der "Schickeria". Das sind aber Ausnahmen.

Das alles verwundert nicht. Die Jugendkultur der Ultras ist stark männlich dominiert, es geht um traditionelle Werte wie Ehre, Härte, Treue. Ist das noch immer so?

Nürnberger Fans mit sexistischem Plakat

Nürnberger Fans mit sexistischem Plakat

Gießler: Die Frage ist, wer darf und kann an Fanszene teilhaben und welche Anforderungen müssen erfüllt werden. Und da stehen diese Werte immer noch im Zentrum. Bestimmte Regeln müssen befolgt werden, zu denen gehören Heterosexualität, Konkurrenzdenken und durchaus auch Gewalt. Daran knüpft dann auch immer die Frage an: Wie behandeln wir unsere Gegner? Und das passiert häufig durch Sexismus oder Homophobie.

Gibt es da keinerlei Aufweichungen mittlerweile?

Gießler: Es gibt Gruppen, die diesem Männlichkeitsappell nicht nachkommen wollen. Die sich für Vielfalt einsetzen und gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit positionieren. In Köln oder in Bremen zum Beispiel gibt es solche Gruppen. Das kann aber auch Probleme mit sich bringen.

Welche?

Gießler: Sie erfahren Abwertung von anderen Fanszenen. Fans von Preußen Münster haben mal beim Spiel gegen Bremen ein Spruchband hochgehalten "Gegen Sexismus und Homophobie". Kurz darauf dann ein zweites: "Ihr schwulen Fotzen“. Da wird sich über das Engagement lustig gemacht. Aber auch in der eigenen Szene ist es nicht leicht: Viele Gruppen wollen sich nicht solidiarisieren, weil sie Angst haben, als gesamte Szene diskriminiert zu werden.

Das kann ja auch zu gewalttätigen Übergriffen führen. In den vergangenen Jahren war vielerorts eine Renaissance der auf so genannte alte Werte bedachten Hooligans zu beobachten.

Gießler: Fans, die sich eher antidiskriminierend verhalten, sind ein Feindbild für Gruppen, die traditionellen Werten nahestehen. Die Kohorte in Duisburg oder die mittlerweile aufgelösten Aachen Ultras wurden beide Opfer von Übergriffen.

Sie beschäftigen sich in ihrer Untersuchung auch mit homosexuellen Fans. Gibt es bekennende Schwule in Ultragruppen?

Fans des FC St. Pauli mit einem Plakat gegen Sexismus

Fans des FC St. Pauli mit einem Plakat gegen Sexismus und Homophobie

Gießler: Wir beschäftigen uns vor allem mit der Frage, welche Funktion Heterosexualität übernimmt und inwiefern homosexuelle Menschen dadurch aus Fanszenen ausgeschlossen werden. Aber ja, die gibt es. Die Anzahl der offen lebenden ist aber sehr gering. Sie sind dort sichtbar, wo sich die Fanszene eindeutig als antidiskriminierend positioniert.

Häufig heißt es, man überfordere Fanszenen mit Arbeit gegen Homo- und Transphobie, es sei schon schwierig genug, antirassistische Arbeit zu leisten. Wie sehen Sie das?

Gießler: Diskriminierungsformen zu hierarchisieren ergibt wenig Sinn. Es geht darum, gegen Diskriminierungen als Ganzes zu arbeiten. Da zählen z.B. auch Antisemitismus, Antiziganismus und Behindertenfeindlichkeit hinzu.

Was kann man machen, um den verschiedenen Diskriminierungsformen zu begegnen?

Gießler: Wichtig ist auch, dass nicht nur Fans und Fanprojekte, sondern auch Vereine mitmachen. Das müssen noch nicht mal Regenbogen-Eckfahnen sein, wie sie bei Werder Bremen und dem FC St. Pauli an einigen Spieltagen zu sehen waren. Ein wichtiger Schritt wäre, das Problem von Sexismus, Homo- und Transphobie in der eigenen Fanszene erstmal zu benennen und zu sagen: Wir als Verein haben eine klare Position dazu. Das passiert bislang viel zu wenig.

Das Interview führte Christian Steigels.

Cristin Gießler

Zur Person: Cristin Gießler (32) arbeitet bei der Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFas) in Hannover. Gemeinsam mit Robert Claus und Franciska Wölki-Schumacher hat sie im Dezember die Studie "Geschlechterverhältnisse in Fanszenen" veröffentlicht.

Stand: 15.12.2016, 08:00

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