Blatter geht zum Gegenangriff über

Joseph Blatter

FIFA-Skandal

Blatter geht zum Gegenangriff über

Nach den Korruptionsenthüllungen beim Fußball-Weltverband ist FIFA-Boss Joseph Blatter zum Gegenangriff übergegangen. Blatter brachte die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland mit Bestechung in Verbindung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wies die Verdächtigungen umgehend zurück.

Nachdem am vergangenen Mittwoch (11.07.12) Schmiergeldzahlungen an FIFA-Funktionäre in Schweizer Gerichtsakten publik geworden waren, startete der stark in die Kritik geratene Blatter am Wochenende über Schweizer Zeitungen eine mediale Großoffensive und nahm dabei vor allem seine deutschen Widersacher aufs Korn. Der 76-Jährige erhob nebulöse Vorwürfe im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-WM 2006 im Juli 2000 an Deutschland. "Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv."

Der schweizer Journalist Jean Francois Tanda Play-Icon

Druck auf Blatter wächst | 04:22 min | 15.07.2012 | Sportschau | Das Erste

WM 2006 von Deutschland gekauft?

Auf die Nachfrage, ob er, Blatter, vermute, die WM 2006 in Deutschland sei gekauft gewesen, antwortete der Schweizer: "Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest." Deutschland hatte vor zwölf Jahren in Zürich in einer Kampfabstimmung im 24-köpfigen Exekutivkomitee der FIFA mit 12:11 Stimmen den Zuschlag für die WM 2006 erhalten. Bei Stimmengleichheit hätte Blatter als Präsident für die Entscheidung gesorgt; der Walliser war bereits für 2006 ein Befürworter einer WM am Kap der guten Hoffnung gewesen. Der Ozeanien-Vertreter Charlie Dempsey enthielt sich damals der Stimme, sodass die DFB-Bewerbung knapp die Oberhand behielt. Südafrika wurde erst 2010 erster afrikanischer Gastgeber einer WM-Endrunde.

DFB: "Komische Nebelkerzen"

DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock wies Blatters Verdächtigungen über mögliche Unregelmäßigkeiten beim WM-Zuschlag für Deutschland am Sonntag zurück: "Diese nebulösen Andeutungen sind völlig haltlos und scheinen vor allem den Zweck zu haben, von den aktuellen und aktenkundigen Vorgängen ablenken zu wollen", sagte Sandrock. Auch Franz Beckenbauer, damals Chef des deutschen WM-Organisationskomitees, bestritt Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe. "Ich kann die Äußerungen und Andeutungen von Sepp Blatter nicht nachvollziehen. Die enthaltene Stimme war schriftlich Deutschland zugesichert." DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sprach von "komischen Nebelkerzen" des FIFA-Präsidenten und stellte klar: "Wir haben da sauber gearbeitet."

Blatter beteuert: Von Schmiergeldzahlungen nichts gewusst"

Blatter erinnerte auch nochmals an die Vorwürfe von deutscher Seite bei seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten 1998 gegen den schwedischen UEFA-Chef Lennart Johansson. "Ich gewann mit 111 Stimmen. Der DFB-Präsident Egidius Braun sagte danach in einem Fernsehinterview: 'Gestern hatten wir die 111 Stimmen, heute hat sie Blatter. Er hat sie sich gestern im Hotel gekauft.' Diese haltlosen Vorwürfe habe ich nie mehr weggebracht", äußerte der FIFA-Präsident.

Zugleich wehrte sich Blatter gegen Vorwürfe, er habe die Schmiergeldzahlungen innerhalb der FIFA wissentlich geduldet. "Ich heiße weder Bestechung gut, noch unterstütze oder rechtfertige ich sie", sagte er der Schweizer Zeitung Sonntags-Blick. Von den Millionen-Zahlungen an Havelange und das langjährige FIFA-Exekutivmitglied Ricardo Teixeira habe er erst mit dem Bankrott des FIFA-Vermarkters ISL im Jahr 2001 erfahren. "Es war die FIFA, die damals Strafanzeige erstattet hat und den ganzen ISL-Fall ins Rollen brachte", betonte Blatter. Nachdem die Schmiergeldzahlungen an den früheren FIFA-Präsidenten Joao Havelange durch die Schweizer Gerichtsakten belegt wurden, ging Blatter nun auch erstmals auf Distanz zu seinem Vorgänger, der weiterhin als Ehrenpräsident amtiert. "Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen", sagte Blatter und kündigte an, beim FIFA-Exekutivkomitee zu beantragen, "dass das Thema beim nächsten Kongress behandelt wird".

Niersbach: "DFB-Präsidium erschüttert und geschockt"

Am Wochenende war auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach auf Distanz zu Blatter gegangen, nachdem zuvor Liga-Chef Reinhard Rauball von Blatter in einem Telefonat dessen Demission verlangt hatte. Das ganze Ausmaß der ISL-Affäre hat laut Niersbach "das komplette DFB-Präsidium erschüttert und geschockt". Man könne ihn naiv nennen, sagte der DFB-Chef weiter, "aber ich habe das bis jetzt nicht glauben können". Mit Blick auf die Sitzung der FIFA-Exekutive am Dienstag in Zürich sagte Niersbach: "Wir sind gespannt, ob es Konsequenzen gibt. Die Sitzung wurde ja anberaumt zur Verabschiedung des Reformprozesses. Aber aus meiner Sicht wird die Sitzung davon überschattet, was jetzt aktenkundig geworden ist."

IOC geht vorsichtig auf Distanz

Auch die Haltung des IOC verstärkt Blatters wachsende Isolation. "Wir müssen uns mit den Dokumenten vertraut machen", zitierte die Süddeutsche Zeitung nach eigener Anfrage zu der Affäre am Samstag eine IOC-Mitteilung. Zunächst jedoch scheint die weltweit größte Sportorganisation noch nicht die Initiative ergreifen zu wollen: "In erster Instanz ist diese Angelegenheit von der FIFA zu behandeln. Wir werden die Schritte beobachten, die sie unternimmt." Blatter gehört dem IOC seit 1999 an. Im vergangenen Winter noch hatte das IOC im Zusammenhang mit Havelanges Rücktritt aus dem IOC wegen drohender Ermittlungen aufgrund der Bestechungsvorwürfen ausdrücklich auf eine Untersuchung von Blatters Rolle in der Affäre um die ISL-Schmiergeldzahlungen verzichtet.

sid/dpa | Stand: 15.07.2012, 13:30

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