Reifendebatte bestimmt die Formel 1

Zerplatzer Reifen in Silverstone bei Lewis Hamilton

Nach dem Chaos-Rennen in Silverstone

Reifendebatte bestimmt die Formel 1

Auch nach dem Rennen in Silverstone bestimmen nicht Taktik und Renngeschick der Fahrer die Formel 1, sondern die Probleme mit den Reifen. Die FIA reagiert und erlaubt nun bestimmte Testfahrten.

Rivalitäten werden auf der Formel-1-Strecke zum Teil besonders erbittert ausgetragen. Normalerweise sind es die Fahrer, die wegen verletzter Stallordern oder verbotenen Fahrmanövern aufeinander losgehen.

Doch spätestens seit dem Rennen am Sonntag (30.06.13) in Silverstone haben die Piloten einen gemeinsamen Feind neben der Rennstrecke: Reifenhersteller Pirelli, der die Autos mit Einheitsreifen ausstattet, steht nach dem gefährlichen Reifendesaster beim Großen Preis von England am Pranger. Gleich bei vier Autos explodierten die Reifen, immer war es das linke Hinterrad, das die Fahrer ausbremste.

Immerhin: Die FIA reagierte am Montag und gab die kommenden Nachwuchsfahrer-Tests für alle Fahrer frei. Sämtliche Piloten, die mehr als zwei Grands Prix absolviert haben, dürfen vom 17. bis 19. Juli in Silverstone starten. "Es macht Sinn, die Tests an dem Ort durchzuführen, an dem die Probleme aufgetreten sind", sagte FIA-Präsident Jean Todt (67) und sprach von "ernsthaften Sorgen" der Fahrer.

Fahrer-Streik?

"Diese verdammten Reifen, dafür will ich mein Leben nicht riskieren", schimpfte Lewis Hamilton. Der Brite war von der Pole gestartet, ehe ihm in der achten Runde das linke Hinterrad um die Ohren flog und die Chancen auf einen Heimsieg zunichte machte. Die Probleme mit den Reifen zogen sich durch alle Teams: Auch an Felipe Massas Ferrari platzte ein Pneu, ebenso wie bei Jean-Eric Vergnes Toro Rosso und dem McLaren von Sergio Perez. Eine Fahrer-Fraktion um Ferrari-Pilot Massa erwägt angeblich sogar einen Boykott des nächsten Rennens auf dem Nürburgring. "Ich will nicht sagen, dass wir es tun werden", sagte der Brasilianer, "aber es wäre ein Weg, etwas für unsere Sicherheit zu tun."

"Die Teams müssen jetzt gemeinsam Druck auf Pirelli ausüben, damit solche Dinge nicht mehr passieren", sagte Niki Lauda, Aufsichtsrats-Chef der Silberpfeile. Auch bei Nico Rosberg schien die Freude über den zweiten Saisonsieg getrübt: "Zu viele Reifen sind kaputt gegangen, das muss analysiert werden", sagte er.

Neue Runde im Streit zwischen Mercedes und Red Bull

Rosbergs Erfolg befeuerte zugleich den Streit um die verbotenen Tests, den der Weltverband FIA mit ihrem Schiedsspruch vor dem Silverstone-Rennen eigentlich für beendet erklärt hatte. Das Motorsportgericht hatte Tests von Mercedes mit den Pirelli-Walzen im Mai als verboten eingestuft, aber von einer Rennstrafe für das Team abgesehen. Dass nun in Silverstone mit Rosberg ein Mercedes-Fahrer die Oberhand behielt, ließ sofort den erneuten Verdacht aufkommen, das Team hätte sich bei den heimlichen Tests doch einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschafft. "Ich kann diesen Blödsinn nicht mehr hören", sagte Aufsichtsratschef Lauda gegenüber dem Magazin Auto Motor und Sport. "Mit dem Gerichtsurteil wurde alles gesagt. Wir konzentrieren uns aufs Rennfahren."

Red Bull, gemeinsam mit Ferrari der Hauptkläger gegen Mercedes, setzte den Krach mit dem Rivalen auch in Silverstone fort und protestierte nach Rosbergs Sieg bei der Rennleitung. Rosberg, so der Vorwurf aus dem Vettel-Team, hätte in der 35. Runde, als das Rennen unter gelber Flagge lief, zuwenig Gas weggenommen. Die Rennkommissare beließen es bei einer Verwarnung.

Weltmeister Vettel, bislang einer der erbittertsten Reifen-Kritiker, vermied es nach seinem Ausfall, weiteres Öl ins Feuer zu gießen. "Wir müssen schauen, ob es an den Reifen lag oder an der Strecke", sagte Vettel, dem ein defektes Getriebe den Sieg kostete. Tatsache jedoch ist, dass Mercedes von Vettels Ausfall gleich doppelt profitierte: Rosberg, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls mit Reifenproblemen zu kämpfen hatte, konnte die anschließende Safety-Car-Phase für den dringend benötigten Boxenstopp nutzen und fuhr anschließend zum zweiten Saisonsieg.

Pirelli in Erklärungsnot

Doch die Diskussion um die Reifen überschattet den Rennausgang und begleitet die Formel 1 auf dem Weg zum kommenden Rennen auf dem Nürburgring. "Formel 1 in Fetzen", titelte die französische Sportzeitung L'Equipe nach dem Rennen. "Bislang hatte man über Pirelli gescherzt. Seit gestern macht man sich Sorgen."

Noch in Silverstone bestellte der Automobil-Weltverband Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery zu einem ersten Krisengespräch. Für den kommenden Mittwoch wurde zudem in Paris ein Treffen zwischen FIA-Vertretern und Pirelli vereinbart. "Sie haben mir zugesichert, dass die Vorfälle schnell analysiert werden und ihre Ideen und Vorschläge zum Lösen des Problems unterbreiten", sagte FIA-Präsident Jean Todt.

Der von allen Seiten kritisierte Reifenhersteller ist in Erklärungsnot und spielt auf Zeit: "Es gibt offenbar ein Problem mit den linken Hinterreifen, aber wir suchen noch nach dem Grund", sagte Pirellis Motorsportdirektor Hembery. Zugleich schloss er aber aus, dass die neuen Klebemittel, die in Silverstone erstmals eingesetzt wurden, für die Reifenplatzer verantwortlich seien.

Neue Reifen vielleicht schon auf dem Nürburgring

Auch Pirelli dürfte ein Interesse daran haben, die imageschädigende Reifendebatte schnell aus der Welt zu bekommen. Womöglich werden in der kommenden Woche am Nürburgring schon jene neuen Reifenmischungen eingesetzt, die eigentlich schon längst hätten im Einsatz sein sollen. "Wir wissen, dass die neuen Reifen funktionieren", hatte Hembery schon vor Wochen über die neuen Hinterreifen gesagt, die mit einem Kevlar- anstelle eines Stahlgürtels ausgestattet sind und sich auf der Strecke nicht so schnell ablösen sollen.

Weil die Teams aber mehr Testmöglichkeiten verlangten, wurden die neuen Pneus bisher noch zurückgehalten. Daran erinnerte jetzt noch einmal der Figaro: Der italienische Hersteller habe schon vor einigen Wochen vorgeschlagen, die Reifen zu überarbeiten, um sie resistenter zu machen, so die Zeitung. "Damals haben mehrere Teams, darunter Lotus, ihr Einverständnis verweigert."

mixa/dpa/sid | Stand: 01.07.2013, 11:45

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