"Olle Kamellen" vom Schlitzohr - Doping im Fußball

Frank Mill

Geständnis des Ex-Nationalspielers

"Olle Kamellen" vom Schlitzohr - Doping im Fußball

Von Michael Ostermann

Der ehemalige Nationalstürmer Frank Mill gibt in seiner Biographie zu, einmal gedopt zu haben. Seine verharmlosende Beichte reiht sich ein in andere Erzählungen aus den achtziger Jahren. Doch Doping im Fußball ist weiter aktuell.

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Frank Mill hat eine Biographie geschrieben. Genau genommen schreiben lassen von einem langjährigen Sportjounalisten. "Das Schlitzohr des deutschen Fußballs", lautet der Titel des am Montag (11.09.2017) erschienenen Buchs. Nimmt man die vorab lancierten Inhalte als Maßstab, lässt sich festhalten: Mill ist immer noch ein Schlitzohr. Das Buch beinhaltet eine Dopingbeichte, die genug Aufmerksamkeit erzeugt, um den Verkauf des Werks anzukurbeln, aber zugleich harmlos genug ist, damit der Fußball auch weiterhin so tun kann, als sei das Thema Doping in seinen Kreisen lediglich eine Marginalie.

Wie aufgedreht

Die Geschichte, die Mill erzählt, geht so: Vor einem wichtigen Bundesliga-Spiel hat er in eine Dose mit Tabletten gegriffen, die praktischerweise auf der Toilette der Mannschaftskabine stand, sich eine Pille herausgefischt und diese mit einem Schluck Whiskey heruntergespült. Danach konnte der Stürmer wie aufgedreht über den Platz laufen, ohne müde zu werden. Die aufputschende Wirkung habe auch lange nach dem Spiel, bei dem Mill zwei Tore schoss, noch angehalten.

Bei welchem Verein, vor welchem Spiel sich die Episode zugetragen hat, verrät Mill nicht, beteuert aber, danach nie wieder Dopingmittel zu sich genommen zu haben. Das mag so stimmen. Und weil er so vage bleibt, könnte man die Geschichte tatsächlich als einmaligen Ausrutscher abtun. Dabei deckt sich Mills Darstellung mit anderen Beichten aus jener Zeit in den achtziger und neunziger Jahren, in der er als Fußballer für Rot-Weiss Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf aktiv war.

Zahlreiche Belege und Beichten

Der frühere Bundesliga-Trainer Peter Neururer berichtete bereits 2010, dass Doping im Fußball Ende der achtziger Jahre gang und gäbe gewesen sei. Viele Spieler seien "verrückt gewesen" nach dem Aufputschmittel Captagon, behauptete Neururer. Auch Ephedrin sei verbreitet gewesen.

Der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher hatte schon 1987 in seiner ersten Autobiographie mit dem Titel "Anpfiff" über Doping in der Bundesliga und bei der Nationalmannschaft berichtet und damit einen Skandal ausgelöst, der ihn seinen Job im DFB-Team und beim 1. FC Köln kostete, dem er heute als Vize-Präsident dient. Vor zwei Jahren lieferte eine Studie zu den Dopingpraktiken an der Universität Freiburg Belege für Anabolikalieferungen in den achtziger Jahren an den VfB Stuttgart und den SC Freiburg.

Alles "olle Kamellen", lange her? So einfach kann man sich die Sache nicht machen. Beichten und Belege für den Missbrauch leistungssteigernder Mittel auch nach den achtziger Jahren gibt es reichlich. 2004 etwa wurde der ehemalige Mannschaftsarzt von Juventus Turin, Riccardo Agricola, zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten verurteilt, weil er in den neunziger Jahren EPO und andere Dopingmittel verabreicht hatte. Der französische Ex-Profi Jean-Jacques Eydelie berichtete 2003 von Injektionen, die den Spielern von Olympique Marseille vor dem Champions-League-Finale 1993 verabreicht worden seien.

Zwischen zehn und 35 Prozent

Und heute? Im März sorgte die Diplomarbeit des ehemaligen Profis Lotfi El Bousidi kurzzeitig für Aufregung. In der 2016 erschienenen Studie wurden 150 Profifußballer in Schweden, Deutschland und Spanien anonym über Dopingpraktiken befragt. Das Ergebnis: Zwischen 14 und 29 Prozent gaben zu, zu verbotenen Mitteln zu greifen.

In Deutschland sind nach El Bousidis Berechnungen zwischen zehn und 35 Prozent der Fußballer gedopt. "Der Fußball hat definitiv ein Dopingproblem", erklärte er El Bousidi im März in einem Interview. Innerhalb der Branche wird das vehement abgestritten. Mills Geständnis ist nicht dazu angetan, das zu ändern.

Stand: 11.09.2017, 11:19

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