Italien im Halbfinale - in deutschen Trikots

Weltfußballer 2006 - Fabio Cannavaro

Deutschland eifert dem Weltmeister von 2006 nach

Italien im Halbfinale - in deutschen Trikots

Von Marcus Bark (Santo André)

Der Spielstil der deutschen Nationalmannschaft hat an Attraktivität und Tempo verloren. Es bleibt der Erfolg. Die italienische Weltmeistermannschaft von 2006 dürfte sich in den DFB-Trikots wiedererkennen.

Der Weltfußballverband FIFA versammelte am Samstag (05.07.14) drei Stars vergangener Weltmeisterschaften in Rio de Janeiro, um über das laufende Turnier zu sprechen. Lothar Matthäus, Ronaldo und Fabio Cannavaro (Foto) saßen im Maracanã. Der Deutsche prägte die WM 1990 mit seinen dynamischen Vorstößen aus dem Mittelfeld und seinen Distanzschüssen. Der brasilianische Stürmer Ronaldo prägte das Turnier 2002 mit seinen Toren, zwei davon erzielte er im Finale gegen Deutschland.

Fabio Cannavaro wurde zwar nur als zweitbester Spieler der WM 2006 ausgezeichnet. Aber das lag daran, dass die Jury den Preis schon an Zinedine Zidane vergeben hatte, bevor dieser im Finale wegen seines fiesen Kopfstoßes vom Platz flog. Cannavaro erhielt nachträglich noch die verdiente Ehre. Er wurde 2006 Weltfußballer - als Innenverteidiger. Das war eine ebenso gerechte wie konsequente Auszeichnung, denn die besten Torschützen des Weltmeisters Italien waren Luca Toni und ein weiterer Innenverteidiger, Marco Materazzi, beide mit zwei Treffern.

Attraktivität? Wer fragt denn danach?

Italien holte den Titel, weil es wie Italien spielte: Wer kein Tor kassiert, kann nicht verlieren. Wer einen Torwart wie Gianluigi Buffon hat, wird schon wenig kassieren. Wer dann noch eines schießt, gewinnt. Attraktivität? Wer fragt denn danach? Mit dieser Taktik gewann Italien auch das Halbfinale gegen den Gastgeber, 2:0 nach Verlängerung, zwei späte Tore in Dortmund.

Spielszene Deutschland - Frankreich

Hinten dicht, vorne treffen: Manuel Neuer und Mats Hummels

Am Dienstag (08.07.14) muss die deutsche Nationalmannschaft den Gastgeber im Halbfinale ausschalten, um Weltmeister zu werden. Auf dem Spielplan steht Brasilien - Deutschland, aber in den weißen (oder auch rot-schwarzen) Trikots ist ein Azurblau versteckt, im Tor steht Manuel Neuer statt eines Buffon. Die klimatischen Bedingungen sind zu schwierig, mit Mesut Özil und Mario Götze wichtige Faktoren in zu schwacher Form, um attraktiven Offensivfußball oder ein blitzartiges Umschaltspiel zeigen zu können. Zudem fehlt Marco Reus, der wegen einer Verletzung zu Hause bleiben musste.

Fester Wille

Spielszene Deutschland - Frankreich

Zäher Kampf, hier Thomas Müller

Die deutsche Mannschaft überzeugte gegen Frankreich mit dem festen Willen, an die körperlichen Grenzen zu gehen, lief sieben Kilometer mehr als der Gegner. "Ich war früh platt", sagte Mats Hummels. Kapitän Philipp Lahm, der seine Vorstöße als rechter Verteidiger wohl dosierte, meckerte sogar: Die Ärzte hätten der Mannschaft "etwas vorgegaukelt", als sie sagten, nach der Vorrunde wäre es kühler in den Stadien.

Deutschland erspielte sich nur wenige Chancen im Maracanã. Stürmer Miroslav Klose gab keinen Torschuss ab, kam in 69 Minuten nur auf 29 Ballkontakte. "Wichtig war, dass wir das 1:0 gemacht haben. Dann kann man ein bisschen abwarten", sagte Lahm. Die Führung in der 13. Minute wurde nach einer Standardsituation erzielt: Freistoß Toni Kroos, Kopfball Hummels. Beim 4:0 gegen Portugal war ein Eckstoß von Kroos dem Kopfballtreffer von Hummels vorausgegangen. Der 2:2-Ausgleich gegen Ghana gelang Miroslav Klose nach einem Eckstoß von Kroos und der Kopfballverlängerung von Benedikt Höwedes.

Zeit für Standards

Deutschland, Frankreich, GER, FRA, Jubel, Schweinsteiger, Durm, Weidenfeller, Hummels, Klose

Keinen kassieren, einen schießen - Halbfinale

Standardsituationen zu nutzen ist ein hervorragender Plan, wenn es nur zäh nach vorne geht, weil die Kraft, die Luft, die Ideen fehlen. "Wir haben jetzt ein bisschen mehr Wert darauf gelegt als in den vergangenen Jahren", sagte Hummels in Rio. Auch der Bundestrainer gab zu, den Standards mehr Zeit im Training eingeräumt zu haben. Vor der Europameisterschaft 2012 hatte er noch gesagt, die wenige Zeit, die er seine Mannschaft zusammenhabe, wolle er für andere Dinge nutzen.

Joachim Löw hat in den vergangenen Wochen einige seiner Vorstellungen und Pläne über den Haufen geworfen. Er ist jetzt an einem Punkt, an dem ein Scheitern nicht mehr als Tragödie aufgefasst würde. Ein Halbfinale der WM beim Gastgeber zu gewinnen, ist eine der größten Herausforderungen des Fußballs. Italien hat sie 2006 gemeistert.

Stand: 06.07.2014, 02:00