Löw macht einiges falsch - eine Replik

Bundestrainer Joachim Löw

Zur Taktik der deutschen Mannschaft

Löw macht einiges falsch - eine Replik

Von Marcus Bark

"Löw macht alles richtig." Diese Titelzeile eines Kommentars bei Zeit online überrascht in den Tagen, in denen heftig über die Aufstellungen des Bundestrainers diskutiert wird. Eine Replik.

Überschriften sollen auch die Gunst des Users oder Lesers anziehen, deshalb provozieren sie bisweilen. Diese Antwort auf den Kommentar von Oliver Fritsch könnte daher heißen: "Löw macht alles falsch." Das wäre allerdings völlig falsch, denn Joachim Löw macht fast alles richtig. So schreibt es Oliver Fritsch auch weiter unten in seinem Text.

"Löw macht einiges falsch", lautet deshalb die Titelzeile dieser Replik. Auch damit ist der Tenor noch nicht richtig getroffen. "Löw machte einiges falsch" wäre besser, aber Überschriften sollten - siehe oben.

Löws Plan mit vier Innenverteidigern ging nur zwei Mal auf

Abwehr oder Mittelfed? Über Philipp Lahm wird diskutiert.

Abwehr oder Mittelfed? Über Philipp Lahm wird diskutiert.

Philipp Lahm ist eine zentrale Figur des deutschen Spiels. Das ist eine der wenigen Behauptungen, über die Konsens herrscht in Deutschland. Viele, wie auch Oliver Fritsch, sehen ihn wegen seiner Ballsicherheit und strategischen Fähigkeiten - wie der Bundestrainer - lieber im zentralen defensiven Mittelfeld als auf der Position des rechten Außenverteidigers. Wenn es diesen Mehrwert tatsächlich gibt (die bisherigen Spiele der WM lassen Zweifel zu), gleicht er den Qualitätsverlust einer Viererkette ohne Lahm nicht aus. Es ist nachzuvollziehen, dass Löw mehr Innenverteidiger in die Kette einbaut als üblich, also zwei.

Mats Hummels, Per Mertesacker und Jerome Boateng sind in sehr ordentlicher Form zu WM gekommen. Es wäre falsch gewesen, einen von ihnen auf die Bank zu setzen. Die auch bei Zeit online angesprochenen Schnelligkeitsdefizite gleicht Mertesacker immer noch durch sein Stellungsspiel aus. Auch der Gedanke, der häufig und zurecht kritisierten Zentrale der Kette mit dem vierten gelernten Innenverteidiger Benedikt Höwedes eine zweikampfstarke Unterstützung zu geben, war zu verstehen.

Die erhoffte Sicherheit aber gab auch dieser Plan nur in den Spielen gegen Portugal und die USA. Ghana gab beim 2:2 in Fortaleza 20 Schüsse auf das deutsche Tor ab. Beim 1:1 hatten in Höwedes, Mertesacker und Shkodran Mustafi gleich drei Verteidiger eine Teilschuld. Die Beiträge der Aushilfsaußenverteidiger für das Spiel nach vorne waren dürftig, abgesehen von der eingebrachten Kopfballstärke bei Standardsituationen.

Umstellung gegen Algerien verpasst

Marcus Bark

Für sportschau.de bei der Nationalmannschaft in Brasilien: Marcus Bark

Im Achtelfinale gegen Algerien wäre es angebracht gewesen, die Mannschaft umzustellen. Lahm als rechter Verteidiger und Erik Durm als linker hätten besser gepasst, denn Löw hatte für die Enden der Ketten die Taktik ausgegeben, sich weit vorne zu postieren, um das massive Verteidigungspersonal der Algerier (Löw: "Teilweise haben sie mit einer Fünferkette und vier Man davor gespielt.") auszugleichen.

Im Mittelfeld würde es ohne Lahm immer noch ausreichend viele und qualitativ hochwertige Möglichkeiten geben. Toni Kroos als pendelnder Spieler zwischen den Positionen des Sechsers und Achters (also weiter vorne, in den Halbräumen) an der Seite von Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira ergibt eine starke und sichere Zentrale, ob jetzt im 4-1-4-1 oder 4-3-3, die derzeit in einer lobenswerten Flexibilität gespielt werden. Allerdings bleibt die Frage, warum Löw die Position des offensiven zentralen Mittelfeldspielers, die in einem 4-2-3-1 vorgesehen ist, gestrichen hat. Dort, das sagt er auch selbst, kann Mesut Özil seine potentiell überragenden Möglichkeiten am besten einbringen.

Für einen Wechsel ist es nun zu spät

Erik Durm wird wohl nicht mehr zum Zuge kommen

Erik Durm wird wohl nicht mehr zum Zuge kommen

Für den Wechsel von Höwedes zu Durm ist es jetzt zu spät. Den Dortmunder, der ein (Test)-Länderspiel zu Buche stehen hat, nach diesen Diskussionen in ein Viertelfinale gegen Frankreich im Maracana zu schicken, könnte fatal enden.

Die Ergebnisse sprechen für Joachim Löw, auch das 2:2 gegen starke Ghanaer nach einem 1:2-Rückstand. Das Achtelfinale gegen Algerien sprach - abgesehen von der Einwechslung André Schürrles zur zweiten Halbzeit - gegen die Aufstellung des Bundestrainers, zumal der erst nach der Verletzung des überforderten Shkodran Mustafi passend umstellte.

Der heftigen Kritik am mäßigen, teilweise schwachen, teilweise desolaten Auftritt gegen eine Mannschaft, in der kaum Spieler über Erfahrungen in der Champions League verfügen (bei Deutschland war es nur Mustafi), setzen viele entgegen, dass bei einem Turnier das Weiterkommen zähle. Darüber wird zumindest weitestgehend Konsens herrschen. Fehlerhaftes Spiel und fragwürdige Aufstellungen aber als Teil eines Plans verkaufen zu wollen, führt zu weit. Wer gewinnt, macht nicht alles richtig. Wer verliert, nicht alles falsch. Vielleicht macht er sogar fast alles richtig und der Gegner alles.

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Stand: 03.07.2014, 11:10