Reformbedarf beim DFB

Die DFB-Zentrale

DFB-Skandal

Reformbedarf beim DFB

Von Frank Hellmann

Strukturelle Defizite, mangelnde Kontrolle und falsche Personalauswahl haben den WM-Skandal beim größten deutschen Sportverband begünstigt. Für die Zukunft gibt es viel zu tun.

Vielleicht ist das die gute Nachricht in schlechten Zeiten: Die beiden Kapitäne, die das in schwere See geratene Flaggschiff namens Deutscher Fußball Bund (DFB) vorerst steuern, stehen nicht in Verdacht, von einem ehrbaren Kurs abzukommen. Auf die Doppelspitze mit Reinhard Rauball und Rainer Koch, die am Montagabend vorübergehend die Geschäfte vom zurückgetretenen Präsidenten Wolfgang Niersbach übernommen haben, lässt die Antikorruptions-Expertin Sylvia Schenk jedenfalls nichts kommen.

"Mit Rainer Koch und Reinhard Rauball haben vorläufig - salopp formuliert - biedere Juristen das Sagen", sagt die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International gegenüber sportschau.de. "Sie sind meines Wissens in keine aktuellen Vorgänge rund um die WM 2006 eingebunden gewesen und würden ihre ganze Reputation bzw. sogar Existenz aufs Spiel setzen. Daher ist aus meiner Sicht an dieser Paarung nichts auszusetzen."

Außerordentlicher Bundestag steht bevor

Rainer Koch, Reinhard Rauball

Duett an der DFB-Spitze: Rainer Koch und Reinhard Rauball

Aber jeder weiß: Als Dauerlösung geht die Doppelspitze eher nicht. Der 56 Jahre alte Koch ist als Präsident des Bayerischen (BFV) und Süddeutschen Fußball-Verbandes (BFV) ein Mann der Amateure, während der 68 Jahre alte Rauball als Ligapräsident und Boss von Borussia Dortmund eher den Profibereich vertritt. Rauball sagte der der "Bild"-Zeitung am Dienstag bereits ab. Der ebenfalls gehandelte Oliver Bierhoff (47) äußerte bereits am Dienstag auf der Pressekonferenz beim Nationalteam in München, dass er als Nationalmannschaftsmanger kein Interesse am Präsidentenposten habe. Namen wie Schatzmeister Reinhard Grindel (54) oder Generalsekretär Helmut Sandrock (59) werden alternativ besprochen.

"Gehen Sie davon aus: Wir werden bei der EURO 2016 vollständig geordnet aufgestellt sein", sagte Koch derweil bei einer Veranstaltung des Bayerischen Rundfunks. Da der Präsident für seine dreijährige Amtsperiode nur auf einem DFB-Bundestag gewählt werden kann, muss vor dem eigentlich für November 2016 geplanten Treffen in Erfurt ein außerordentlicher Bundestag stattfinden. Vermutlicher Termin wäre das Frühjahr nächsten Jahres.

"Es ist mehr machbar"

Das aber reicht nicht aus, um den DFB - ungeachtet aller externen Aufklärung durch Anwälte und Staatsanwaltschaft - für die Zukunft vor Ungemach  zu schützen. Es besteht Reformbedarf im größten Sportverband der Welt mit seinem mittlerweile 250 Angestellten, erklärt Schenk: "Die Vorgänge beim DFB betreffen – mit aller Vorsicht – den Zeitraum vor 2006/2007.  Heutzutage ist der DFB anders aufgestellt, es gibt bereits ein Compliance-Programm. Trotzdem ist da noch mehr machbar, denn der Verband ist nur bedingt mit einem mittelständischen Unternehmen gleicher Größenordnung - was Beschäftigtenzahl und Umsatz betrifft - vergleichbar."

Antikorruptionsexpertin: Sylvia Schenk

Antikorruptionsexpertin: Sylvia Schenk

Schenk weiter: "Beim  DFB  haben wir die Vermischung mit dem Ehrenamt, eine teils in sich geschlossene Struktur und Personalauswahl. Vor allem geht es um den besonders emotionalen Faktor Fußball. Der Skandal zeigt außerdem, dass beim Krisenmanagement und wohl auch den internen Kommunikationsstrukturen noch Verbesserungsbedarf besteht.“ Die einstige Leichtathletin, Frankfurter Stadträtin und Radsport-Präsidentin kennt sich aus bei den beiden bedeutenden Dachverbänden in der Otto-Fleck-Schneise. Vor allem der DFB litt lange unter seiner verkrusteten Strukturen.

Die 63-jährige Schenk empfiehlt, beim größten und mächtigsten nationalen Sportverband weltweit alles auf den Prüfstand zu stellen. "Ob man dann eine Ethik-Kommission einsetzt oder ob ein Ethikbeauftragter ausreicht, sollte geprüft werden.“ Wobei das am Weltverband angesetzte Kontrollinstrument mit Untersuchungskammer und rechtssprechender Kammer nur bedingt als Vorbild tauge, sagt Schenk: "Die Ethikkommission der Fifa ist  nicht unbedingt ein Vorbild. Sie veröffentlicht keine Entscheidungsgründe, wodurch der Eindruck einer Geheimjustiz entsteht. Ich habe das Gefühl, dass sich bei der Fifa hier zu viel verselbstständigt hat." Schenk gibt zudem zu bedenken, dass sich eine Ethik-Kommission unter DFB-Dach dennoch wohl kaum an ein Schwergewicht wie Franz Beckenbauer gewagt hätte. 

Zu viele Männerbündnisse und Abhängigkeiten

Die Riege kennt sich (teils zu) lange und steht mitunter in zu engen Abhängigkeiten zueinander. Was erklärt, dass manche Personalauswahl nach persönlichen Vorlieben getroffen wurde. Auch Niersbach hat gerne jene befördert, die ihm über Jahre bedingungslos folgten. Und noch immer bestimmen zu viele Männer-Bündnisse den Kurs - mit Hannelore Ratzeburg, DFB-Vizepräsidentin, befindet sich nur eine Frau in den wichtigen Führungszirkeln. Auch mit der Kritikfähigkeit ist es oft nicht weit her. Zudem geht es oft um Macht- statt um Sachfragen.

Als Theo Zwanziger noch das Kommando führte, war es offenbar auch mit dem Demokratieverständnis nicht so weit her. Warum hat Sandrock rückblickend von einer "Schreckensherrschaft" des Niersbach-Vorgängers gesprochen? Gerade jüngere Mitarbeiter verweisen gerne darauf, dass sich in den vergangenen Jahren viel geändert, auch die interne Kommunikation deutlich verbessert habe; sie aber nicht wissen könnten, welche "Leichen" ihnen die Altgedienten noch ins Kellergewölbe gelegt haben.

Nur wer sich mit den Interna wie Schenk länger befasst hat, ist  von den neuesten Enthüllungen wenig überrascht: "Seit dem Artikel im Manager-Magazin 2003 wissen wir von den Freundschaftsspielen des FC Bayern und den dafür gezahlten Fernsehgeldern. Ich habe schon früher gesagt, dass wir uns neben der Kritik an der WM-Vergabe 2022 an Katar auch die Vorgänge rund um die WM 2006 in Deutschland anschauen sollten. Man darf nicht immer nur auf andere Länder und Kontinente verweisen."

Stand: 10.11.2015, 13:30

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