Blatter - der Unverwundbare
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FIFA-Präsident in der Kritik
Blatter - der Unverwundbare
Von Christian Mixa
Korruptionsenthüllungen, Vetternwirtschaft, Affären - warum ist FIFA-Präsident Joseph Blatter eigentlich immer noch im Amt? Der Versuch einer Erklärung.
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Beispielslose Erfolgsbilanz
Joseph Blatter ist nicht nur Präsident des Fußball-Weltverbandes, er gebietet vor allem über einen Weltkonzern: Im Jahresbericht 2011 wies die FIFA für die abgelaufene Geschäftsperiode Einnahmen in Höhe von 631 Millionen US-Dollar aus, bei einem Gesamtumsatz von über 4,1 Milliarden US-Dollar. Die FIFA, vor einigen Jahren noch ein Sanierungsfall, steht unter Blatter wirtschaftlich so glänzend da wie noch nie. Einen Teil der Millioneneinnahmen schüttet der Weltverband an seine nationalen und Kontinentalverbände aus, in Form von "Fußball-Entwicklungsprogrammen", deren konkrete Verwendung oft unklar bleibt. Blatter inszeniert sich dabei als volksnaher Wohltäter, der in den ärmeren Gegenden der Welt Fußballplätze baut. Die Funktionäre aus den kleineren, finanzschwachen Verbänden danken es der FIFA und dem obersten Gönner im Gegenzug mit großer Loyalität.
Autokratischer Führungsstil
Formal ist die FIFA-Spitze ein Gremium aus gleichberechtigten Exekutivmitgliedern. Faktisch regiert Blatter seit Jahren wie ein Alleinherrscher. Alle wichtigen Entscheidungen werden im kleinen Kreis getroffen, im abgeschotteten Hauptquartier am Zürcher Sonnenberg. "Man muss nicht immer die Meinungen aller Gremien einholen und konsultieren", hat Blatter einmal vielsagend seinen Führungsstil umschrieben und dabei auch zugegeben, dass er nur den wenigsten Exekutivmitgliedern traut. Den Einfluss der Exekutive hat Blatter im Laufe der Jahre immer wieder durch geschickte Personalrochaden zurückgedrängt und dabei seinen eigenen Machtbereich zementiert.
Interne Kritiker abserviert
Diejenigen, die gegen sein Regime aufbegehren oder ihm gefährlich werden können, hat der 76-Jährige in der Vergangenheit stets ausbooten können: Der frühere Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen etwa oder dessen Nachfolger Urs Linsi, der drohte, über das Geschäftsgebaren im Weltverband auszupacken. Linsi soll dafür bei seiner Entlassung mit einer hohen Millionenzahlung abgefunden worden sein. Zuletzt gewann Blatter den Machtkampf gegen Mohamed Bin Hammam, der den Schweizer bei der Präsidentenwahl 2011 stürzen wollte. Bin Hammam zog, bedroht durch Korruptionsenthüllungen aus dem Blatter-Lager, am Ende seine Kandidatur zurück. Blatter wurde, wie schon bei den vorausgegangenen Präsidentschaftswahlen, ohne Gegenkandidat im Amt bestätigt - eine sportpolitische Farce. "Er hat sein System zur Perfektion getrieben", sagt Blatter-Chronist Jens Weinreich. "Er hat letztlich alle abgestraft, die ihn einmal in irgendeiner Weise in Bedrängnis gebracht haben."
Unverwundbar nach vielen überstandenen Skandalen
Blatter hat bisher noch alle Skandale und Anschuldigungen in seiner vierzehnjährigen Amtszeit schadlos überstanden: Ob es um Unregelmäßigkeiten bei seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten ging, die persönliche Bereicherung mit WM-Tickets, die sein Vizepräsident Jack Warner auf eigene Rechnung verkaufte. Oder um Vertragsstrafen in Millionenhöhe, weil die Marketing-Abteilung trotz eines gültigen Sponsorvertrages mit einem Kreditkartenunternehmen noch ein anderes Engagement mit einem Konkurrenten abschloss. Dass seit Jahren offenbar niemand im Weltverband in der Lage ist, ernsthaft an Blatters Thron zu rütteln und ihn zu Fall zu bringen, gibt ihm den Anschein von Unverwundbarkeit.
Politiker, Fans, Sponsoren - alle ziehen mit
Das Publikum verfolgt die dubiosen Vorgänge in der Fußball-Weltregierung seit Jahren mit einer Mischung aus Gruseln, heimlicher Faszination und unverblümter Empörung - wie zuletzt die umstrittene Entscheidung, die Weltmeisterschaft 2022 im Wüstenstaat Katar auszutragen. Doch spätestens wenn die Turniere losgehen, treten alle Vorbehalte bei Medien, Sponsoren, Fans und Politikern gegen die Fußball-Bosse aus Zürich in den Hintergrund. Beim lukrativen, von der FIFA orchestrierten Fußball-Fest, feiern letzten Endes alle mit.
Nationale Verbände bleiben linientreu
Das gilt auch für die großen nationalen Fußballverbände. "Alle müssten eigentlich Untersuchungen anstrengen, doch davor schrecken die Verbände zurück", kritisiert der englische Journalist Andrew Jennings, der seit Jahren im FIFA-Sumpf recherchiert, und liefert auch gleich die Begründung mit: "Millionen Menschen in aller Welt lieben den Fußball, die FIFA kassiert viel Geld von den Fans. Es gibt ein öffentliches Interesse am Fußball. "Auch beim ehemaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger, der sich als Förderer von Toleranz und Transparenz gab, erlahmte der Reformwillen immer dann, wenn er sich auf den Weg in die FIFA-Gremien machte. Auch als es um die Vergabe der WM 2006 ging, ordnete sich das deutsche Organisationkomitee dem FIFA-System unter. Franz Beckenbauer ging als Delegationschef weltweit Klinken putzen, umgarnte Funktionäre, Industrielle und wichtige Stimmenbeschaffer aus Blatters Weltreich, um das ersehnte Turnier ins Land zu holen. Auch deshalb kann Blatter nun, zwölf Jahre nach der Vergabe, Verdächtigungen über eine angeblich aus Deutschland "gekaufte WM" verbreiten. Die Anschuldigungen bleiben zwar nebulös, der DFB gerät dennoch unter Erklärungsdruck - weil er jahrelang versäumt hat, Distanz zu Blatter und den zwielichtigen Vorgängen in der FIFA aufzubauen.
PR-Genie in eigener Sache
Blatter ist ein geschickter Machtpolitiker und PR-Genie. Dazu gehört auch die Fähigkeit, schnell auf populäre Stimmungen zu reagieren: Das jüngste Beispiel dafür ist die Diskussion um die Torlinientechnologie: Jahrelang stand Blatter technischen Hilfsmitteln wie dem Videobeweis skeptisch gegenüber. Bei der EM vor wenigen Wochen, nachdem der Ukraine ein wohl regulärer Treffer verweigert wurde, vollzog Blatter auf einmal die komplette Kehrtwende und forderte die Einführung einer Torkamera. Langjährige Beobachter erkennen darin schon ein vorweggenommenes Wahlkampfmanöver, mit dem Blatter seinen potenziellen Rivalen Michel Platini düpieren will. Der UEFA-Boss, bislang ein erbitterter Gegner von technischen Hilfsmitteln, gilt bei der Wahl 2015 als Anwärter auf den FIFA-Thron.
Blatter, der Chefreformer
Nachdem Schmiergeldzahlungen und jahrelange Korruption im Weltverband nun auch gerichtlich belegt sind, hat Blatter erkannt, dass er sich nur im Amt halten kann, wenn er dem Ruf nach Reformen im skandalgeplagten Weltverband nachgibt - oder zumindest nach außen Reformwillen demonstriert. Die Kontrolle behält dabei aber weiter nur der Präsident: Blatter hat eine interne Kommission gegründet, die sich mit den Korruptionsfällen der Vergangenheit beschäftigen und einen neuen Ethik-Kodex erarbeiten soll. Ob die Gruppe jedoch ernsthaft Reformen anstoßen und sich dabei auch gegen den übermächtigen Präsidenten stellt, darf bezweilfelt werden: Der Leiter der Kommission bezeichnete Blatter jüngst als "Hoffnungsträger" bei der moralischen Erneuerung der FIFA. Der zum Chefreformer geadelte Blatter stellte seinerseits für das Jahr 2015 eine erneute Kandidatur für den Vorsitz in Aussicht.
Stand: 16.07.2012, 13:30